Interview
23. Dezember 2020 17:09  Uhr

Einen „Klima-Impfstoff“ wird es so wohl nicht geben

Den Klimawandel verlangsamen und seine Folgen sozialverträglich gestalten – dies sind laut Prof. Dr. Florian Hartig, Professor für Theoretische Ökologie an der Universität Regensburg, die wichtigsten Handlungsfelder unserer Zeit.

 

„Systemwechsel statt Klimawandel“ fordern junge Menschen bei Fridays-For-Future-Demonstrationen auf der ganzen Welt. Nach Lage der Dinge wird ihnen die Zukunft wohl beides bescheren. | Foto: DisobeyArt – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

Professor Hartig, momentan bestimmt das Coronavirus den öffentlichen Diskurs, der Klimawandel gerät einstweilen ins Hintertreffen. Dennoch ist er nicht aus der Welt. Welche Entwicklungen prognostizieren Sie für die „neuen Zwanziger“?

Prof. Dr. Florian Hartig: Dass die Covid-19-Pandemie aktuell die mediale Aufmerksamkeit dominiert, ist verständlich. Das ändert aber nichts an der Realität des Klimawandels, der inzwischen unvermindert weitergeht. Dieser November war der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Auswirkungen, zum Beispiel die ungewöhnlich starken Waldbrände im Westen der USA, waren deutlich zu spüren. Müsste ich eine Vorhersage machen, was 2100 in den Geschichtsbüchern über die 20er-Jahre stehen wird, so könnte ich mir folgende Zusammenfassung vorstellen: Trotz einer kurzzeitigen Wiederbelebung des Nationalstaats durch die damals grassierende Covid-19 Pandemie waren die 20er-Jahre hauptsächlich durch die digitale Revolution, Migration und Umweltprobleme sowie durch neue geopolitische Blockbildungen und die Ausweitung von supranationalen Strukturen geprägt. Der Diskurs um Fragen globaler Umwelt, Klima und Gerechtigkeitsprobleme verschärfte sich in diesem Jahrzehnt, Lösungen für diese Probleme konnten aber erst wesentlich später nach der Transformation in eine technologisch digitalisierte und politisch globale Gesellschaftsordnung erreicht werden.

Um im Coronabild zu bleiben: Wie optimistisch gestimmt sind Sie eigentlich, dass es in dieser Dekade auch einen „Impfstoff“ gegen die Erderwärmung geben wird?

Da bin ich skeptisch. Der Punkt ist: Ein Impfstoff wäre ja auch bei Corona gar nicht unbedingt notwendig. Viele asiatische und pazifische Länder haben die Pandemie durch relativ einfache Verhaltensänderungen faktisch gestoppt. In den westlichen Ländern gab es für diese Verhaltensänderungen aber keine politischen Mehrheiten und so warten wir nun darauf, dass uns die Impfung von der Pandemie erlöst. Beim Klimawandel wird es wahrscheinlich keine technische Lösung des Problems geben, die bezüglich Kosten und Bequemlichkeit mit einer Impfung vergleichbar ist.

Ich würde (…) erwarten, dass wir uns in den nächsten Jahren mit relativ schmerzfreien kleineren Veränderungen durchmogeln, um dann ähnlich wie jetzt in der Pandemie irgendwann festzustellen, dass das nicht ausreichend war.

Und was wäre Ihrer Ansicht nach die Impfstoff-Alternative?

Was wir bräuchten, wäre wahrscheinlich eher sowas wie ein „Lockdown“. Hierfür gibt es derzeit aber weder in den durch Verlustängste geprägten westlichen Industriegesellschaften noch in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens politische Mehrheiten. Ich würde also erwarten, dass wir uns in den nächsten Jahren mit relativ schmerzfreien kleineren Veränderungen durchmogeln, um dann ähnlich wie jetzt in der Pandemie irgendwann festzustellen, dass das nicht ausreichend war.

Die vom Menschen verursachte globale Erwärmung wurde lange Zeit geleugnet. Wodurch könnten Skeptiker von der Realität des Klimawandels überzeugt werden?

Solche Meinungen entstehen gerade nicht durch mangelnde Informationen, sondern eher durch emotionale und soziale Faktoren: Das Gehirn entscheidet zunächst unterbewusst, was es glauben will, und rationalisiert das Ergebnis dieses Prozesses dann durch selektive Logik und Fakten. Auch Wissenschaftler sind vor diesem Prozess natürlich nicht gefeit, allerdings versucht die wissenschaftliche Methodik, diesen Mechanismus so gut wie möglich zu unterbinden. Aus diesem Modell des menschlichen Denkens ergibt sich, dass eine faktenbasierte Diskussion mit den Skeptikern und regelrechten Verschwörungstheoretikern wahrscheinlich wenig zielführend ist. Langfristig sinnvoller wäre es, über Teilhabe, Institutionen und Kultur den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken und so die Konsensfähigkeit zu erhöhen.

Vor etwas mehr als einem Jahr haben Ihre Kollegen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung einen spektakulären Vorschlag gemacht: Um den Anstieg des Meeresspiegels zu stoppen und damit letztlich Küstenstädte wie New York oder Hamburg zu retten, könnte man die Antarktis beschneien. Was halten Sie von derartigen Initiativen?

