Energiepolitik
6. Oktober 2021 5:56  Uhr

Grüner Wasserstoff als Antrieb der Zukunft?

Eine neue Strategie auf dem Weg zum „Wasserstoffland Deutschland“ prüft an vier Standorten in Deutschland die Chancen für alle Verkehrsträger. Neben Duisburg, Chemnitz und Hamburg zählt auch Pfeffenhausen in Niederbayern dazu.

Sieht so schon bald das künftige „Wasserstoff-Land“ Deutschland aus? | Bild: Reinhard – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

PFEFFENHAUSEN. Um Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten und die Mobilität gleichzeitig auch klimafreundlich zu gestalten, will Deutschland künftig intensiv auf die Wasserstofftechnologie setzen, und zwar für alle Verkehrsträger, also von der Schiene über das Schiff und das Auto bis zur Luftfahrt. Und so hat das Bundesverkehrsministerium unter dem Dach des Deutschen Zentrums „Mobilität der Zukunft“ und im Rahmen der nationalen Wasserstoffstrategie für sein Konzept ganz bewusst vier Standorte ausgewählt, die alle Aspekte des Verkehrssektors abdecken. Während für Duisburg die Kompetenz im Bereich Schwer- und Nutzlastfahrzeuge spricht und die Stärke von Chemnitz in der Straßen- und Schienenanwendung gesehen wird, will man sich in Norddeutschland, also in Hamburg, Bremen und Stade, ganz speziell der Luft- und Schifffahrt widmen.

100 Millionen Euro gehen nach Niederbayern

Ebenfalls sehr gut bewertet wurde in dem Wettbewerb, der von einem Expertenteam der Prognos AG durchgeführt worden war, das künftige Innovations- und Technologiezentrum Wasserstoff (ITZ) im niederbayerischen Pfeffenhausen. In der Gemeinde im Landkreis Landshut kann man von der gesamten Summe von 290 Millionen Euro mit 100 Millionen Euro an Fördermitteln des Bundes rechnen. Der Freistaat will noch 30 Millionen Euro drauflegen. Das in Niederbayern aktive Konsortium mit der Hynergy GmbH, TÜV Süd sowie einer Vielzahl von Verbundpartnern und Forschungseinrichtungen aus der Automobilbranche, dem Maschinenbau und der Luft- und Raumfahrt, verfügt schon heute über eine hohe Kompetenz in Sachen Prüftechnik, Zertifizierung, Standardisierung und Wasserstoffsicherheit. Zum Einsatz kommen diese Fähigkeiten in Schlüsseltechnologien wie dem Brennstoffzellenantrieb, den Wasserstofftanks, der Betankung selbst sowie ganz generell in der Kryotechnik, mit der Materialien bei extrem niedrigen Temperaturen hergestellt, gelagert, transportiert und angewendet werden können.

Wasserstoffzentrum für Gewerbe und Industrie entsteht

Konkret soll in Pfeffenhausen auf einer Fläche von fast 13 Hektar ein Wasserstoffzentrum für Gewerbe und Industrie, aber auch für kleine und mittlere Betriebe sowie Zulieferunternehmen entstehen, und dies in enger Vernetzung mit den Hochschulen München, Nürnberg-Erlangen, Landshut und Ingolstadt sowie diversen Fraunhofer- und Helmholtz-Instituten. Als Teil der Wasserstoffregion HyBayern ist bis Ende 2022 in unmittelbarer Nähe zum Technologie- und Anwendungszentrum (WTAZ) ein Elektrolyseur geplant, der grünen Strom, also den aus erneuerbaren Energien gewonnenen Strom, in Wasserstoff umwandelt.

Der regional erzeugte grüne Wasserstoff, darauf verweist man bei der Betreibergesellschaft Hy2B Wasserstoff GmbH, zu deren Gesellschafterkreis seit einigen Tagen auch der Landkreis Landshut zählt, sei als Kraftstoff besonders für Regionalbusse und Nutzfahrzeuge sinnvoll; denn Wasserstoff gelte speziell auf langen Strecken als wirtschaftlicher und nachhaltiger als andere emissionsfreie Alternativen. Von Pfeffenhausen aus wird der grüne Wasserstoff an Tankstellen in einem Umkreis von bis zu 200 Kilometer verteilt.

Auch Bayernoil steigt in das Thema ein

Die Gründer von Hy2B, Dr. Tobias Brunner und Dr. Christiane Heyer, sind sich mit Landrat Peter Dreier einig, dass ihr Modellprojekt einen Anstoß für die Energie- und Verkehrswende geben werde. „Wasserstoff ist eine der Schlüsseltechnologien der Zukunft, um die nachhaltige Mobilität von morgen entwickeln zu können“, ist Landrat Dreier überzeugt. Bereits vor zwei Jahren war das Zentrum Wasserstoff Bayern (H2B) aus der Taufe gehoben worden; somit könne man nunmehr im Freistaat die gesamte Wasserstoffwertschöpfungskette abbilden. Davon scheint man sogar bei Bayernoil in Neustadt an der Donau überzeugt zu sein, wo Wasserstoff künftig die Hauptrolle spielen dürfte. Laut Geschäftsführer Michael Raue denken immer mehr Speditionen darüber nach, ihren Fuhrpark auf Wasserstoffantrieb umzustellen. Bis 2025 soll eine Elektrolyseanlage aufgebaut werden.

Zentraler Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität

Als 200. Partnerunternehmen konnte kürzlich die Wacker Chemie AG im bayerischen Wasserstoffbündnis begrüßt werden. Das Unternehmen plant am Standort Burghausen den Bau einer Elektrolyseanlage mit einer Leistung von 20 Megawatt und will hier mit Strom aus erneuerbaren Quellen Wasserstoff produzieren und mit einer Syntheseanlage in Methanol umwandeln. Christian Hartel, der Vorstandsvorsitzende von Wacker, zeigte sich überzeugt, dass grüner Wasserstoff gerade auch für die chemische Industrie ein zentraler Baustein auf dem Weg in Richtung Klimaneutralität ist. Und H2B-Vorstand Prof. Dr. Veronika Grimm richtete den Blick nach vorn: Sie erinnerte daran, dass es nach zwei erfolgreichen Jahren jetzt darauf ankommen werde, die zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Initiativen auf Landes- und Bundesebene ebenso wie aus Sicht der EU eng zu verzahnen. Nur auf diese Weise werde man einen zügigen „Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft“ ermöglichen.

Interview

Flexibel einsetzbar und sehr gut speicherbar

Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner von der OTH Regensburg, Forschungsstelle Energienetze und Energiespeicher (FENES) erklärt im Interview, welchen Beitrag Wasserstoff zur Defossilisierung von Industrieprozessen leisten kann.

Hier geht’s zum Interview …