Serie: Transformation der Berufsbilder
2. September 2021 5:56  Uhr

Eine neue Führungsrolle mit Wohlfühlcharakter

Ein neues Berufsbild fasst Fuß in der Unternehmenswelt: Der Feelgoodmanager könnte künftig auch die Auswirkungen von Corona und der digitalen Transformation abfedern helfen.

Profis für gute Laune am Arbeitsplatz: Über das neue Berufsbild des Feelgoodmanagers gehen die Meinungen auseinander. | Foto: Friends Stock – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

OSTBAYERN. „Von je 100 Beschäftigten in einem durchschnittlichen Unternehmen haben 17 Prozent eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber.“ So steht es im aktuellen Gallup Engagement Index 2020, der im letzten Quartal 2020 erhoben und im März 2021 veröffentlicht wurde. 68 Prozent der Mitarbeiter haben demnach eine geringe emotionale Bindung, 15 Prozent sogar überhaupt keine. Auf Basis von Zahlen des Statistischen Bundesamtes 2020 hat Gallup außerdem berechnet, dass 5,7 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland bereits „innerlich gekündigt“ hätten. Das Wirtschaftsanalytikunternehmen beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten, die durch diese Einstellung entstünden, auf eine Summe zwischen 96,1 und 113,9 Milliarden Euro.

Brauchen deutsche Unternehmen dringend einen Feelgoodmanager? Auf jeden Fall taucht diese Stellenausschreibung derzeit immer öfter in den einschlägigen Portalen auf. Der „Ausbildungspakt Berufsorientierung“ in Berlin sieht im Feelgoodmanager eine Schnittstelle zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, einen „vergleichsweise neuen Beruf, der aber voraussichtlich gute Zukunftsaussichten hat“. Ein kompetenter Ansprechpartner für persönliche Belange während der Arbeit sei, so das Portal, nicht nur für große, namhafte Unternehmen essenziell, sondern auch für Start-ups, in denen die Motivation jedes einzelnen im Vordergrund stehe.

Eingewandert aus dem Silicon Valley

Der Feelgoodmanager kommt, wie zahlreiche andere Phänomene des New Work, aus der amerikanischen IT-Branche. Schon 2017 brach Janine Novo de Oliveira, damals seit fünf Jahren Feelgoodmanagerin bei Facebook, auf dem Berufsnetzwerk Xing in einem Artikel eine Lanze für ihren Beruf: „Unternehmen brauchen einen Partner, der sich gezielt den sozialen Aspekten des Unternehmensalltags widmet.“ Personalabteilungen hätten oft strikt definierte Aufgabenbereiche, die nicht die Flexibilität böten, sich um „sekundäre Unternehmensprozesse“ wie etwa die emotionalen Bedürfnisse der Mitarbeiter zu kümmern. Für Novo de Oliviera geht es nicht darum, „tolle Inneneinrichtungskonzepte umzusetzen oder Leitsätze an die Wand zu hängen“. Vielmehr gehe es um die menschlichen Bedürfnisse nach Authentizität, Verbundenheit und Gemeinschaft.

Patryk Czechowski vom Berliner Institut für Managementberatung (IFM) geht in den IFM-Business News vom 17. Juni dieses Jahres noch einen Schritt weiter: „Unternehmen brauchen ein durchdachtes Wohlfühlmanagement, um attraktiv und wettbewerbsfähig zu bleiben.“ Die eingangs erwähnte Gallup-Studie ist für ihn ein Signal, „das Wohlbefinden der Mitarbeiter viel ernster zu nehmen“. Ansonsten seien die Produktivitätsverluste gravierend. Das IFM ist einer der Anbieter, die eine Weiterbildung zum Feelgoodmanager im Programm haben. Zielgruppe sind Facharbeiter und Akademiker. Die Weiterbildungsmaßnahme dauert sechs Monate und schließt mit einem zertifizierten Diplom ab.

