Interview
23. Dezember 2021 5:53  Uhr

Ethik muss dort anknüpfen, wo die Menschen stehen

Prof. Dr. Harald Bolsinger lehrt an der FHWS Hochschule Würzburg-Schweinfurt Wirtschaftsethik. Er ist überzeugt: Gewinnmaximierung kann nie das alleinige Ziel der Unternehmen sein – es geht auch um konkrete Werte.

Prof. Dr. Harald Bolsinger | Foto: Thomas Tjiang

Von Thomas Tjiang

NÜRNBERG. Der Wirtschaftsethiker Dr. Harald Bolsinger macht vieles anders. Als Interviewort wählt er die Nürnberger Straße der Menschenrechte. Er kommt direkt aus seinem Nürnberger Homeoffice angeradelt. Dort hält er aktuell remote seine Vorlesungen mit drei Bildschirmen. Für den Ökonomen ist die Straße der Menschenrechte ein Ort der Inspiration – auch fachlich. Die Außenskulptur zeigt auf 30 Säulen zweisprachig die 30 UN-Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Wirtschaftsethik ist für den verheirateten Familienvater kein Wunschkonzert, sondern resultiert in Bayern, Deutschland und der ganzen Welt aus diesen normativen Vorgaben.

Herr Professor Bolsinger, was bedeuten ethische Werte in der Ökonomie?

Prof. Dr. Harald Bolsinger: Werte sind Vorstellungen von etwas Wünschenswertem, die Individuen in sich tragen. Das lässt sich zumeist weltanschaulich begründen. Die Summe der Werte einer bestimmten Gruppe zu einer bestimmten Zeit, die tatsächlich gelebt wird, ergibt die herrschende Moral. Wenn sich diese Moral länger durchsetzen kann, verfestigt sie sich zu Normen. Daraus können Gesetze folgen, wie jetzt beispielsweise zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Erst jetzt kommt die Disziplin Ethik ins Spiel. Sie überprüft wissenschaftlich, ob Moral und Normen tatsächlich gut und wünschenswert sind oder eben nicht. Die Werte in der Wirtschaft, soweit ich das in meiner Arbeit sehe, sind immer noch monistisch geprägt und oft nur auf eine Zielgröße ausgerichtet: den monetären Ertrag. Meine Aufgabe als Wirtschaftsethiker ist es, Gewinn mit anderen Werten, die auch unser Leben bestimmen, zu verbinden. Geld darf auch ökonomisch immer nur ein Wert unter vielen bleiben.

Wie lassen sich die vielen Werte verbinden?

In der Lehre gibt es die klassischen Themen zu Corporate Social Responsibility oder auch Nachhaltigkeitsmanagement. Wenn man in diese Richtung etwas praktisch verankern will, muss man dort anknüpfen, wo die Menschen wirklich stehen. Werte lassen sich nicht abstrakt vermitteln oder gar antrainieren, das funktioniert langfristig nicht. Es lassen sich nur die Dinge aktivieren, die schon im Menschen angelegt sind. Bei den Studierenden versuche ich deshalb herauszuarbeiten, welche Vorstellungen sie selbst von ihrem Leben haben. Da kann es um Berufung, Begabung oder Passion gehen. Dann kommt man zu der Frage, welche Auswirkung sie im Leben erzielen wollen. Erst dann lässt sich klären, wie man das in einem Geschäftsmodell, einem Netzwerk oder neuen Produkten und Dienstleistungen umsetzen kann. Dann geht es auch um Ertrag als Nebenbedingung, aber tatsächlich geht es um viel mehr – nämlich die Verbindung all der wichtigen Werte.

Das Besondere an Werten ist es, dass sie immer kontextbezogen sind.

Sind Sie damit in der BWL-Zunft ein einsamer Rufer in der Wüste?

Manchmal fühlt man sich so (lacht). Die Themen sind aber nicht wirklich neu. Ich verbinde Wirtschaftsethik mit der Welt, wie sie wirklich ist. Wir brauchen ja Ertrag – das ist nichts Schlechtes. Unser ganzes Wirtschaftssystem ist darauf aufgebaut, dass man aussortiert wird, wenn man langfristig unproduktiv arbeitet. Das ist in einem Wettbewerbssystem auch gut so. Nur sollten wir die Ressourcen an die richtigen Stellen lenken, was nicht allein am Ertragspotenzial erkennbar wird. Mir geht es in der BWL um die Frage: Wie können wir mit Gutem, also in einem ethisch sauberen Rahmen, möglichst viel verdienen? Das ist die Kernfrage, die wir in der Lehre und der Unternehmenspraxis behandeln müssen. Erfolg in solchen Kategorien zieht sofort Nachahmer an, sorgt damit für Wettbewerb und fördert automatisch wieder die Skalierung und Verbreitung des Guten.

