Stromtrassen
5. Juli 2021 6:03  Uhr

Gegenwind auf der Stromautobahn

Versorgungssicherheit und günstige Energiepreise kommen Verbrauchern und Industrie zugute. Doch wer schöpft beim Netzausbau die Gewinne ab: Machen europäische Netzbetreiber den großen Reibach?

Wieviel Stromautobahn ist nötig? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Foto: Nicolas Armer/dpa

Von Josef König

REGENSBURG. Nach dem Abschalten des letzten deutschen Kernkraftwerkes im Jahr 2022 kommt eine gewaltige Last auf das deutsche Stromnetz zu: Mit gigantischen Stromautobahnen soll die im Norden erzeugte Windenergie in den Süden gebracht werden. Wer profitiert dabei mehr: Netzbetreiber, die ihre Netze europaweit harmonisieren oder Verbraucher und Industrie, die auf Versorgungssicherheit und günstige Energiepreise setzen?

An diesem Konzept scheiden sich – wie bei vielen Großprojekten in Deutschland – die Geister: Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft wünscht einen schnellen Ausbau der Stromtrassen. „Das ist unverzichtbar, um Engpässe in der Stromversorgung zu verhindern, wenn in absehbarer Zeit die letzten Kernkraftwerke vom Netz gehen“, sagt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Elektrolyseanlage wäre laut Experten sinnvoller

„Die geplante Stromautobahn Südostlink ist für die Stromversorgung Bayerns nicht erforderlich“, sagt dagegen der Ökonomieprofessor Lorenz Jarass von der Hochschule Rhein-Main Wiesbaden. In einem Gutachten für die Gemeinde Niederaichbach im Landkreis Landshut wies er nach: Die Investitionskosten für den Südostlink betragen nach Betreiberangaben bei einer Kapazität von zwei Gigawatt fünf Milliarden Euro. Schon für 1,7 Milliarden Euro hätte der Freistaat Bayern jährlich eine Elektrolyseanlage mit ebenfalls zwei Gigawatt betreiben können. Bis ins Jahr 2030 wären die jährlichen Kosten auf eine Milliarde Euro gesunken. Summa summarum, so rechnet der Ökonom vor, hätte sich selbst bei staatlicher Subventionierung der vollen Investitionskosten für die Elektrolyseanlage gegenüber dem Südostlink eine Nettoeinsparung von drei Milliarden Euro ergeben. Wenn im Norden Dunkelflaute herrsche, habe Bayern ohne das Nachrüsten an Kraftwerkskapazitäten ein Versorgungsproblem, so lautet ein weiteres Argument von Jarass. Der Gleichstrom werde durchgeleitet, ohne Nutzen für die betroffenen Gemeinden und Anwohner.

Netzbetreiber Tennet verteidigt Ausbaupläne

Der geplante Netzausbau stellt für das bayerische Wirtschaftsministerium „eine zielführende und damit auch für die bayerischen Verbraucher kostenminimierende Lösung“ dar. „Die Investitionen sind gut angelegt“, so eine Sprecherin. Der bedarfsgerechte Ausbau des Stromnetzes stelle die günstigste Möglichkeit dar, um die erforderliche Flexibilität bereitzustellen. Es gelte, Netzüberlastungen und damit teure Gegensteuerungsmaßnahmen wie das erzwungene Abschalten erneuerbarer Anlagen in Norddeutschland und das Hochfahren konventioneller Kraftwerke in Süddeutschland zu vermeiden, so die Sprecherin des Ministeriums weiter. Die Kosten, um diese Engpässe zu beheben, gehen nach Einschätzung des Übertragungsnetzbetreibers Tennet jährlich in die Milliarden, für 2023 seien allein rund vier Milliarden Euro angesetzt. Im Vergleich dazu seien die Kosten für den Neuausbau gering. „Der Netzausbau ist notwendig und er ist volkswirtschaftlich die beste Alternative“, sagt Johannes Prechtl, Referent für Bürgerbeteiligung bei der Tennet GmbH. Für die Verbraucher errechnet Tennet einen positiven Gesamteffekt auf die Netzentgelte. Laut einer Studie des Ifo-Instituts im Auftrag der IHK München und Oberbayern würde ohne die Trassen Südlink und Südostlink der Strom in Süddeutschland im Jahr 2025 um 2,7 Prozent teurer als in Norddeutschland. Dieser Preisunterschied würde in den kommenden Jahren noch weiter anwachsen. Tennet stellt auch klar: „Wenn im Jahr 2022 der letzte Meiler vom Netz geht, bleibt die Versorgungssicherheit gewahrt, auch wenn der Südostlink noch nicht funktioniert.“

