Mobilität
22. Juni 2020 6:00  Uhr

Hochfliegende Pläne: Ingolstadt geht in die Luft

Die Eroberung der dritten Dimension steht bevor: In der Region Ingolstadt, sonst eher für ihre erfolgreiche Automobilbranche bekannt, werden innovative Mobilitätskonzepte für den Luftraum erforscht.

Flugtaxis sind bisher noch eher Wunsch als Realität. Doch der könnte, unter anderem mithilfe von Fördergeldern der EU und Investitionen aus China, in absehbarer Zukunft in Erfüllung gehen. | Animation: designprojects – stock.adobe.com

Von Lucia Pirkl

SIEGENBURG/MANCHING. Die Zukunft liegt in der Vertikalen. Am Standort Ingolstadt schreibt man „Urban Air Mobility“, kurz UAM, also Mobilität in der Luft im städtischen Raum, ganz groß. Unterstützt von der Europäischen Kommission will man hier praktisch erproben, wie Fluggeräte der urbanen Mobilität auf die Sprünge helfen können, welche Einsatzgebiete überhaupt sinnvoll sind und vor allem, welche Rahmenbedingungen nötig sind auf dem Weg zu Flugtaxi und Co. Rund 70 Partner sind momentan an der UAM-Initiative in Ingolstadt beteiligt.

Den Luftraum als weitere Straße erschließen

Gewiss, wer momentan den Blick gen Himmel richtet, wird kaum einen DeLorean DMC-12 wie bei „Zurück in die Zukunft“ durch die Luft schwirren sehen. Ganz so abwegig wie in den 80ern ist die Idee allerdings nicht mehr. Das Szenario, den Luftraum als weitere Straße zu erschließen, ist längst nicht mehr Science-Fiction. In Ingolstadt laufen die Fäden zusammen. Das Projekt „Incitytakeoff“ beispielsweise, das Professor Dr. Vahid Salehi koordiniert, soll herausfinden, wie die städtische Infrastruktur von morgen durch innovative Mobilität im Luftraum ergänzt werden könnte. Salehi, der an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München das Institut für Engineering Design Mechatronic Systems & PLM (Produkt-Lebenszyklus-Management) leitet, muss viele Fragen klären: Welche Anforderungen müssen erfüllt werden, um Vertiports, also Start- und Landeplätze für urbane Fluggeräte, oder Vertistops, darunter versteht man einzelne Parkplätze für Fluggeräte, realisieren zu können? Der Fokus des Projekts liegt auf dem Standort des neu geplanten Hauptbahnhofs in Ingolstadt: Dort kann man sich die Realisierung einer Verkehrsdrehschreibe vorstellen, die den Transport zu Luft und zu Land mithilfe KI-basierter Algorithmen verbinden könnte.

Bis zum Flugtaxi ist es noch ein weiter Weg

Das Projekt läuft seit Januar 2020 und ist erst einmal für drei Jahre geplant. Salehi bewegt zu Beginn vor allem eine Frage: Wie sind die Faktoren miteinander vernetzt, wie ist ihre gegenseitige Wechselwirkung? „Man muss zuerst einmal systemtechnisch und ganzheitlich herangehen“, sagt Salehi. Mit welchen Emissionen hätte man beispielsweise zu rechnen? Welche qualitativen und quantitativen Anforderungen wären zu erfüllen? Und was wollen die Planer der Stadt? Das sind nur einige Beispiele möglicher Fragen, auf die Antworten gefunden werden sollen. „Feststeht aber, dass es bis zum Flugtaxi noch ein weiter Weg ist“, meint Salehi. Dabei spricht er vor allem regulatorische Aspekte an, die auf dem Weg dorthin geprüft werden müssen. „Technisch wäre es eher machbar.“

Chinesisches Geld für deutsche Senkrechtstarter

Das beweisen auch Firmen wie Lilium. Das deutsche Start-up verfolgt das ehrgeizige Ziel, schon im Jahr 2025 Flugtaxis auf den Markt zu bringen. Geld von Investoren, unter anderem vom chinesischen Internetkonzern Tencent, soll diesen Senkrechtstart erleichtern. Könnten also doch in nicht allzu ferner Zukunft Flugtaxis vor allem große Städte wie Sao Paolo verkehrstechnisch entlasten?

