Energiewirtschaft
11. April 2022 6:02  Uhr

Gesucht sind geeignete Alternativen

Der Krieg in der Ukraine zeigt auf äußerst besorgniserregende Weise die hohe Abhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft und der gesamten Europäischen Union von Energie- und Rohstoffimporten.

Das Atomkraftwerk Isar 2 in Essenbach bei Landshut wird Ende des Jahres abgeschaltet. Das bekräftigten der Betreiber Preussen Elektra ebenso wie Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Eine Verlängerung der Laufzeiten der drei noch aktiven Atomkraftwerke könne nur einen begrenzten Beitrag zur Lösung des Problems leisten, und dies zu hohen wirtschaftlichen Kosten. Foto: pwmotion – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Mit Transformation, also den Veränderungen bisher für unverrückbar gehaltener Szenarien, tun wir uns hierzulande meist sehr schwer. Und so bedarf es für einen wirklichen Wandel häufig besonderer Ereignisse, Herausforderungen oder gar Bedrohungen: Hat die Coronapandemie dafür gesorgt, dass wir auf dem Weg der digitalen Transformation offenbar besser vorangekommen sind, so könnte der Krieg in der Ukraine und die Konfrontation mit Russland – so zynisch dies klingen mag – die Energiewende entscheidend beschleunigen. Unabhängiger zu werden von den Importen aus Russland oder auch ganz generell, dieses Ziel steht jedenfalls inzwischen ganz oben auf der Agenda europäischer wie deutscher Wirtschaftspolitik.

Ausbau der Erneuerbaren

Insbesondere Deutschland als ein äußerst rohstoffarmes Land muss immer noch rund 70 Prozent seines Energieaufkommens durch den Import von Mineralöl, Gas, Steinkohle und auch Uran decken. Bei Uran zur Kernenergienutzung und bei Steinkohle sind es sogar 100 Prozent. Kein Wunder, dass bereits seit geraumer Zeit den erneuerbaren Energien eine besondere Bedeutung eingeräumt wird. Aktuell aber, so der Tenor einer Studie aus dem Ressort von Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck, wird immer deutlicher, dass Energiepolitik letztlich auch Teil deutscher, ja europäischer Sicherheitspolitik geworden ist. Dabei haben die Deutschen schon vor 50 Jahren eine ähnliche Krise erlebt, als der Ölpreis „politisch motiviert“ in die Höhe schoss und man sich nur durch Sonntagsfahrverbote zu helfen wusste – und durch eine strategische Ölreserve. Heute verfügt dieses Bevorratungssystem über mehr als vier Millionen Tonnen, womit man in Deutschland 90 Tage über die Runden käme.

Deutschland hinkt beim LNG hinterher

Eine derartige Reserve gibt es ausgerechnet bei Gas nicht, obwohl gerade dieser Energieträger nach dem Atomausstieg und dem geplanten Ende des Kohleabbaus als „Brückentechnologie“ für die Erneuerbaren eingestuft wird. Von den 140 Milliarden Tonnen Gas, die im vergangenen Jahr nach Europa befördert wurden, stammten 45 Prozent aus Russland. Deutschland ist hier sogar zu 55 Prozent von Moskau abhängig. In puncto Reserve kommt beim Gas den Speicherkapazitäten eine wichtige Rolle zu. Künftig sollen die Eigentümer der Gasspeicher, also etwa der russische Konzern Gazprom, verpflichtet werden, bestimmte Speicherfüllstände einzuhalten. Dies war vor dem Krieg in der Ukraine nicht der Fall. Als Alternative zum russischen Gas wird vor allem Liquified Natural Gas, also LNG, aus den USA, Katar oder Ägypten genannt. Erdgas wird dafür auf minus 164 Grad Celsius gekühlt. Das verringert das Volumen und erleichtert den Transport und die Lagerung. Während europaweit seit der Auseinandersetzung um die Krim im Jahr 2014 20 Terminals gebaut wurden, verfügt Deutschland bisher über keine einzige dieser Einrichtungen.

Bei Wind ist noch Luft nach oben

LNG kann aber auch wieder in gasförmiges Erdgas verwandelt werden. Deshalb sollen die LNG-Terminals in Deutschland so konzipiert werden, dass sie künftig auch für den klimafreundlichen Wasserstoff einsatzfähig sind. Als entscheidend für den Durchbruch zum „grünen Wasserstoff“, aber auch in Richtung einer stärkeren Energieunabhängigkeit gilt der zügige Ausbau der erneuerbaren Energien aus Wind und Sonne. Während die Photovoltaik in Bayern schon jetzt mit über 31 Prozent an diesem erneuerbaren Energiemix der Stromerzeugung beteiligt ist, scheint bei Wind (12 Prozent) noch Luft nach oben zu sein. Neben der Biomasse (23 Prozent) spielt die Wasserkraft mit über 30 Prozent eine große Rolle. Neben Strom ist auch für Wärme und Verkehr Energie erforderlich.

300.000 Arbeitsplätze

Die Zahl der Arbeitsplätze bei den Erneuerbaren hat sich zwischen 2000 und 2019 verdreifacht, auf fast 300.000. Bis 2011 gab es eine starke Zunahme, verantwortlich für den anschließenden Rückgang war zunächst der Einbruch der inländischen Produktion in der Photovoltaik. Sie wanderte insbesondere nach China ab. Bei der Windenergie kam es 2017 zu einem starken Rückgang der Beschäftigten, der sich bis heute fortsetzt. Hier wolle man laut Wirtschaftsminister Robert Habeck gerade auch in Bayern ansetzen.