Mobilität
31. Juli 2020 6:00  Uhr

Emissionsfrei von A nach B im Elektro-Lkw

Es ist ein ökologisch-ökonomisch-technologischer Spagat, den die Investition in ein elektrisch betriebenes Fahrzeug mit sich bringt. Infineon hat es gewagt: Der neue E-Lkw fährt jetzt jeden Tag auf Regensburgs Straßen.

Knapp 25.000 Kilometer im Jahr soll dieser E-Lkw für Infineon auf Regensburgs Straßen zurücklegen – und das lokal emissionsfrei. | Foto: Infineon

Von Jonathan Ederer

REGENSBURG. Er sieht aus wie ein normaler Lastkraftwagen, fährt wie einer, klingt aber nicht so: Der elektrisch betriebene Lkw von Infineon rollt fast lautlos über den Regensburger Asphalt, und das viermal am Tag – ohne lokalen CO₂-Ausstoß, mit kräftigem Antrieb.

Perfekte Lösung für den Shuttleverkehr

„Der Lkw hat eine gute Ausstattung“, sagt Roland Gürster an einem heißen Junimorgen, als er sich wie fast jeden Tag seit dem 5. Juni hinters Steuer des neuen E-Lkw des Infineon-Logistikpartners Kühne + Nagel setzt. Bei einigen technologischen Details habe er auch ein Mitspracherecht gehabt, sagt er zufrieden: So müsse er jetzt die Bordwand hinten am Fahrzeug nicht mehr mit den Füßen bedienen, sondern könne das manuell erledigen. „Das ist eine große Erleichterung und auch komfortabel.“ Im Gegensatz zu manch anderen Kollegen stört sich Gürster auch nicht am fehlenden Motorengeräusch. Er hat sichtlich Spaß auf seinen Runden – und das, obwohl sie recht straff getaktet sind.

„Für uns war es vor allem wichtig, ein absolut zuverlässiges Fahrzeug im Shuttleverkehr einzusetzen. Wir können uns bei der Versorgung unserer Produktion keine Verzögerungen durch unausgereifte Technik leisten“, erklärt Franz Gruber, Logistikchef bei Infineon Regensburg. Dabei spielt auch die Reichweite des Lkws eine Rolle, denn da lägen aktuell noch die Grenzen der Elektromobilität – vor allem, wenn es um Kraftfahrzeuge im Bereich ab 7,5 Tonnen geht.

Bei Infrastruktur ist noch Luft nach oben

Das sieht auch Harald Sentner vom Landesverband Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen (LBT) so – oder sogar noch skeptischer. Sentner sagt, dass das Problem mit der Reichweite am dringendsten gelöst werden müsse, um im großen Stil auf Elektrolösungen zurückgreifen zu können. Vor allem in der Infrastruktur sieht er einen Mangel: Für eine vollständige Elektrifizierung müssten entsprechende Ladestationen oder Oberleitungen ausgebaut werden. „Davon sind wir noch sehr weit entfernt. Für Langstrecken sind batteriegetriebene Fahrzeuge wegen des hohen Gewichts der Batterien ohnehin nicht geeignet.“

Sinnvolle Details für mehr Sicherheit

Der Truck des E-Lkw-Herstellers Framo, den Infineon nutzt, fährt keine Langstrecken und so ist noch genügend Reichweite vorhanden. Als der E-Lkw losrollt, zeigt die Akku-Anzeige 88 Prozent an. Roland Gürster kann damit noch 102 Kilometer fahren. Es geht auf die Stammstrecke: vom Infineon-Standort in der Wernerwerkstraße kurz auf die A 93, dann vor dem Pfaffensteiner Tunnel wieder runter, am Donau-Einkaufszentrum und am Baseballstadion vorbei schließlich in die Bukarester Straße zu Kühne + Nagel. Besonders praktisch findet Gürster die Kamera, die sich beim Abbiegen einschaltet und den toten Winkel digital darstellt. „Das ist wie beim Auto, nur übersichtlicher.“ Genau wie die Strecke. Die ist nicht zu lang und mit der Batterie im Gehäuse gut zu schaffen.

