Interview
27. August 2021 9:16  Uhr

Es besteht ein gewaltiger Ausbaubedarf

Versorgungssicherheit, Preiswürdigkeit und Umweltverträglichkeit definieren das energiewirtschaftliche Dreieck. Laut dem langjährigen Bayernwerk-Chef Reimund Gotzel fordert der Klimawandel uns heraus, dieses Dreieck zu verschieben.

Reimund Gotzel | Foto: Günter Staudinger

Von Gerd Otto

Den Moment, um eine erfolgreiche Berufskarriere zu beenden, gibt es letztlich nicht. Reimund Gotzel, langjähriger Vorstandsvorsitzender der Bayernwerk AG, hat eine persönliche Entscheidung getroffen und sein Amt niedergelegt. Im Alter von 54 Jahren ist der gelernte Bankkaufmann und studierte Betriebswirt zu dem Ergebnis gekommen, dass man den Zeitpunkt für solche Entscheidungen nur selbst bestimmen könne. „Sonst dreht sich alles weiter wie in einem Hamsterrad“, sagt Gotzel. „Und das will ich vermeiden.“ Acht Jahre lenkte er als Vorstandsvorsitzender die Geschicke des Netzbetreibers. Im Gespräch lässt er keine Sekunde den Eindruck aufkommen, er hege Zweifel an seiner Entscheidung.

Herr Gotzel, die Energiewende ist in aller Munde, das Pariser Klimaabkommen und erst vor einigen Tagen der UN-Klimarat haben uns alle unmissverständlich zum Handeln aufgerufen. Dennoch kommt es letzten Endes auch darauf an, dass Energie verlässlich vorhanden und bezahlbar ist. Welchen Stellenwert haben die Energiepreise?

Reimund Gotzel: Selbstverständlich ist speziell die elektrische Energie für die Verbraucher, aber vor allem auch für Industrie und Gewerbe ein besonderer Faktor, gerade vor dem Hintergrund einer jetzt von uns gewollten und konkret angestrebten Energiewende. Dabei müssen wir darauf achten, dass das berühmte energiewirtschaftliche Dreieck zwischen Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit und Preiswürdigkeit in einem richtigen Verhältnis steht. Die Menschen müssen sich Energie schließlich auch leisten können. Sicherheit war und ist auch weiterhin ein hohes Gut, insbesondere für die Industrie in Form von Spannungs- und Frequenzsicherheit. Die Bedeutung dieser Aspekte war schon immer groß und nimmt zu Recht weiter zu.

Was erwarten Sie vor diesem Hintergrund von der politischen Ebene?

Zunächst ist es wichtig, dass wir in Deutschland rund um Klimaschutz und Energiewende all diese Themen in einen europäischen Kontext einordnen. Wir müssen vor allem darauf achten, dass durch Sonderauflagen nationaler Art nicht ein anderes Ziel, nämlich die Industrialisierung unseres Landes, gefährdet wird.

Was würden Sie als eine solche nationale Sonderauflage betrachten?

Das wäre etwa der Fall, wenn die Politik mit einer zusätzlichen nationalen CO2-Bepreisung Einfluss nehmen würde. Ich halte es ohnehin für problematisch, wenn sich Preise national immer weniger am Markt orientieren und immer mehr durch Politik bestimmt werden. Gerade in einem Land, das so großen Wert auf Innovation legt und das tatsächlich die Schlagkraft der Industrie und die Bildung groß gemacht haben und das international durchaus als Vorbild dienen möchte, sollte die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzen.

Apropos Vorbild: Manche Kritiker der Energiewende verweisen darauf, dass Deutschland lediglich mit 2 Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß beiträgt und wollen von einer Vorreiterrolle beim Klimawandel nichts wissen. Sehen Sie dies ebenso?

Keineswegs. Nimmt man Europa als Ganzes hinzu, werden aus diesen 2 Prozent immerhin schon 8 Prozent, und damit spielt diese Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, und die ist mir sehr wichtig, auch rund um das Thema der CO2-Emissionen weltweit keine unwesentliche Rolle. Zudem ist für mich erkennbar, dass die erneuerbaren Energien auch nach Auslaufen des EEG-Förderprogramms längst wettbewerbsfähig sind. Wenn wir aber den Klimaschutz tatsächlich zum Primat erklären, dann müssen wir diesem Gedanken auch bei der Umsetzung folgen und dürfen uns letztlich nicht scheuen, sogar unser energiewirtschaftliches Dreieck entsprechend zu verschieben. Dies gilt umso mehr, wenn wir auch den Artenschutz hinzunehmen oder unsere Lebensverhältnisse etwa mit Blick auf die 10H-Regelung bei der Windkraft in Bayern. Auch heimischen grünen Wasserstoff bekommen wir nur über erneuerbare Energien. Für all diese Zwecke besteht also ein gewaltiger Ausbaubedarf.

Und sind wir dafür gut aufgestellt?

