Karriere
28. Januar 2021 6:00  Uhr

Hilfsjob trotz qualifizierter Ausbildung

12 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland arbeiten unter ihrem Qualifikationsniveau – Frauen noch häufiger als Männer. Bei den Minijobbern ist es sogar jeder fünfte.

In Callcentern arbeiten häufig Quereinsteiger – viele davon unter ihrem Ausbildungs- oder Qualifikationsniveau. | Foto: opolja – adobe.stock.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. 12 Prozent beziehungsweise 4,1 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland arbeiteten Ende 2019 in einem Beruf, für den sie ihr Ausbildungsniveau nicht gebraucht hätten. Mit dieser Antwort auf eine Anfrage der Linken im Bundestag löste die Bundesagentur für Arbeit eine Diskussion über das Thema Überqualifizierung aus. Bei den Minijobbern ist die Zahl der Menschen, die unter ihrem Qualifikationsniveau arbeiten, mit etwa 20 Prozent noch höher. Sogar 1,48 Millionen Deutsche mit akademischem Abschluss arbeiten lediglich in Helfer- oder Fachkräftepositionen, für die sie ihren Studienabschluss nicht gebraucht hätten.

Eklatanter Geschlechterunterschied

Ganz ähnliche Tendenzen zeigen die Regensburger Beschäftigtenzahlen, Stand November: Von den knapp 269.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Agenturbezirk arbeiten 23.142 – 12.520 Frauen und 10.622 Männer – lediglich als Helfer, obwohl sie einen anerkannten Berufsabschluss haben. Der Geschlechterunterschied ist noch eklatanter bei den geringfügig Beschäftigten: So arbeiteten 9241 Frauen trotz Berufsabschluss in einer Helferposition, bei den Männern waren es nur 5149. Selbst von den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit akademischem Abschluss, den 41.419 Gemeldete im Bezirk Regensburg haben, sind 1711 beziehungsweise 4 Prozent als Helfer angestellt. Als Fachkraft, und damit mutmaßlich auch überqualifiziert, arbeiten 8445 sozialversicherungspflichtige Akademiker, also etwa 20 Prozent. Bei als geringverdienende Helfer beschäftigten Akademikern zeigt sich ein ähnliches Geschlechterverhältnis wie bei den Geringverdienenden mit Berufsabschluss: 588 Männer stehen 996 Frauen gegenüber. 5024 Akademikerinnen, aber nur 3421 Akademiker arbeiten trotz abgeschlossenem Studium lediglich als sozialversicherungspflichtige Fachkraft.

Spezialisten sind weiterhin gefragt

Lohnt sich Qualifizierung angesichts des hohen Anteils an überqualifizierten Arbeitnehmern überhaupt, vor allem in Zeiten, in denen die Auswirkungen der Coronakrise auf den Arbeitsmarkt noch gar nicht vollumfänglich abzusehen sind? „Qualifikation wird generell der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit bleiben – das wird sich aus meiner Sicht nicht ändern“, sagt Wirtschaftspsychologe Professor Dr. Peter Fischer von der Universität Regensburg. Sowohl breite Qualifizierung als auch Spezialistentum werde weiterhin gefragt sein. „Die meisten disruptiven Fortschritte in der Technologie finden in einem interdisziplinären Klima statt. Wir brauchen deshalb auch vertikales Spezialistentum.“ Das wird durch eine Kennzahl der Agentur für Arbeit Regensburg bestätigt. Die Zahl der offenen Stellen für Fachkräfte, Spezialisten und Experten hat sich zwischen 2011 und 2018 praktisch verdoppelt. Aufhorchen lässt auch die Zahl der infolge der Coronakrise arbeitslos Gemeldeten im Agenturbezirk. Während sich im Februar 2020 im Vergleich zum Februar 2019 nur 0,8 Prozent mehr Menschen arbeitslos gemeldet hatten, taten dies im Oktober 2020 52,4 Prozent mehr als im Oktober des Vorjahres.

Was die zweite Coronawelle am regionalen Arbeitsmarkt anrichten wird, bleibt abzuwarten. Sicher scheint aber, dass angesichts der durch die Pandemie beschleunigten Digitalisierung sich diese Menschen in einem Arbeitsmarkt wiederfinden, der Fachkräfte und Spezialisten benötigt.
Überqualifizierung wird es trotzdem weiter geben, möglicherweise aufgrund der Krise sogar vermehrt. Fachkräftearbeitgeber wie Krones beispielsweise bauen derzeit betriebsbedingt immer mehr Stellen ab. Zumindest kurzfristig müssen diese freigesetzten Fachkräfte ihren Lebensunterhalt eventuell in anderen als ihren angestammten Bereichen sichern.

Ehrenamt und Bonussysteme als Ausgleich

Lassen sich Kompetenzen und Motivation, die aus guter Ausbildung resultieren, vielleicht für gesellschaftliches Engagement nutzen? Dieses Ziel wird jedenfalls von manchen Betrieben verfolgt. Die Lindner Group im niederbayerischen Arnstorf beispielsweise fördert ehrenamtliches Engagement mit einem Bonussystem. Wer sich sozial engagiert, bekommt symbolische „Bonos“, die er bei der heimischen Wirtschaft ausgeben kann. Chaincentive, eine Universitätsausgründung, in der sich auch Peter Fischer engagiert, geht anders vor. Wer sich im Betrieb während des Jahres besonders einbringt, bekommt einen sogenannten „Token“. Mit dem können Mitarbeiter einmal im Jahr aktiv entscheiden, für welchen karitativen Zweck das Unternehmen spenden soll.

Doch was hat das mit nicht abgerufener Qualifikation zu tun? Peter Fischer erklärt es: „Solche Anreizsysteme können das Gefühl der Selbstwirksamkeit gerade bei Menschen steigern, die unter ihrer Überqualifizierung leiden.“ Und sie vielleicht dazu animieren, ihre Motivation statt in den Brotberuf in die Gesellschaft zu investieren.

Interview

Überqualifizierung behindert den digitalen Wandel

Im Interview spricht Professor Dr. Peter Fischer, Wirtschaftspsychologe an der Universität Regensburg, über grundlegende Defizite auch in der Unternehmensführung: Nach seiner Beobachtung beschäftigen sich viele immer noch nicht genug mit dem Wesen ihrer Mitarbeiter.

Foto: Istvan Pinter

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