Hybridlösungen für längere Strecken

Infineon schlägt mit seinem E-Lkw zwei Fliegen mit einer Klappe: „Wir sind ‚Ermöglicher‘ der E-Mobilität und profitieren hier direkt selbst von dem, was wir entwickeln und produzieren“, sagt Franz Gruber. Im Fahrzeug sind Teile von Infineon verbaut, die den technischen Fortschritt vorantreiben. Doch das Ziel ist noch nicht erreicht und so geht es derzeit auch um Übergangslösungen. Eine rein elektrobetriebene Lösung im Verkehrsnetzwerk ist noch nicht umsetzbar. Deshalb schickt Sentner Hybridfahrzeuge auf die Straße, die seien unabhängig von den Lademöglichkeiten. Das Ganze komme aber wie gesagt auf die Streckenlänge an. Während für den Nahverkehr – wie beim E-Lkw von Infineon – ein Batterieantrieb eine technisch geeignete Alternative sein könnte, sei der Fernverkehr wohl auch langfristig auf Brennstoffzellen und Wasserstoffantrieb angewiesen. Hier gehe es auch um Sinnhaftigkeit, meint Sentner: „Das sind keine wirtschaftlich sinnvollen Alternativen.“

„Der Elektromobilität gehört die Zukunft“

Und darin sind sich alle einig. Oder, um es mit den Worten von Lkw-Fahrer Gürster auszudrücken: „Das einzige, was dagegen spricht, ist der Preis.“ Sonst hätte er sich auch privat schon längst ein E-Auto angeschafft, denn: „Da ist schon Kraft dahinter.“ Der E-Lkw sei das erste elektrobetriebene Fahrzeug überhaupt, das er fährt, erzählt der gebürtige Regensburger, der schon seit 25 Jahren bei PS-starken Fahrzeugen hinterm Steuer sitzt.
Dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis bei der Beschaffung von E-Fahrzeugen im Logistikbereich derzeit noch nicht sinnvoll ist, sieht auch Harald Sentner vom LBT so. Eine langfristige finanzielle Förderung könne die Lösung sein, sagt er. „Ohne ausreichende Investitionssicherheit werden Anschaffungen im sechs- oder siebenstelligen Eurobereich zum unkalkulierbaren Risiko.“ Infineon hat trotzdem investiert. Denn Gruber ist sich sicher: „Der Elektromobilität gehört die Zukunft. Die Technologie sorgt dafür, dass Fahrzeuge umweltfreundlich, leise und effizient unterwegs sind.“

Die smarte Lösung

„Das ist eine schöne Strecke – es gibt immer viel zu sehen“, sagt Gürster, setzt den Blinker und biegt in die Bukarester Straße ab. Die besagte Kamera kommt jetzt zum Einsatz und verschafft den nötigen Überblick. „Im E-Lkw habe ich ein Navi, einen Boardcomputer und ich fahre ganz normal, als ob ich Automatik fahren würde. Geladen wird dann bei Kühne und Nagel.“ Auch diese Ladestationen sind neu. In ihnen sind Halbleiter verbaut, die Infineon hergestellt hat. Dadurch soll die Ladezeit auf 20 Minuten reduziert werden. „Neue Technologien auf Basis von Siliziumkarbid ermöglichen dieses schnelle Laden“, sagt Gruber. Wie viele Firmen hätten sie bei Infineon auf vielen Ebenen auf E-Lösungen gesetzt. Gabelstapler sind bereits im Betrieb, ein weiterer Lkw soll bis Ende 2020 durch ein entsprechendes E-Fahrzeug ersetzt werden. Die Tendenz scheint klar: Bis 2030 werden laut Gruber immer mehr leichte und auch schwere Lkws bis 15 Tonnen mit alternativen Antrieben ausgestattet sein.

„Ökologisch sinnvoll ist die Elektrifizierung nur, wenn der Strom umweltfreundlich gewonnen wird“, sagt Sentner. Das sei hier gegeben: Kühne + Nagel beziehe den Strom aus erneuerbaren Energien. Durch eine eingebaute Ladevorrichtung benötige der Lkw auch nur einen Kraftstromanschluss mit 32 Ampere. Damit „betankt“ Gürster seinen Lkw einmal am Tag.

Oberleitungs-Lkw als weitere Alternative

Eine Alternative und weitere Übergangslösung ist übrigens der Oberleitungs-Lkw. Der wird bereits auf innerdeutschen Strecken getestet und fährt mit Batterie- und Dieselantrieb. Sentner erklärt: „Diese Lkws fahren unter der Oberleitung nicht nur mit Strom, sondern laden dabei gleichzeitig ihre Batterie auf und können so auch noch ein ganzes Stück abseits der Teststrecke elektrisch fahren.“ Dass die Freude am Fahren dann verloren geht, ist auch unwahrscheinlich. Gürster ist jedenfalls voll zufrieden mit dem, was er da gerade fahren kann, und sagt im Hinblick auf die Zielgerade seiner Fahrerkarriere: „Ich habe jetzt noch ein paar Jahre Fahrspaß und dann gehe ich in Rente.“

Zahlen, Daten, Fakten zum Infineon-E-Lkw
  • Seit 5. Juni im Betrieb
  • Hersteller: Framo GmbH mit Sitz in Löbichau
  • 115 Kilometer Reichweite
  • 7,5 Tonnen Gesamtgewicht
  • Fährt 4 x 24 Kilometer am Tag
  • 115,6 KWh Batteriekapazität