Mittelstand
21. Juni 2021 6:03  Uhr

Family-Offices sind auch für den Mittelstand eine Option

Einst galten Family-Offices als ein Instrument zur Vermögensverwaltung Superreicher. Heute werden sie auch von Mittelständlern als probates Mittel für Vermögenssicherung und Risikomanagement geschätzt.

Immer mehr Unternehmerfamilien verwalten ihr Vermögen mithilfe eines Family-Offices. | Foto: Gerhard Seybert – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

NEUTRAUBLING/ASCHAFFENBURG. Das Family-Office hat Konjunktur. Seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 kehren viele Unternehmerfamilien Banken den Rücken und gründen ein solches „Familienbüro“, um ihre Finanzen enger an sich zu binden. Dafür engagieren sie eine besondere Gattung von Vermögensverwaltern, die sich rasch vermehrt. Ihnen geht es um mehr als Aktien, Gold und Immobilien. Laut Definition dienen Family-Offices der Verwaltung, der Organisation und dem Erhalt des Vermögens einer Familie. Geschützt ist der Begriff allerdings nicht, entsprechend heterogen ist der Markt.

Sparringspartner für den Mittelstand

In der Regel kümmert sich ein Family-Office um die generationenübergreifende Vermögens- und Nachfolgeplanung, um Mediation zwischen Familienmitgliedern, Buchführung, Steuer- und Rechtsberatung und das Risikomanagement bei der Geldanlage. Daneben übernehmen Family-Offices nicht selten auch persönliche Dienstleistungen, etwa die Reiseplanung von Familienmitgliedern, individuelle Hilfe bei Formalitäten oder die Haushalts- und Immobilienverwaltung. „Wir sehen uns als Sparringspartner, um die unterschiedlichen Möglichkeiten zu diskutieren, Anregungen zu geben und die notwendigen Spezialisten zu koordinieren“, sagt Tobias Koch, geschäftsführender Gesellschafter bei der SCA Portfoliomanagement GmbH. Neben der Vermögensstrukturierung betreut er Familien auch bei Themen wie der Erbfolgeplanung oder beim Firmenübergang in die nächste Generation. „Ein Family-Office umfasst viel mehr als eine reine Vermögensverwaltung“, sagt Professor Dr. Hartwig Webersinke, Dekan für Wirtschaft und Recht und Leiter des Instituts für Vermögensverwaltung an der Technischen Hochschule Aschaffenburg. Wer auf diesem Gebiet tätig sei, brauche eine ganze Palette an Fähigkeiten und ein großes Netzwerk, um eine Familie ganzheitlich beraten zu können, erklärt er.

Ursprung in den USA

Ihren Ursprung haben Family-Offices im Amerika des 19. Jahrhunderts. Das 1838 gegründete „House of Morgan“ der Unternehmerdynastie Morgan gilt als erste Organisation dieser Art, 1882 zog die Rockefeller-Familie nach. Knapp 100 Jahre später hielten Family-Offices auch hierzulande Einzug – als elitäres Finanzinstrument für Superreiche, das sich erst ab einem Familienvermögen im mittleren dreistelligen Millionenbereich rechnet. Wo genau die Grenze zu ziehen ist, ist nicht näher definiert. Seit Jahren verschwimmt sie immer mehr und ist längst im Mittelstand angekommen.
Im klassischen Sinne handelt es sich bei einem Family-Office um die Gründung einer einzelnen, sehr wohlhabenden Familie – ist das der Fall, spricht man von Single-Family-Office. Daneben bieten zahlreiche Dienstleister sogenannte Multi-Family-Offices an: Mehrere Familien bündeln dabei ihr Vermögen, um auf dem Markt wahrgenommen zu werden. Die Mindestvermögensgrenze variiert von Anbieter zu Anbieter. Für Koch liegt die kritische Größe bei einem Vermögen von drei Millionen Euro.

Nicht alles auf eine Karte setzen

Gerade Mittelständler könnten laut Professor Webersinke mit einer Family-Office-Lösung Risikomanagement betreiben, indem sie ihr Vermögen auf verschiedene Bereiche verteilen: Immobilien können hier genauso vertreten sein wie internationale Beteiligungen oder Wertpapiere. „Typischerweise ist das ganze Vermögen vieler Mittelständler im eigenen Unternehmen. Das ist emotional völlig verständlich, aber hochgefährlich“, sagt er. Investitionen in andere Vermögensklassen würden die Abhängigkeit von der jeweiligen Branchenkonjunktur erheblich mindern. Und gerade im Generationenübergang sei eine langfristige Cashflow-Planung wichtig für die eigene Sicherheit und den Familienfrieden. Das sieht auch Koch so: „Die rechtzeitige Regelung der Vermögensnachfolge entscheidet maßgeblich über die Entwicklung des Vermögens und verhindert Erbstreitigkeiten.“

Langfristige Sicherung des Familienvermögens

Damit zielt Koch auf die Kernaufgaben eines Family-Offices ab: Ganz im Gegensatz zu Investmentfonds mit ihrem Fokus auf das schnelle Geld dienen sie der Verwaltung und langfristigen Sicherung eines Familienvermögens. Um das zu gewährleisten, investieren Family-Offices laut Global-Family-Office-Report 2020 der Schweizer Großbank UBS einen Großteil des Vermögens, mit 29 Prozent beinahe ein Drittel, in Aktien aus Industrie- und Schwellenländern. Daneben investieren sie bevorzugt in fest verzinste Anleihen (17 Prozent), dicht gefolgt von außerbörslichem Eigenkapital mit 16 Prozent und Immobilien mit 14 Prozent. Ein Family-Office entscheidet in der Regel aber nicht selbst, welche Aktie oder Immobilie wann gekauft und wieder verkauft wird. Vielmehr koordiniert, steuert und überwacht es verschiedene Vermögens- und Immobilienverwalter und fungiert als berichtendes Bindeglied zwischen der operativen Ebene und der Familie. „Vermögensstruktur und Risiken werden jährlich analysiert und mit den Kundenvorstellungen abgeglichen“, erklärt Koch. Mandanten erhalten regelmäßig Informationen über Rendite, Laufzeit und Verfügbarkeit ihrer Assets. Familie und Family-Office stehen dabei in einem engen und persönlichen Verhältnis. Koch beschreibt sich als „Vertrauensperson für Familien“. Schließlich müsse er mit den Mandanten auch ganz persönliche Ziele und emotionale Themen wie Krankheit oder Tod besprechen und bei Interessenskonflikten schlichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Family-Office koordiniert, steuert und überwacht verschiedene Vermögens- und Immobilienverwalter und fungiert als berichtendes Bindeglied zwischen der operativen Ebene und der Familie. Grafik: Irene Daxer