Wie beschreiben Sie „unproduktives“ Arbeiten?

Das ist immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Zielsetzung zu beurteilen. Je nach den angestrebten Auswirkungen geht es darum, die entsprechenden unternehmerischen Ziele aus eigener Kraft dauerhaft zu erreichen. Ansonsten sind Aktivitäten für die betrachtete Zielsetzung ungeeignet. Das heißt aber nicht automatisch, dass es ethisch als schlecht zu bewerten wäre. Das Besondere an Werten ist es, dass sie immer kontextbezogen sind. Werterangordnungen verändern sich je nachdem, ob wir rein wirtschaftlich unterwegs sind oder etwa im karitativen Bereich mit bewusster Quersubventionierung von Tätigkeiten.

Beim Klima muss die ganze Welt handeln, sonst sind die Herausforderungen nicht zu bewältigen.

Wie groß ist der Beitrag der Wirtschaftsethik, den Weg zur Klimaneutralität zu beschleunigen?

Dafür brauchen wir eine normative Wirtschaftsethik, wie sie schon in der ökosozialen Marktwirtschaft eingebaut ist. Bei einem deskriptiven Ansatz diskutieren wir nur, ob wir linksrum oder rechtsrum gehen und warum. Das allein bringt uns nicht weiter, wir brauchen konkrete Richtungsweisung. In Bayern ist das besonders schön, hier schwört man als Professor einen Eid auf die normativ wunderbar klare Bayerische Verfassung und auf das Grundgesetz. Implizit gehört noch die Grundrechtecharta der EU und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UN dazu. Damit haben wir die Leitplanken, in welchem Rahmen sich unsere Wirtschaft weiterentwickeln soll. Klimaneutralität ist ein kleiner Teil davon und muss in der Gesamtheit der Zielsetzungen betrachtet werden. Die Wirtschaftsethik betrachtet die Wirtschaft immer als Teil der Gesellschaft und nicht umgekehrt. Die Gesellschaft besteht aus viel mehr – etwa auch aus Sport und Kultur, Religion und Politik und vielem mehr. Daher gibt die Gesellschaft auch der Wirtschaft den Weg innerhalb der bestehenden Leitplanken unserer Verfassung vor.

Wie geht das konkret?

Die Wirtschaftsethik zeigt eine sinnvolle normative Richtung auf. Bei neuen Technologien kann es auch mal in der unternehmerischen Umsetzung zu völlig neuen Fragen und gesellschaftlichen Problemen kommen. Bei den ganzen großen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Themen, die wir derzeit diskutieren, müssen wir einerseits die Innovationsfähigkeit sichern. Wir müssen ein, zwei, drei, vier Schritte nach vorn gehen, auch wenn wir dann irgendwann merken: Jetzt sind wir einen Schritt zu viel in eine Richtung gegangen, das ist mit unseren herrschenden Werten nicht vereinbar. Dann gilt es, einen Schritt zurückzugehen und andere Wege zu finden. So haben wir das bei der Sicherung unserer Privatheit gemacht – zum Beispiel mit der Datenschutzgrundverordnung – und so machen wir das gerade auch bei der Sicherung unserer naturbezogenen Lebensgrundlagen. Das ist eine ganz spannende Phase, in der wir uns gerade auch mit Blick auf die Klimaneutralität befinden. Nach vorne gehen und gleichzeitig in Teilbereichen massiv Korrekturen einführen.

Die sogenannte „Preisunwahrheit“ besagt ja, dass in vielen Produkten externe Kosten bewusst ausgeschlossen worden sind.

Was müssen wir nun für die Klimaziele tun?