Der Vorschlag ist ein Beispiel für das sogenannte Geoengineering. Darunter versteht man aktive Eingriffe in das Klimasystem, um den Klimawandel oder dessen Auswirkungen zu verringern. Es gibt in diesem Bereich eine ganze Reihe Vorschläge. So könnten wir zum Beispiel versuchen, das Algenwachstum in den Ozeanen anzuregen, durch Nanopartikel die Strahlungsbilanz der Atmosphäre zu verändern, oder CO2 aus der Luft zu ziehen und unterirdisch zu lagern. Solche Überlegungen kann und muss man machen. Ambitioniertere Szenarien zur Beschränkung des Klimawandels gehen davon aus, dass wir in der Zukunft einen Teil dieser Lösungen umsetzen werden. Die wirtschaftlichen Kosten dieser Verfahren sind aber oft höher als eine direkte Senkung der CO2-Emissionen. Es ist also keine Alternative, sondern maximal eine Ergänzung zur direkten Reduktion der fossilen CO2-Emissionen.

Häufig heißt es: „Ist ja schön und gut, wenn Deutschland und Europa größere Anstrengungen beim Klimaschutz unternehmen – doch in Indonesien und Brasilien werden weiter die Wälder gerodet und über China braucht man gar nicht erst zu reden.“ Was entgegnen Sie dieser Ansicht?

Das ist ein Totschlagargument, vor allem, weil die Politiker in Indonesien, Brasilien und China fast das Gleiche sagen. Denn diese können mit Recht darauf verweisen, dass der CO2-Verbrauch pro Kopf in Deutschland immer noch viermal so hoch ist wie in Brasilien. Solche polemischen Argumente bringen uns nicht weiter. Man muss sich gemeinsam an einen Tisch setzen und Lösungen aushandeln, die für alle Seiten akzeptabel sind. Genau das ist das Ziel der seit 1995 stattfindenden UN-Klimakonferenzen. Selbst wenn nicht immer alle Staaten bei den finalen Abkommen dabei waren, hat dieser Mechanismus doch etwas bewirkt, nur geht es halt zu langsam voran.

Kann der Klimawandel sozialverträglich gestaltet werden?

Ich sehe keinen Konflikt zwischen Klimapolitik und Gerechtigkeit. Fakt ist: Je mehr Geld Sie haben, desto größer ist Ihr CO2-Verbrauch. Das gilt innerhalb von Deutschland, aber auch international. Die Kosten des Klimawandels tragen aber alle Menschen gleichermaßen. Richtig betrachtet ist es so, dass im Moment reiche Menschen und Länder auf Kosten der ärmeren CO2 emittieren, was sozial ungerecht ist. Natürlich würde es bei einer ambitionierteren Klimapolitik auch Verlierer geben. Glücklicherweise haben wir in Deutschland aber ein gutes Sozialsystem, das Härtefälle abfedern kann. Grundsätzlich würden wir durch eine Reduktion des Klimawandels aber mehr soziale Gerechtigkeit erzeugen, nicht weniger.

Nach seinem Studium in Theoretischer Physik an der Freien Universität Berlin und der Universität Uppsala in Schweden war Florian Hartig Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Freiburg. Seit 2016 ist er Professor für Theoretische Ökologie an der Universität Regensburg. In seiner Forschung konzentriert Hartig sich auf Theorie, Simulationsmodelle und statistische Methoden in Ökologie, Evolution und Naturschutz. Beispiele für neuere Aktivitäten sind die Entwicklung statistischer Software, die Modelldatenintegration dynamischer Vegetationsmodelle, statistische Anwendungen, Methodenvergleiche und die Koexistenztheorie. Foto: Clara Arranz

Fazit

Die Zeit wird knapp: Laut dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel wird der Klimawandel ab dem Jahr 2030 irreversibel sein. Das bedeutet, dass sich in den kommenden Jahren entscheidet, ob die schlimmsten Folgen der menschengemachten Klimaveränderungen noch abgewendet werden können. Doch ob eine schnelle Abkehr von Kohle, Öl und Gas, ein rascher Umstieg auf Ökostrom und Fahrzeuge ohne Abgase sowie die Renovierung von Millionen Häusern gelingt, bleibt abzuwarten. Ein Klima-Lockdown wäre, wie Professor Hartig im Interview sagt, möglicherweise die richtige Antwort, doch politisch nicht durchsetzbar. Ebenso wenig kann man sich allein darauf verlassen, dass große technische Innovationen etwa auf dem Gebiet des Geoengineering den Klimawandel einfach in Luft auflösen. Vielmehr muss das ewige Schwarzer-Peter-Spiel zwischen Staaten und Kontinenten einem konstruktiven Miteinander weichen, damit ein global wirksamer und sozial verträglicher Kampf gegen den Klimawandel gelingen kann. Sollte es jedoch dennoch nicht gelingen, bis 2030 die Erderwärmung zu stoppen, braucht es als Ultima Ratio einen Plan B für eine Post-Klimawandel-Infrastruktur, die ein (Über-)Leben unter widrigsten klimatischen Bedingungen ermöglicht. (ar)