Damit muss gerechnet werden: Zahlreiche Klagen von Anwohnern, Gemeinden und Naturschutzverbänden gegen das Projekt und gegen die Trassenführung sind anhängig. Schon der Bedarfsplan verstoße gegen Europarecht, sagt der Würzburger Rechtsanwalt Wolfgang Baumann. Seiner Ansicht nach fehle beim Südostlink eine Kosten-Nutzen-Analyse, die nach den europäischen Vorschriften für sämtliche Stromnetzplanungen von Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) notwendig sei.

Kritiker befürchten Verschleierungstaktik

Kritiker der Stromtrassen sehen in den Argumenten der Netzbetreiber für eine angeblich sichere Stromversorgung nur eine Verschleierungstaktik, um möglichst reibungslos ein europäisches Stromnetz zu installieren. Die Erzählung „Windstrom aus dem Norden für den Süden“ sei nur ein Bild für die Medien, sagt Andreas Ulbig, Dozent für Stromnetze an der Technischen Hochschule Zürich. Die Projekte in Deutschland seien Teil der europäischen Koordinierung. Stromhandel und Stromaustausch sollen gut zwischen allen europäischen Regionen fließen. Tennet widerspricht dem nicht völlig: Der Südostlink ermögliche einerseits den Stromtransport innerhalb Deutschlands, andererseits würden Strommärkte der nordischen Länder mit Südeuropa verbunden. Der erste Teil des Vorhabens sei in die Liste der sogenannten „Projects of Common Interest“ (PCI) der EU aufgenommen worden sein. Die EU fördert das Projekt, das die Integration des europäischen Energiemarktes vorantreiben soll. In erster Linie diene der Südostlink aber der Stromversorgung Deutschlands aus erneuerbaren Energien.

Südlink und Südostlink

Im Zuge des Netzausbaus geht es um zwei Nord-Süd-Stromtrassen. Der Südlink führt von Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg, der Südostlink vereinigt zwei weitere Vorhaben.

Eine Stromtrasse führt 580 Kilometer von Magdeburg in die Nähe des niederbayerischen Kernkraftwerkstandorts Isar bei Landshut. Dort soll auf 14 Hektar ein großer Konverter Gleichstrom aus der Leitung in Wechselstrom für den Verbraucher umwandeln. Das Vorhaben wurde 2015 vom Bundestag beschlossen und in das Bundesbedarfsplangesetz aufgenommen. Die Leitung mit einer Kapazität von 2 Gigawatt soll nach den Planungen des Übertragungsnetzbetreibers Tennet Ende 2025 in Betrieb genommen werden.

Eine weitere 2-Gigawatt-Leitung soll von Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls zum Umspannwerk Isar führen. Bis Ende 2030 soll das zweite Vorhaben vollendet werden. Tennet rechnet für das erste Vorhaben mit einem Baubeginn im Jahr 2023, für das zweite Vorhaben im Jahr 2028. Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet B.V. ist ein Tochterunternehmen des niederländischen Finanzministeriums. Die deutsche Tochter Tennet TSO GmbH mit Sitz im oberfränkischen Bayreuth betreibt ein Hoch- und Höchstspannungsnetz mit einer Gesamtlänge von rund 13 000 Kilometern.