Interview
18. Oktober 2021 6:00  Uhr

Homeoffice ist gerade für KMU eine Chance

Dr. Stefan Wagner, Geschäftsführer der Regensburger Ibi Systems GmbH, ISO 27000 Auditor und Beirat des Bayerischen IT-Sicherheitscluster e. V., sieht im Homeofficeboom eine Stärkung für kleine Betriebe.

Dr. Stefan Wagner | Foto: Simon Gehr

Von Robert Torunsky

Herr Doktor Wagner, der Softwareriese SAP stellt seinen Beschäftigten künftig komplett frei, wann sie von zu Hause, von unterwegs oder im Büro arbeiten. In einer Umfrage hätten sich 94 Prozent der Mitarbeiter dafür ausgesprochen. Ist so ein Ansatz auch in kleineren technologiebasierten Unternehmen umsetzbar?

Dr. Stefan Wagner: Grundsätzlich ja. Gerade in technologiebasierten Unternehmen ist die Arbeit von zu Hause aus sehr gut machbar. Die Unternehmensgröße sehe ich hierbei nicht als Hindernis. Allerdings muss gewissen rechtlichen Aspekten, etwa Arbeitsrecht oder Datenschutz, sowie insbesondere der IT- und Informationssicherheit Rechnung getragen werden. Meiner Wahrnehmung nach gelingt das bei Arbeiten von unterwegs nicht immer und hängt stark von der Tätigkeit des Einzelnen ab.

SAP verspricht einen 100 Prozent flexiblen und vertrauensbasierten Arbeitsplatz als Norm, nicht als Ausnahme. Porsche bietet seinen Mitarbeitern bis zu zwölf Tage pro Monat im Homeoffice an. Ist diese Mischform der bessere Weg?

Die Mischform ist sicherlich eine Alternative, aber es stellt sich dabei die Frage, warum man an einer bestimmten Anzahl an Tagen ins Büro muss. Ein Grund hierfür könnte sein, den Teamspirit zu stärken oder den Onboarding-Prozess neuer Mitarbeiter zu unterstützen. Sinnvoll ist in jedem Fall eine an betriebliche Anforderungen geknüpfte Präsenzpflicht. So wird es in unserer Firma nach Corona einige wenige verpflichtende Office-Tage geben, die sich nach der betrieblichen Notwendigkeit orientieren – beispielsweise unsere Kundentage, Strategieworkshops oder die Einarbeitung neuer Teammitglieder.

Wie kann man sich als KMU gegen solche Offerten behaupten oder muss man – flapsig formuliert – nehmen, was am Arbeitsmarkt übrig bleibt?

Ganz und gar nicht. Das Arbeiten bei KMU ist ja weiterhin sehr attraktiv und auch sie können flexible und vertrauensbasierte Arbeitsplätze bieten. In unserer Firma sind wir diesen Weg bereits gegangen und stellen es dem Team frei, von zu Hause aus oder im Büro zu arbeiten. Ich denke, dass dieser Trend die KMU sogar noch attraktiver werden lässt. Erstens herrscht bei kleineren Unternehmen oft ein familiäreres Klima, was hinsichtlich Zusammenarbeit im Homeoffice vorteilhaft sein kann. Zweitens haben durch Homeoffice KMU die Möglichkeit, in ganz Deutschland oder sogar weltweit neue Teammitglieder zu gewinnen. Dies war bislang meist mit einem Standort vor Ort verbunden und damit den Großunternehmen vorbehalten.

Daniela Cavallo, Chefin des Konzernbetriebsrats von VW, sagt, dass in ihrem Konzern viele Mitarbeiter das Arbeiten von zu Hause aus gut fänden, aber viele sich auch nach dem direkten Austausch mit den Kollegen im Büro zurücksehnen würden. Kann Ihrer Meinung nach eine zu große Flexibilität auch Betriebsklima und Produktivität gefährden?

Das hängt von der Tätigkeit und der Unternehmenskultur ab. Teams, die bisher bereits oft Remote gearbeitet haben, werden das sicherlich gut meistern. Sicher ist aber, dass Videokonferenzen den persönlichen Kontakt nicht ersetzen können. Ich denke daher auch, dass die Gefahr negativer Auswirkungen auf Betriebsklima und Produktivität entstehen kann. Hier gilt es proaktiv vorzusorgen, etwa durch Teamevents und neue agile Modelle der Arbeitsverteilung.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst mit Homeoffice gemacht und wie hat sich die Mitarbeiterführung verändert?

Ich selbst habe sehr gute Erfahrungen gemacht, wenngleich ich feststellen muss, dass es mich auch wieder ins Büro zieht. Es ist schön, den Feierabend aus dem Büro heraus zu starten und auf der abendlichen Fahrt nach Hause abschalten zu können. Tatsächlich haben wir jedoch die Mitarbeiterführung verändert und die bisherige Zielvereinbarung auf Jahresbasis auf die agilere Objectives-and-Key-Results-Methode, ein modernes Rahmenwerk zur Zielsetzung und Messung von Ergebniskennzahlen, umgestellt.

Wie beeinflusst Homeoffice Ihre strategische Ausrichtung und die Infrastruktur?

Eine Veränderung unserer strategischen Ausrichtung ist durch Homeoffice nicht nötig. Da passt alles. Auch unsere Infrastruktur wird durch Homeoffice wenig beeinflusst, da wir bereits vor Jahren auf die Möglichkeit des mobilen Arbeitens umgestellt haben und alle Teammitglieder via Microsoft Teams telefonieren, mit Notebooks arbeiten und der Zugang zum Firmennetz problemlos über VPN funktioniert. Neu ist, dass wir etwas mehr Geld in die Hand genommen haben, um die Homeoffice Arbeitsplätze noch besser auszustatten und ein Budget für jeden Mitarbeiter eingeführt haben, mit dem er seinen Homeoffice- oder Büroarbeitsplatz über unsere Standardausstattung hinaus individuell erweitern kann. So wird der eine einen Gymnastikball fürs Büro und der andere eine Tageslichtlampe oder Notebookständer fürs Homeoffice kaufen – ganz nach seinen persönlichen Wünschen und Bedürfnissen.