Interview
26. September 2020 6:00  Uhr

Flache Kurve, großes Potenzial

Die Nabaltec AG spürt die Coronakrise wie große Teile der Industrie auch. CEO Johannes Heckmann glaubt nicht, dass sich die Wirtschaft rasant erholen wird. Aber er glaubt an eine Erholung – und sieht in der Elektromobilität große Chancen für sein Unternehmen.

Johannes Heckmann, CEO der Nabaltec AG|Foto: Thorsten Retta

Von Thorsten Retta


Johannes Heckmann hat sich Zeit genommen, er wirkt entspannt. Das liegt nicht nur daran, dass es Freitagmittag, heiß und August ist. Der Vorsitzende der Nabaltec AG sieht sein Unternehmen trotz Corona und Einschnitten gut aufgestellt. Das liegt auch an einem besonderen Stoff, den Nabaltec herstellt und der zu einem zentralen Bestandteil der Mobilitätswende werden könnte: Böhmit. Für Heckmann ist es „fast wie ein Sechser im Lotto.“

Herr Heckmann, über Wirtschaft zu sprechen und das Thema Corona auszuklammern, geht nicht. Also: Wie betrifft die Pandemie Nabaltec?

Johannes Heckmann: Auch wir konnten uns der Krise nicht entziehen. Wir sind weltweit tätig und exportorientiert. Insofern hat uns der Shutdown getroffen. Positiv aber war, dass unsere Lieferketten nie unterbrochen waren. Wir konnten unseren Kunden auch in der heißen Phase im März und April Liefersicherheit garantieren.

Warum war das so, wo doch in fast allen anderen Branchen die Ketten rissen?

Wir sind in der Chemieindustrie, wir machen kein Stückgut. Hier sind die Stoffströme überschaubar. Wir benötigen wenige Vorprodukte und Rohstoffe. Außerdem haben wir viel Lagerhaltung, wir betreiben einen chemischen Prozess, der nicht unterbrochen werden darf. Ein Maschinenbauer etwa hat viele einzelne Zulieferer und wenn nur einer oder eben ein Bauteil ausfällt, ist die ganze Kette unterbrochen. Durch die bloße Zahl ist die Verletzbarkeit der Lieferkette dort größer.

Die Beschaffung der für die Produktion nötigen Rohstoffe ist das eine. Sie müssen Ihr Produkt aber auch zum Kunden bringen. Wie lief das?

Ja, in der Belieferung unserer Kunden wurde es in der Tat etwas eng. Angeliefert wird in der Regel – etwa zu 80 Prozent – über die Schienenanbindung des Werks. Der Rest kommt über den Regensburger Hafen mit dem Schiff und anschließend mit dem Lkw. Raus aber geht fast alles mit dem Lkw – 99 Prozent. Und da gab es Probleme. Niemand ist mehr nach Italien reingefahren. Dank unserer findigen Disposition konnten wir relativ schnell italienische Logistiker finden, die aus Italien herfuhren und dann wieder nach Italien rein. Das war die einzige Hürde, die haben wir auch genommen.

Und der Markt hat Ihre Produkte auch weiterhin nachgefragt?

Ja, aber natürlich nicht in den Mengen wie vor Corona. Wir sind marktseitig breit aufgestellt und nicht derart Automotive-lastig wie viele andere Unternehmen in der Region. Wo es uns aber dagegen speziell traf, ist im Stahlbereich. Das war strukturbedingt jedoch bereits vor Corona der Fall. Die Pandemie hat uns dann doppelt stark erwischt. Wir hängen indirekt über die Feuerfestindustrie am Stahlmarkt.

Und die anderen Märkte?

Selbstverständlich waren wir auch in allen anderen Bereichen, etwa in der Kunststoffindustrie, betroffen. Da sind wir bei der Betrachtung anderer Industrien ja in guter Gesellschaft. Das erste Quartal lief noch relativ gut, im zweiten Quartal ging es dann nach unten.

Wie haben Sie darauf reagiert? Gab oder gibt es bei Nabaltec Kurzarbeit?