Zunächst ist zu klären, wer denn das „Wir“ ist. Sind das wir in Deutschland, Europa oder der ganzen Welt? Beim Klima muss die ganze Welt handeln, sonst sind die Herausforderungen nicht zu bewältigen. Aber es ist wohl deutlich genug, dass es nicht nur um Klimaziele allein geht. Das ist nur ein Teilaspekt von vielen drängenden Herausforderungen, die wir auf supranationaler Ebene erkannt haben. Wir dürfen nicht von einem Extremismus, nur in monetären Ertragszielen zu denken, in einen anderen Extremismus verfallen, lediglich isolierte Klimaziele zu vergötzen. Richtig ist zwar, dass ohne ein funktionierendes Klima alles andere auch nicht gerade einfacher wird, aber Nachhaltigkeit, wie sie die Weltgemeinschaft definiert hat, bedeutet viel mehr. Da geht es um begrenzte Ressourcen und Kreislaufwirtschaft, um soziale Verwerfungen oder Kulturfragen, die oft viel zu wenig beleuchtet werden. Und das sind auch nur einige Facetten.

Führt uns unsere derzeitige Art des Wirtschaftens in eine Sackgasse?

Wir sind überhaupt nicht in einer Sackgasse. Das Glas ist eher halb voll – und nicht halb leer. Wenn sich ein Wirtschaftssystem tatsächlich erneuern kann, dann ist es unsere soziale Marktwirtschaft. Europa ist ermutigenderweise als ökosoziale Marktwirtschaft verfasst, die sich den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen verpflichtet fühlt. Das ist etwas ganz anderes, als die Standards ungebändigter Märkte, die oft in US-amerikanischen oder britischen Lehrbüchern als Dogma zu finden sind. Dort sind beispielsweise Ludwig Erhard oder Alfred Müller-Armack mit ihren sozialmarktwirtschaftlichen Ideen nirgends benannt. Wir sprechen hier über einen ordnungspolitischen Rahmen in einer liberalen Gesellschaft, die diesen Rahmen über klare, demokratische Prozesse dauerhaft gestaltet. Es geht also nicht nur um Gewinne oder Klima, sondern mindestens um alle Ziele, die wir in den SDGs, den Sustainable Development Goals der UN, definiert haben. Im Kern geht es um die Frage, wie wir die Würde des Menschen – aller Menschen – bestmöglich und dauerhaft sichern.

Nochmal zurück zur Preisunwahrheit von Produkten und Dienstleistungen. Unser Wirtschaftssystem klammert externe Kosten wie Umweltverschmutzung aus …

Das ist oft eine wettbewerbsbezogene Entscheidung deutscher Industriepolitik gewesen. Politik kann in einer liberalen Gesellschaft Partikularinteressen bedienen – aber nie unendlich lange und auch nie, ohne die Auswirkungen dauerhaft verstecken zu können. Die sogenannte „Preisunwahrheit“ besagt ja, dass in vielen Produkten externe Kosten politisch bewusst ausgeklammert worden sind. Atomstrom berücksichtigte nie die tatsächlichen Endlagerungskosten, bei Kohleverstromung und anderen fossilen Energieträgern hat man die Augen vor den Umweltfolgen verschlossen und so weiter, und so weiter. Aber deswegen ist nicht unser Wirtschaftssystem falsch! Jedes Wirtschaftssystem, in dem externe Kosten nicht internalisiert sind, führt zu Fehlentwicklungen. Wir brauchen eine vollständige Bepreisung, die Umweltverschmutzung genauso widerspiegelt wie andere Lasten, die Dritten heute und morgen durch die Produkte auferlegt werden. Und in manchen Bereichen muss man über die Internalisierung von Kosten hinaus auch über eine Rationierung diskutieren – zum Beispiel beim Thema CO2. Diese langfristigen Null-Emissionen will ja die supranationale Politik erreichen. Dann entstehen klare planbare Zeiträume, auf die sich Unternehmen einstellen können. In dieser Phase werden bestimmte Produkte mit ihren Emissionen absehbar so teuer, dass sie irgendwann nicht mehr marktfähig sind und dann werden wir mit Sicherheit neue Innovationen sehen.

Harald Bolsinger

Prof. Dr. Harald Bolsinger lehrt als Professor für Wirtschaftsethik an der FHWS Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Der Wahlfranke studierte Wirtschaftswissenschaften in Augsburg und Betriebswirtschaftslehre und Soziologie in Nürnberg. Dort wurde er am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Entwicklungspolitik zum Thema Kundenprozessinnovationen im Mittelstand promoviert. 2012 kam die Berufung zum Professor für Wirtschaftsethik. Bolsinger forscht unter anderem zur fehlenden digitalen Dividende für Bürgerinnen und Bürger und der Grundrechtsblindheit der EZB.