Flugteststrecken führen über Wiesen und Wälder

Auf einem Testgelände zwischen dem nahen Manching und Siegenburg jedenfalls werden einschlägige UAM-Forschungsergebnisse in der Praxis umgesetzt. An einem Außenstandort des digitalen Gründerzentrums „Brigk“, das auf dreidimensionale Mobilität spezialisiert ist, ist dazu mit „Brigk Air“ ein optimales Testumfeld für Start-ups und Projektteams geschaffen worden. Hier finden sie beste Bedingungen vor, um das Transportmittel der Zukunft zu testen: Die Flugstrecke führt mehrere Kilometer über Wald und Wiesen und kreuzt nur zweimal eine Straße. Äußerst unterschiedliche Witterungsverhältnisse bieten zudem optimale Testvoraussetzungen. Das Testgelände in Manching gilt bisher als einmalig in Deutschland, wenn nicht gar in Europa. Auf dem Gelände kann senkrecht gestartet und gelandet werden. Wissenschaftler und Ingenieure können dort herausfinden, wie sich die Geräte verhalten, wenn sie vier Meter nach oben abheben und wieder herunterkommen.

Denn erst wenn das klappt, können die Fluggeräte größere Distanzen zurücklegen und auf den Korridor zwischen Manching und Siegenburg auf die Reise geschickt werden, wie Salehi erklärt. Die Varianten der Fluggeräte, die die verschiedensten Firmen hier testen wollen, sind im Übrigen immens groß. Es können bemannte Drohnen sein, später vielleicht sogar unbemannte Flugtaxis, ob mit Verbrennungsmotor oder elektrisch betrieben.

Drohne hat die Nase derzeit noch vorn

Viel eher als das Flugtaxi werden jedoch Drohnen durch die Luft düsen, die beispielsweise Medikamente oder Blutkonserven schnell von A nach B bringen könnten. „Die Drohnenindustrie entwickelt sich blitzschnell“, weiß Salehi. Der Fokus der Forschung liegt daher derzeit auf der Gütermobilität, insbesondere auf dringlichen, gesellschaftlich relevanten Gütern. Fluggeräte, die Monitoringaufgaben übernehmen, wie zum Beispiel „Free Rail“, das Bahntrassen überfliegt und überprüfen kann, ob Äste im Weg liegen, könnten bald Realität sein. Im gleichnamigen Projekt wird erforscht, wie die gleisnahe Vegetation sowie Unwetterschäden entlang des Streckennetzes der Deutschen Bahn automatisch erfasst werden können. So wollen die Partner ein Gesamtsystem entwickeln, das aus einer autonom betriebenen Drohne, einem Drohnenhangar sowie einer kontinuierlichen Echtzeitkommunikation zwischen Drohne und Einsatzleitung sowie Drohnenhangar besteht. In einer einjährigen Testphase, die voraussichtlich im März 2021 beginnt, wird das System in einer sicheren Umgebung getestet.

Flugtaxis für jedermann?

Dass in naher Zukunft Tausende Flugtaxis den großstädtischen Luftraum bevölkern und ihre Passagiere on demand an jedes Ziel fliegen – diese Vorstellung liegt wohl noch in weiter Ferne. Es sind weniger technische, sondern vor allem regulatorische und gesellschaftliche Herausforderungen, die ihr Abheben verhindern. Wie Prof. Dr. Rolf Henke, Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, beim „Audi Forum“ in Ingolstadt ausführte, gibt es vor allem in den Bereichen Air Traffic Management, Sicherheit und gesellschaftliche Akzeptanz noch riesigen Forschungsbedarf. Einige Beispiele: Wo sollen die Flugobjekte starten und landen? Fliegen die Geräte autonom oder steuert sie ein Pilot? Wie wird der Luftraum verwaltet? Wie kann Sicherheit gewährleistet werden? Wie kann das Problem des Batterierecyclings gelöst werden? Wie werden Wartung und Betankung geregelt? Welches Maß an Lärm, Windfeldern, visuellen Auswirkungen und Absturzrisiko kann hingenommen werden? Für wen sollen Flugtaxis überhaupt erschwinglich sein? „Letztendlich geht es um die gesellschaftliche Akzeptanz. Die autonome Cargo-Drohne, die zwischen Städten verkehrt – dieses Szenario sehe ich am ehesten.“ Aber auch dafür fehlt laut Henke noch ein entscheidender Aspekt: das Geschäftsmodell.