Mobilität
28. März 2022 6:12  Uhr

Eine Mobilitätsbranche, die im Regen steht

Hat das Taxi in Städten wie Regensburg noch eine Zukunft? Von der Industrie- und Handelskammer kommt ein klares Ja. Allerdings ist Mut zur Transformation gefragt.

Gut Wetter sieht anders aus – die Taxibranche muss sich in der Mobilitätswelt von morgen warm anziehen. Foto: shaiith – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. „Die viertgrößte Stadt Bayerns, die zugleich Welterbestadt ist, mag ich mir ohne Taxiangebot nicht vorstellen.“ Dr. Martin Kammerer, Geschäftsführer Gremium Regensburg bei der Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz und Kelheim, formuliert ein klares Bekenntnis für das Taxigewerbe und seine künftige Rolle im Verkehrskonzept der Stadt. Doch das Taxigewerbe steckt nicht nur wegen der Coronakrise in einer echten Klemme. Gegenüber dem Fernsehsender RTL warnte vor Kurzem der Geschäftsführer des Bundesverbandes Taxi und Mietwagen Michael Oppermann vor einem massiven Rückgang der Anzahl von Taxiunternehmen in Deutschland. In Hamburg sei diese Zahl bereits bei einem Tiefststand seit 50 Jahren, in Berlin seit 30 Jahren.

Bald ein Drittel weniger Taxiunternehmen?

Oppermann rechnet bis Ende des Jahres mit einem Drittel weniger Anbietern auf dem Markt als noch vor der Coronakrise. Die Pandemie ist indes nicht der einzige Grund für die Gefährdung der Taxibranche. Im kommenden Herbst wird der Mindestlohn erhöht. Für das Taxigewerbe, das als regulierter Teilbereich des öffentlichen Personennahverkehrs solche Mehrbelastungen nicht kurzfristig individuell in einen höheren Fahrpreis einkalkulieren kann, ist das ein weiterer finanzieller Knackpunkt. Teilweise reagiert die Politik bereits darauf. So gibt es aktuell einen Antrag der SPD-Stadtratsfraktion in Nürnberg, das Verfahren für die Jahresanpassung des Taxitarifes in der Stadt so frühzeitig einzuleiten, dass die Taxiunternehmen die Erhöhung des Mindestlohnes abfedern können.

„Die Tarifordnungen werden nur auf Antrag der Unternehmen angepasst“, erklärt dazu Kammerer von der IHK Regensburg. Die letzte Taxitarifanpassung in Regensburg, so teilt das zuständige Ordnungsamt mit, gab es im Dezember 2019. „Uns liegen bisher noch keine Anträge für eine Tarifanpassung vonseiten des örtlichen Taxigewerbes vor“, so Stefan Koch. Eine Anpassung sei in der zuständigen städtischen Abteilung derzeit auch nicht in Planung. Mit einem Grundpreis von 4,60 Euro und einem Mindestfahrpreis von 4,80 Euro ist der Taxitarif in Regensburg im Vergleich nicht unbedingt günstig. Das Portal www.taxi-rechner.de sieht den Regensburger Tarif auf Platz 36 der 225 teuersten Taxitarife Deutschlands. In Ingolstadt und dem Nürnberger Land ist Taxifahren jeweils um 14,3 Prozent, in Dingolfing-Landau sogar um 15,5 Prozent billiger.

Letzte Tariferhöhung im Dezember 2019

Geht es dem Taxigewerbe in Regensburg also noch gut? Die aktuellsten Zahlen, die es dazu gibt, stammen aus einem Taxigutachten vom April 2019. Das dürfte auch zur letzten Erhöhung des Tarifes geführt haben, denn zum Gutachtenzeitpunkt betrug der Mindestpreis 3,40 Euro. 52,9 Prozent der befragten Taxiunternehmen hielten den Tarif damals für zu niedrig und wünschten sich einen neuen Preis von 4,61 Euro. Weder die Coronakrise noch die aktuell extrem erhöhten Kraftstoffpreise waren damals schon abzusehen. Trotzdem lohnt sich ein Blick in das Gutachten. Der Rostocker Gutachter Dr. Burkhard Saß beleuchtete die Funktionsfähigkeit des Gewerbes darin unter verschiedensten Aspekten von der Kaufkraft der Bevölkerung über die Entwicklung von Umsätzen und die Höhe von Vorsorgevermögen bis hin zur Dichte des Taxinetzes.

In Summe sah Burkhard damals „Anzeichen einer gegenwärtigen und künftigen Bedrohung der Funktionsfähigkeit des Gewerbes.“ Er bemängelte die Altersstruktur der Fahrzeuge, die mit durchschnittlich 6,05 Jahren über dem Altersdurchschnitt anderer Städte liege. Gleichzeitig sah die Taxibranche die Einführung eines Nachtbusses und die geplante Stadtbahn als schädliche Konkurrenz. Die „deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegende Kaufkraft“ in der Domstadt und die „positive Entwicklung des Tourismus“ sah der Gutachter wiederum als Chancen für eine solide Zukunft. Doch der Tourismus hatte sich als Positivfaktor in der Coronakrise über lange Strecken erledigt. Und die Kaufkraft könnte angesichts der durch die Ukrainekrise befeuerten Inflation zumindest mittelfristig deutlich sinken. Ganz zu schweigen davon, dass die Taxiunternehmen selbst massiv unter dem hohen Dieselpreis leiden.

Stadt ohne Taxiservice – wirklich undenkbar?

„Taxiverkehre werden etwa für mobilitätseingeschränkte Personen auch in Zukunft Bestandteil urbaner Mobilität sein“, so Oliver Petzoldt, Bereichsleiter Marketing am Standort Regensburg der PB Consult GmbH, Mitglied im Regensburger Cluster Mobility & Logistics. Für die Nürnberger Mobilitätsforscher ist jedoch „ein nachhaltiges, individuelles Mobilitätskonzept der Zukunft die Kombination aus zu Fuß gehen, Fahrradfahren, ÖPNV und Sharingfahrzeugen.“ Der Taxibranche rät Petzoldt, „pfiffige Konzepte zu entwickeln“ wie autonom fahrende App-Taxis. Angesichts des massiven Personalproblems der Branche wäre das langfristig vielleicht ein Weg in eine wirtschaftlich sichere Zukunft.

Interview

Zahlreiche Schikanen im Rennen um die Existenz

Thomas Kroker, Vorsitzender Landesverband Bayerischer Taxi- und Mietwagenunternehmen e. V., sieht die Taxibranche auch in Zukunft als einen elementaren Bestandteil der Daseinsvorsorge und der Mobilitätsgarantie zu verlässlichen, garantierten Preisen.

Hier geht’s zum Interview …