Karriere
13. Januar 2021 6:30  Uhr

Gelernte Rollenbilder zementieren die Lohnlücke

Ein Fünftel des Jahres arbeiten Frauen umsonst. Neben vielen anderen Gründen sind für die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen auch Geschlechterstereotype verantwortlich.

In Gehaltsverhandlungen schneiden Frauen oft schlechter ab als Männer. Foto: palidachan – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

BERLIN/REGENSBURG/KONSTANZ. Frauen sind familien-, Männer karriereorientiert – dieses Klischee ist älter als die Diskussion um den Gender-Pay-Gap, also das geschlechtsspezifische Lohngefälle. Ebenso verbreitet ist eine andere These: Frauen verhandelten schlechter um Geld und Aufstieg als Männer und seien deshalb mit schuld an niedrigeren Löhnen. Diese These wird allerdings durch verschiedene wissenschaftliche Studien untermauert. Männer verhandeln tatsächlich erfolgreicher als Frauen.

Deutschland als Schlusslicht in Europa

19 Prozent brutto verdienten Frauen 2019 in Deutschland im Schnitt weniger als Männer. Auch wenn der Wert im letzten Jahr erstmals unter die 20-Prozent-Marke gefallen ist, verläuft die Aufholjagd im Schneckentempo: In den vergangenen 13 Jahren ist er gerade einmal um 4 Prozentpunkte gesunken. Damit bildet Deutschland mit Estland das Schlusslicht in Europa. Schließt sich die Lohnlücke weiter in diesem Tempo, wird es noch 65 Jahre dauern, bis die Gehaltszettel fair sind. Nach dem Willen der Bundesregierung soll es wenigstens etwas schneller gehen: Sie hat sich zum Ziel gesetzt, den Verdienstabstand bis zum Jahr 2030 auf 10 Prozent zu senken.

Laut Uta Zech, Präsidentin des Verbands Business and Professional Women (BPW), lassen sich die Ursachen für den Gender-Pay-Gap vor allem in strukturellen Problemen verorten – etwa in der fehlenden Gehaltstransparenz in Betrieben oder der Unterbezahlung in frauentypischen Branchen wie Pflege und Erziehung. „Verhandlungsgeschick spielt bei all dem eine untergeordnete Rolle“, sagt sie.

Frauen unterschätzen sich

Die Frage, warum Männer „besser“ verhandeln, bleibt dennoch. Die Antwort ist mehrschichtig: „Zwischen den Geschlechtern gibt es keinerlei kognitive oder affektive Unterschiede“, sagt Prof. Dr. Peter Fischer, Inhaber des Lehrstuhls für Sozial-, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg. Er könne sich höchstens vorstellen, dass sich Frauen schneller zufriedengeben als Männer. „Männer schätzen ihre Leistung höher ein, Frauen tendieren dazu, sich zu unterschätzen.“ Der Grund dafür liege wiederum in den Geschlechterstereotypen: Während man bei Jungs Raufen mit Durchsetzungsvermögen assoziiere, lege man Mädchen dasselbe Verhalten negativ aus. Kinder wurden – und werden ein Stück weit immer noch – verschieden sozialisiert. Die daraus entstehenden Zuschreibungen prägen das Denken bis ins Erwachsenenalter, in den Berufsalltag und eben auch bis in Verhandlungsgespräche hinein.

Tough aufzutreten gilt als unweiblich

Die Krux: Gerade in Verhandlungssituationen sind Eigenschaften gefragt, die Männern positiv und Frauen negativ ausgelegt werden. Studien belegen, dass aggressiv verhandelnde Frauen schlechter abschneiden als zurückhaltende Kolleginnen. „Gesellschaftliche Normvorstellungen spielen im Berufsleben eine große Rolle“, sagt Uta Zech. „Frauen, die tough auftreten, gelten als nicht weiblich, also auch nicht als authentisch. Das wird in Führungspositionen aber vorausgesetzt. Und verhandeln sie nicht tough, sind sie auch draußen.“ Deshalb sei es wichtig, Personalverantwortliche für unbewusste Vorurteile zu sensibilisieren.

Die Macht der Stereotype

Das ist allerdings nicht einfach, gibt Dr. Benita Combet, Vertretungsprofessorin für Empirische Sozialforschung an der Universität Konstanz zu bedenken. „Das Problem liegt an den unbewussten Stereotypen, die wir alle bis zu einem gewissen Grad teilen, weil wir mit eher konservativen Gendernormen erzogen wurden“, sagt sie. Es sei schwierig, zu verhindern, dass solche Stereotype aktiviert werden. „Aber wenn man sich der Problematik bewusst ist, kann man sich als Individuum kritisch hinterfragen.“ Und es gebe auch institutionelle Herangehensweisen, um diese Problematik zumindest zu entschärfen – zum Beispiel, wenn die Gehaltsspanne, über die verhandelt wird, mitgeteilt wird. „Hohe Gehaltsforderungen von Frauen werden dadurch als weniger unverschämt wahrgenommen“, sagt Combet. Und sie führt noch ein weiteres Problem an, mit dem Frauen in Verhandlungen konfrontiert sind: Sie werden Opfer statistischer Diskriminierung. Das ist der Fall, wenn von einem beobachtbaren auf ein nicht beobachtbares Merkmal geschlossen wird – beispielsweise, wenn von Frauen im gebärfähigen Alter pauschal angenommen wird, dass sie früher oder später in Elternzeit gehen. „Das Problem ist: Für Arbeitgeber ist das durchaus rational, für Frauen natürlich schlecht“, sagt Combet. Um dieser Denkweise entgegenzuwirken, bräuchte es mehr Anreize für Männer, in Elternzeit zu gehen. Das Elterngeld plus sei ein erster Schritt, so Combet.

Frauen sitzen in der Zwickmühle

Das sieht auch Uta Zech so, fordert darüber hinaus aber auch mehr Gehaltstransparenz, angepasste Tarifverträge und die Ausweitung der Frauenquote auf Vorstandsebene. „Nicht die Frauen müssen sich verändern, sondern die Unternehmen, die Politik und die Gesellschaft“, sagt sie. Bis jedoch das letzte Unternehmen für diese Themen sensibilisiert ist, sitzen Frauen bei Gehaltsverhandlungen in der Zwickmühle: Nicht sie verhandeln schlechter als Männer, ihr Gegenüber verhandelt schlechter mit ihnen als mit Männern. Und das Wissen darum verstärkt das Problem noch. In der Wissenschaft nennt man das Stereotype Threat. Peter Fischer erklärt das anhand des alten Matheklischees: „Mädchen sind nicht schlechter in Mathematik als Jungs. Ihre Abiturnoten sind sogar besser. Wenn man Mädchen aber an dieses Stereotyp erinnert, verschlechtert sich die Leistung tatsächlich ein wenig, weil sie abgelenkt sind. Stereotype Threat beansprucht in Leistungssituationen viel kognitive Energie.“ Auch deshalb dürfe man sich als Frau nicht in die Opferrolle begeben, so Uta Zech: „Das Mindset ist bei Gehaltsverhandlungen wichtig – es befördert oder verhindert“, sagt sie. Auch Fischer macht Mut: „Geschlechterstereotype spielen eher bei älteren Menschen eine Rolle und werden sich langsam aber sicher auswachsen.“

Interview

Was Frauen dürfen – und was nicht

Dr. Benita Combet, Vertretungsprofessorin für Empirische Sozialforschung an der Universität Konstanz, spricht im Interview über den „kleinen Unterschied“ und seine großen finanziellen Auswirkungen.

Hier geht’s zum Interview …