Wir haben in die Kurzarbeit hineingeschaut, haben aber auch eine weitere Option geprüft, für die wir uns auch entschieden haben: eine Anpassung über den Tarif. Wir sind im Chemietarif, der in außergewöhnlichen Phasen zur Arbeitsplatzsicherung eine Anpassung der Arbeitszeit anbietet. Wir arbeiten 37,5 Stunden, der Korridor, in dem angepasst werden kann, geht von 32 Stunden bis 42 Stunden – je nach Auslastungsgrad. Wir haben mit den Tarifparteien eine Absenkung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 33 Stunden vereinbart. Das geht bis 31. Oktober, wir fahren also auf Sicht.

Ich denke, dass die Industrie ein bis zwei Jahre braucht,
um wieder dorthin zu kommen, wo wir 2019 aufgehört haben.
Ich glaube nicht an einen steilen V-Anstieg.

Das Instrument Kurzarbeit wird gelobt. Warum hat man sich bei Nabaltec dagegen entschieden?

Das hat vor allem wirtschaftliche und solidarische Gründe. Wir haben ja Aufträge und fahren je nach Bereich 60 bis 70 Prozent, manchmal sogar 80 Prozent. Teilweise aber eben auch weniger. Laut Tarif muss der durch Kurzarbeit bedingte Verdienstausfall, von dem die Bundesagentur für Arbeit 60 bis 67 Prozent übernimmt, vom Arbeitgeber auf 90 Prozent aufgestockt werden. Vor diesem Hintergrund ist es schwierig, der Belegschaft zu vermitteln, dass die einen 80 Prozent arbeiten müssen und die anderen vielleicht nur 40 Prozent und dafür den beinahe gleichen Lohn bekommen.

Und das gilt für alle?

Ja, wir gehen den Weg einer entsprechenden Lohnabsenkung über alle Mitarbeiter, inklusive der außertariflichen Mitarbeiter, Führungskräfte und dem Vorstand. Auch wir verzichten bis 31. Oktober auf 12 Prozent Gehalt. Die Maßnahme fahren wir seit April.

Sehen Sie für die Gesamtwirtschaft Licht am Ende des Tunnels?

Das Problem ist, dass keiner weiß, wie es weitergeht. Ich denke, dass die Industrie ein bis zwei Jahre braucht, um wieder dorthin zu kommen, wo wir 2019 aufgehört haben. Ich glaube nicht an einen steilen V-Anstieg. Die Kurve wird flacher ausfallen.

Was macht Sie skeptisch?

Wenn ich höre, dass es wieder bergauf geht, muss man schon sehen, woher wir kommen. Wir kommen aus dem Shutdown! Klar, da ist jede Bewegung nach oben ein riesiges Wow! Die Chemie ist ein Frühindikator und momentan zeigt sich meiner Ansicht nicht, dass mit einer schnellen Erholung zu rechnen ist.

Können wir uns einen zweiten Shutdown leisten?

In der Form wie im Frühjahr nicht. Flächendeckend und über alle Länder wäre das ganz schwer zu verkraften. Das muss, wenn nötig, selektiver passieren. Das hat die Politik meiner Einschätzung nach auch verstanden. Es wird mit mehr Augenmaß agiert. Irgendwann könnte nämlich auch der soziale Frieden bedroht sein, wenn zu restriktiv agiert wird und die Bevölkerung sagt: „Was juckt mich der Gesetzgeber, ich tue, was ich möchte.“ Da könnte auch der Staatsapparat an Grenzen stoßen.

Wenn es wieder aufwärts geht, könnte Nabaltec doppelt profitieren. Einmal gesamtkonjunkturell und einmal speziell durch den Strukturwandel in der Automobilindustrie. Stichwort Böhmit: Wie schätzen Sie das Potenzial ein?

Böhmit ist fast wie ein Sechser im Lotto. So etwas findet man nicht alle Tage. Wir haben aus dem Aluminium-Oxid-Hydroxid ein Pulver entwickelt, das thermisch sehr stabil ist, also sehr hohen Temperaturen standhält und dabei bestimmte Eigenschaften aufweist, die für das Funktionieren von Batterien hilfreich sind.

Was genau macht es so bedeutend?