Eine Aufgabe für echte Allrounder

Liest man die Liste der Kompetenzen, die ein Feelgoodmanager mit ins Unternehmen bringen sollte, versteht man, warum Czechowski ihn „Allrounder“ nennt. Typische Aufgaben sind demnach Feedbackgespräche über Mitarbeiterwünsche, Konfliktmanagement, Beratung zum Selbst- und Zeitmanagement, Organisation von Teambuilding-Maßnahmen und Firmenveranstaltungen, Planung von Weiterbildungen, Onboarding von neuen Mitarbeitern und die Förderung und Vermittlung der Unternehmenskultur. Führungskompetenzen sind ebenso gefragt wie Expertise in den Bereichen Personalentwicklung, Gesundheitsmanagement und Eventmanagement. Noch weitaus wichtiger für einen erfolgreichen Feelgoodmanager sind soziale Kompetenzen – an erster Stelle Kommunikationsfähigkeit und -freude, Empathie, aber auch Durchsetzungsvermögen sowie ein grundlegend positives Menschenbild. Kreativität ist für das Feelgoodmanagement ebenso unerlässlich. Wer beruflich aus dem Personalwesen kommt oder ein abgeschlossenes Studium der Soziologie, Psychologie oder Wirtschaftswissenschaft vorweisen kann, bringt eine gute Basis mit. Wer sich nicht sofort auf eine mehrmonatige Weiterbildung einlassen kann oder will, sollte nach Angeboten für Wochenendseminare Ausschau halten, bei denen man in diese neue Position hineinschnuppern kann.

Auch die Industrie- und Handelskammern befassen sich mittlerweile mit dem Thema: So bietet etwa die IHK Akademie Schwarzwald-Baar-Heuberg im Januar 2022 in Villingen-Schwenningen ein Vollzeitseminar für Feelgoodmanager mit abschließendem IHK-Zertifikat an. Als Zielgruppe werden hier auch Unternehmer, Führungskräfte, Meister, Personalreferenten, betriebliche Gesundheitsmanager und Changemanager genannt. Vermittelt werden sollen unter anderem das Feelgoodmanagement als strategisches Element, die Leitbildentwicklung und Gestaltung von „Unternehmensenergie“, emotionale Intelligenz, das Verständnis für gruppendynamische Prozesse und das Konfliktmanagement.

Unverzichtbar in der digitalen Arbeitswelt nach Corona?

Die Coronapandemie und die digitale Transformation könnten den Feelgoodmanager als neues Berufsbild noch einmal befördern. Der Gallup-Engagement-Index zeigt: Corona hat die emotionale Bindung der Belegschaften an die Unternehmen 2020 leicht erhöht, aber ebenso die Bereitschaft, das Unternehmen zu wechseln. Ein engagiertes Feelgoodmanagement könnte gerade jetzt helfen, Fachkräfte zu binden – oder abzuwerben. Eine weitere wichtige Aufgabe für den Feelgoodmanager könnte das gezielte Onboarding für Mitarbeiter sein, die virtuell im Homeoffice eingearbeitet werden müssen.

Interview

Der Feelgoodmanager funktioniert nicht isoliert

Professor Dr. Bernt Mayer, Professor für Unternehmens- und Personalführung an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden, sieht für Mitarbeiterzufriedenheit eher das HR-Management in der Pflicht.

Hier geht’s zum Interview …

Serie „Transformation der Berufsbilder“

325 anerkannte Ausbildungsberufe gab es 2020 in Deutschland, 1971 waren es noch 606. Doch auch wenn die Zahl der Berufe absolut abnimmt, gibt es auf der anderen Seite Bedarf für neue Berufe. Für einen beschleunigten Wandel gewohnter Berufsbilder sorgt derzeit besonders die Digitalisierung – wenn auch nicht nur. In der Serie „Transformation der Berufsbilder“ stellen wir einige konkrete Beispiele für Transformationen und Neuerungen vor, wie etwa zum Auftakt den Smart Farmer oder in dieser Folge den Feelgoodmanager. In den kommenden Folgen geht es zum Beispiel um neue kulinarische Perspektiven: Insektenzüchter werden künftig nicht nur für eine alternative Tierfutterquelle sorgen, sondern den Grundstoff für neuartige Lebensmittel ohne den gesellschaftlich immer umstritteneren Fleisch- und Fischbestandteil liefern. Selbst die Art, wie uns künftig Waren im Handel schmackhaft gemacht werden, ändert die Digitalisierung – zusätzlich beschleunigt durch Corona: Sie hat den Digital Category Manager Einzelhandel hervorgebracht. In die Luft gehen wir mit den Drohnenpiloten: Die Perspektive auf die Welt ist in ihrem Job im wahrsten Sinne des Wortes „abgehoben“. Ob die Arbeit des E-Sport-Managers wesentlich mehr Bodenhaftung hat, sei dahingestellt – der Spaß an der Arbeit scheint hier zumindest vorprogrammiert.