Eigentlich schon. Wir haben inzwischen Regionen in Deutschland, wo bei aller Schwankungsbreite deutlich mehr erneuerbare Energien erzeugt als verbraucht werden. Das sich daraus ergebende Thema der Leitungsverbindung darf dabei freilich nicht gering geschätzt werden, wobei ich nicht nur an die überregionalen Netze denke, sondern auch an die kleinen, regionalen Verbindungen zu den Bürgern, wie dies schon der mit großem Weitblick ausgestattete Gründer unseres Bayernwerks Oskar von Miller vorexerzierte. Er transportierte die Wasserkraft, eine erneuerbare Energie, an den Ort des Bedürfnisses. Auch damals mussten Leitungen gebaut werden.

Was zeichnete diesen Visionär an der Spitze des Bayernwerks aus?

Dass er seine Vision auch in die Tat umgesetzt hat. Zur Umsetzung einer Idee braucht es oft auch den Mut und die Überzeugungskraft, Widerstände zu überwinden. Wichtig erscheint mir dabei vor allem, dass das Wertesystem einer Gesellschaft erlaubt, Positionen auszutauschen. Oskar v. Miller musste seinen Kontrahenten oder jenen, die anderer Meinung waren, erst vorführen, was er als Nutzen erkannt zu haben glaubte. Er war eben ein Pionier, also eine Kombination aus Visionär und Macher.

Ich halte es für problematisch, wenn sich Preise national immer weniger am Markt orientieren und immer mehr durch Politik bestimmt werden.

Bei der Suche nach historischen Beispielen, die uns Heutigen vielleicht sogar hilfreich sein könnten, bietet sich natürlich die Kooperation des ehemaligen OBAG-Vorstands Bernhard Jansen mit den Gründern der Maschinenfabrik Reinhausen (MR) an. Welchen Stellenwert hat dieser Deal rund um das Stufenschalter-Patent aus Ihrer Sicht?

Solche Geschichten sind deshalb so erhellend, weil man mit ihnen Menschen ansprechen und zeigen kann, dass ohne Widerstände kaum etwas zu erreichen ist. Es gibt eben wenige geradlinige Erfolgsstorys. Im konkreten Fall kommt hinzu, dass die Zusammenarbeit technologisch einst die Hoch- und Mittelspannung betraf und heute im Niedrigspannungsbereich eine nicht minder erfolgreiche Kooperation des Bayerwerks mit der MR-Gruppe erfolgt – eben eine Innovation in einem anderen Umfeld.

In ein anderes Umfeld hatten Sie selbst sich für nicht weniger als sieben Jahre von Regensburg und München nach Thüringen verabschiedet. Welche Erinnerungen sind aus dieser Zeit geblieben?

Was mir in Erfurt zunächst vor allem ins Auge fiel, war die hohe Anzahl weiblicher Führungskräfte. Die Hälfte der Führungsmannschaft der Thüringer Energie AG waren damals Frauen; eine Grundkonzeption, die sehr an das schwedische Modell erinnerte. Vor allem aber wunderte ich mich in der ersten Zeit als jemand, der mit der Regensburger Mentalität vertraut war, warum ich mit den Mitarbeitern im Werra-Tal so gut zurechtkam, ehe mir erzählt wurde, dass es sich vielfach um ehemalige Beschäftigte aus dem Messerschmittwerk Regensburg handelte, die in den letzten Kriegsjahren dorthin verlagert worden waren.

2013, zeitgleich mit Ihrer Rückkehr als Vorstandsvorsitzender nach Regensburg, hat das Unternehmen seinen Namen Bayernwerk zurückbekommen. Was waren und sind eigentlich die Gründe, sich für die Regionen im Freistaat zu engagieren?

Nun, dass wir etwa das kulturelle Leben – auch lange vor meiner Amtszeit – auf die unterschiedlichste Weise zu fördern versuchen, hat schlicht damit zu tun, dass die Region unser Markt ist und dass es uns ohne diese Regionen als Unternehmen gar nicht gäbe. Die Attraktivität dieser Wirtschafts- und Lebensräume zu steigern, geschieht deshalb auch im Interesse des Unternehmens. Es müssen jedenfalls nicht alle aus dem ländlichen Raum nach München oder Regensburg auf- oder gar ausbrechen.

Reimund Gotzel

Reimund Gotzel wurde 1966 in Schleswig-Holstein geboren und begann eine Ausbildung als Bankkaufmann in Lübeck, ehe er zwischen 1988 und 1992 ein Studium der Betriebswirtschaft an der TU Berlin absolvierte. Anschließend war Gotzel unter anderem als Leiter des Vorstandsbüros sieben Jahre bei der Preussen Elektra AG tätig. Insbesondere als Projektleiter der Fusion von Bayernwerk und Preussen Elektra zur E.ON Energie AG machte er auf sich aufmerksam. Von 2001 bis 2006 war Gotzel Finanzvorstand der E.ON Bayern AG in Regensburg, danach für ein Jahr bei der E.ON in München, um 2007 bei der Thüringer Energie AG den Vorstandschefposten zu übernehmen. 2013 wurde er an die Spitze der Bayernwerk AG berufen.