Lithium-Ionen-Batterien und -Akkumulatoren werden umso heißer, je größer sie sind. In jeder Zelle eines elektronischen Gerätes mit einem Akku – wie einem Smartphone oder einem Laptop – ist eine Polyethylen-Folie, die Anode und Kathode trennt. Die Folie muss hitzebeständig sein, da hohe Temperaturen auftreten. Sie muss aber auch permeabel sein, damit der Ionenfluss stattfinden kann. In großen Lithium-Ionen-Batterien, etwa in Fahrzeugen, sind mehrere Zellen aneinandergereiht, dadurch steigt auch die Temperatur. Der Böhmit wird ultradünn auf die Folie aufgebracht. So können die Ionenströme gesteuert und die Ladungsdichte erhöht werden, ohne dass der Akku beschädigt wird. Ladungsdichte ist entscheidend für die Reichweite. Damit hat Böhmit Einfluss auf das, was die Verbraucher vor allem umtreibt: Reichweite.

Sie sehen Böhmit aber eher ausschließlich für den Markt Elektromobilität?

Ja, Smartphones oder Laptops sind nicht der Hauptmarkt für uns. Hier ist der Bedarf an unserem Pulver zu gering. Wir brauchen Quadratkilometer Flächen an Folie, um Mengen zu generieren, die für uns interessant sind. In der Automobilindustrie ist das gegeben. In erzeugter Leistung ergibt ein Gigawatt ungefähr 100 Tonnen Bedarf an Böhmit. In Europa sprechen wir derzeit etwa von 270 Gigawatt erzeugter Leistung, die in der Batterieindustrie aufgebaut werden sollen. Damit liegt der Bedarf bei etwa 27 000 Tonnen. Das ist natürlich dann schon ein Wort. Denn das Produkt ist für uns extrem wertschöpfungsstark. Extrem.

Sie dürften also ein großer Fan der Elektromobilität sein? Denn es gibt einen weiteren Anknüpfungspunkt für Nabaltec: die Ladesäulenthematik.

Ja. Um den Strom zu den Ladesäulen zu bekommen, sind Kabel nötig. Flammhemmende Füllstoffe für die Kunststoffindustrie, die bei Kabeln in Tunneln, Flughäfen, Hochhäusern und elektronischen Geräten eingesetzt werden, zählen zu unseren Produkten.

Wie ist die Wettbewerbssituation?

In unseren Bereichen gibt es wenige Wettbewerber. In beiden Bereichen, in denen wir agieren, Aluminium-Oxid und im Füllstoffbereich, existieren zumindest in Europa Oligopole. Unsere Wettbewerber sind im Wesentlichen in Europa – in Deutschland und am Balkan. Weltweit gibt es noch ein paar mehr Wettbewerber, aber die Lage ist überschaubar.

Was macht Nabaltec konkurrenzfähig?

Wir beherrschen das Herstellungsverfahren sehr gut. Tut man das nicht, helfen ein Produkt und ein Markt wenig. Das ist ein Grund dafür, warum der Einstieg für Wettbewerber in dem Bereich schwierig ist. Die Technologie muss im Haus sein, das ist das Wichtigste! Produkte und Märkte ergeben sich daraus. Man muss Weltmeister in der Technologie sein. Das sind wir, wir haben die Erfahrung, die Spezialisten und die Technologie. Und wir haben eine Pilotanlage, in der wir für Kunden auch in kleineren Volumina Spezialprodukte produzieren können. Wir können gemeinsam mit dem Kunden wachsen und dann bei gleicher Qualität auch größere Volumina liefern.

Warum der Standort Schwandorf?

Das hat historische Gründe. Die Ursprünge des Werks liegen im Jahr 1936. Es wurde als Einproduktunternehmen für die Aluminiummetallerzeugung gegründet. Hier wurde ursprünglich Bauxit verarbeitet. Das Erz in Form von Bauxit kam aus Jugoslawien, Schwandorf war schon früher ein Logistikknotenpunkt für den Schienenverkehr. Und es gab Energie in Form von Braunkohle. Das waren die drei Komponenten: Energie, Logistik und Erz.

Das ging dann aber irgendwann andernorts billiger?

Ja. Aber heute leben wir hier von einem Teil des damals geschaffenen Maschinenparks. Ein weiterer Grund, warum es wenige Wettbewerber gibt. Vieles, was wir brauchen, ist schon da. So eine Fabrik baut man nicht über Nacht. Die Investitionssumme für die Anlagen liegt bei 200 bis 300 Millionen Euro. Für uns ist heute gerade der Faktor Energie entscheidend.

Und die kommt nicht mehr aus Kohle, sondern vom Müllkraftwerk nebenan?

Genau. Prozessdampf und Strom kommen von dort. Das Kraftwerk ist ein Lebensnerv für uns.