Handwerk
4. Mai 2020 13:45  Uhr

Digitalisierung erleichtert die Nachfolge im Handwerk

Das Handwerk könnte noch mehr Einsatz bei der Digitalisierung zeigen. Betriebe, die hier den Anschluss verpassen, müssen sich schon jetzt teilweise unter Wert verkaufen.

Nicht nur für die Mitarbeiter in Handwerks- und Baubetrieben sind neue Techniken wie Augmented Planning reizvoll, sondern auch für die Kunden. Foto: Stegerer Metallbau

Von Rebecca Sollfrank

REGENSTAUF. „Der Digitalisierungsgrad ist heute ein maßgeblicher Treiber für den Unternehmenswert. Dabei spielt es zunächst auch keine Rolle, ob eine klassische Nachfolge in der Familie ansteht oder das Unternehmen vielleicht verkauft werden soll“, sagt Rainer Ehbauer, Leiter der Niederlassung Ostbayern im Firmenkundengeschäft der Hypo Vereinsbank und Nachfolgeexperte für den Mittelstand. Da scheint es eine gute Nachricht zu sein, dass laut einer aktuellen Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) 54 Prozent der deutschen Handwerksbetriebe die Digitalisierung ihres Unternehmens für existenzsichernd halten.

Welche essenzielle Rolle der Digitalisierungsgrad für den Fortbestand eines Handwerksbetriebs spielen kann, weiß Ingo Lederer von der Regenstaufer Firma Stegerer GmbH Metallbau. Sein Unternehmen kaufte 2018 einen anderen Metallbauer in der Nähe von München. „Als wir den Betrieb übernahmen, gab es dort mehr Papier als Stahl“, erinnert sich der überzeugte Digitalfan, der mit seinem durchdigitalisierten Unternehmen regelmäßig als Innovationsprimus ausgezeichnet wird. Der oberbayerische Metallbauer, so Lederer, sei handwerklich bestens aufgestellt gewesen. Doch der Unternehmer konnte die Ansprüche seiner Kunden nach digitalen Prozessen nicht mehr erfüllen – und entschloss sich zum vorzeitigen Verkauf. Für Andreas Keller, Bereichsleiter Beratung bei der Handwerkskammer Niederbayern Oberpfalz eine gute Entscheidung: „Wenn man merkt, dass man Digitalisierung nicht mehr abbilden kann, sollte man einen frühzeitigen Cut machen, um Betrieb und Arbeitsplätze für die Zukunft zu erhalten.“

Handwerk steht vor einem Nachfolgehoch

Was in diesem Fall gelungen ist, hätte auch mit der Liquidierung des Handwerksbetriebs enden können. Das Handwerk steht wie der Mittelstand generell vor einem Nachfolgehoch. 30 Prozent der Inhaber der knapp 39 000 Handwerksbetriebe in Ostbayern sind 55 Jahre oder älter. Bei den Anträgen für den bayerischen Digitalbonus sind die Handwerker mit 26 und die Bauleute mit 11 Prozent prominent vertreten. Das klingt zunächst gut. Schaut man aber auf die deutschlandweite Handwerksstudie des Zentralverbands, geben 36 Prozent aller Handwerker an, Probleme mit der Digitalisierung des eigenen Betriebs zu haben, 13 Prozent erachten sie sogar als Risiko. „Wir sehen außerdem die Gefahr, dass mancher Betrieb notwendige Digitalisierungsmaßnahmen aufgrund der derzeit exzellenten Auftragslage im Tagesgeschäft hintanstellt“, räumt Andreas Keller von der HWK ein. Digitalisierung habe einen starken Startpunkt im Planungs- und Bürobereich. „Naturgemäß ist der kleine Handwerksbetrieb in diesem Bereich neben dem operativen Geschäft nicht überproportional aufgestellt.“

Mit dem „Digicheck“ des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk, zu finden auf www.handwerkdigital.de, lässt sich der Status Quo des eigenen Betriebs exakt einschätzen. Ende 2019 veröffentlichte das Kompetenzzentrum statistische Ergebnisse der bisherigen Digitalisierungs-Checks. Basis des Checks ist die Frage: Wer hatte bisher außer im E-Mail-Austausch mit Kunden kaum Kontakt mit Digitalisierung und wer hat das Thema schon in seinen Unternehmensprozessen verinnerlicht? Aus dieser Frage ergaben sich vier Grundtypen. Demnach sind 6 Prozent der Handwerksbetriebe, die den Digitalcheck durchführten, sogenannte „Beginner“ und setzen Digitalisierung nur in der Kundenkommunikation ein. 38 Prozent sind „Bewahrer“ klassischer Geschäftsmodelle, aber technisch versiert und teildigitalisiert. 40 Prozent sind „Aufgeschlossene“ mit klassischer Geschäftsbasis ohne bisherige Digitalisierung, aber offen für Neuerungen. 16 Prozent der Digicheck-Teilnehmer sind „Vorreiter“. Sie haben nicht nur ihre gesamten Prozesse individuell durchdigitalisiert, sondern denken auch in neuen Bahnen.

An Digitalisierung führt kein Weg vorbei

Werden am Ende nur Handwerker der letzten Kategorie übrigbleiben? Und wird es durch brancheninterne Übernahmen zu einer Marktbereinigung kommen? Dazu Ehbauer: „Wenn Unternehmen die Digitalisierung nicht meistern, kann das dazu führen, dass größere Unternehmen entstehen und kleinere etwa übernommen werden. Zu einem gesunden Mix gehört aber auch Vielfalt. Deshalb ist in der Nachfolgefrage das Thema Digitalisierung so wichtig.“ An der Digitalisierung im individuell passenden Rahmen wird also wohl kaum ein Handwerksbetrieb vorbeikommen. „Es eint die kleinen und mittelständischen Unternehmen, dass das Thema stark vom Kopf gesteuert wird, also von der Führung“, sagt Andreas Keller von der HWK. Bringe die Führung die nötige Kompetenz nicht selbst mit, müsse sie offen dafür sein, die Mitarbeiter einzubeziehen, etwa die Azubis Social-Media-Kanäle bespielen zu lassen. Keller räumt aber gleich mit einem Vorurteil auf: „Wir haben eine klare Rückmeldung von unseren Mitgliedsunternehmen, dass bei Digitalisierungsbestrebungen der Führung eher die älteren Kollegen mitziehen.“ Zwischen 35 und 45 Jahren sind die Mitarbeiter offenbar am skeptischsten.