Bildung
22. März 2021 6:03  Uhr

Homeschooling: Schülern droht eine Lernlücke

Fernunterricht fordert allen viel ab. Wie groß die daraus resultierenden Bildungsdefizite sind, bleibt abzuwarten. Um gesamtwirtschaftliche Folgen zu vermeiden, sind vielfältige Maßnahmen notwendig.

Viele Schüler empfinden den Videounterricht als belastend. | Foto: erika8213 – adobe.stock.com

Von Julia Kellner

OSTBAYERN. 7.30 Uhr, der Wecker klingelt – aufstehen, frühstücken, Computer hochfahren, Lernplattformen starten, Arbeitsblätter drucken. Start um 8.30 Uhr: Videounterricht und selbstständiges Arbeiten im Wechsel. So oder so ähnlich sieht Homeschooling während des Corona-Lockdowns vielerorts aus. Dabei gibt es im Vergleich zur ersten Fernunterrichtsphase im Frühjahr gute Fortschritte, berichtet Maria Karg-Pirzer, stellvertretende Bezirksvorsitzende Oberpfalz des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV): „Viele Lehrer wurden geschult, auch Schüler haben dazugelernt. Zudem setzt man zumeist auf zwei bis drei unterschiedliche Lernplattformen – für eine stabile technische Verbindung.“

Dennoch sei der Fernunterricht ein Kraftakt für Schüler, Lehrer und Eltern, die viele an die Belastungsgrenze bringt. Dass die Faschingsferien gestrichen wurden, hält Karg-Pirzer für wenig sinnvoll: „Eine kurze Pause zum Durchatmen hätte gut getan.“

Die Kamera bleibt oftmals aus

In den gestrichenen Ferien sollten Lernlücken geschlossen werden. Doch gibt es die wirklich? Johannes Gaugler, Elternbeiratsvorsitzender der Realschule Neutraubling, geht davon aus. Schon deswegen, weil konzentrierter Unterricht allein zu Hause oft schwierig sei – und die Kontrolle fehle: „Beim Videounterricht müssen die Schüler die Kamera aus Gründen des Datenschutzes nicht aktivieren“, erklärt Gaugler. Noch schwerer wiege, dass das Miteinander fehle. Ob es eine Lernlücke gibt und wie groß sie ist, lässt sich, so Karg-Pirzer, erst beurteilen, wenn die Schüler in die Schulen zurückkehren: „Die Wissenslücken werden beim Großteil der Schüler nicht enorm sein. Vermutlich sind aber Schüler mit Mitgrationshintergrund betroffen – allein, weil zu Hause oft nicht Deutsch gesprochen wird und die Sprachpraxis fehlt.“

Die Lernlücke ist nicht bei allen gleich

Dass Schule ein bedeutender sozialer Raum ist, in dem Sprachkompetenz über den Unterricht hinaus erworben wird, glaubt auch Dr. Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Er geht davon aus, dass die Lernlücken langfristige gesamtwirtschaftliche Folgen haben können. „Es gibt Studien, die diesen Zusammenhang klar belegen“, sagt er. Wie negativ die Auswirkungen tatsächlich seien, hänge davon ab, wann wieder regulärer Unterricht stattfindet. Laut Haber müssten sich die Handwerksbetriebe darauf einstellen, dass Auszubildende in den nächsten Jahren mit Lücken beginnen würden. Die Coronakrise berge auch das Risiko, dass der Fachkräftemangel zu einer noch größeren Herausforderung wird.

Kostenlose Seminare für Eltern

Umso wichtiger ist es, fehlendes Wissen schnell aufzuholen. „Seit Corona geben wir etwa doppelt so viele Nachhilfestunden“, sagt Nicolas Klupak, Inhaber des Regensburger Nachhilfe- und Coachinginstitut Akademus. Neben dem reinen Lernen sei die Motivation entscheidend – in diesen Zeiten mehr denn je. Auf seinen Social-Media-Kanälen biete er deshalb kostenlose Seminare, die insbesondere Eltern nutzen. „Dabei geht es um drei Schritte“, erklärt Klupak: „Vom Setup, also dem klaren Ziel für das Kind, über die Motivation durch gute Organisation bis hin zu echten Erfolgserlebnissen.“ Auch seine Intensivkurse für Schüler, die für ihren Abschluss lernen, biete er nicht mehr in Camps vor Ort an, sondern digital – mit Inhalten, die bis zur Prüfung beliebig oft abrufbar sind.

Ein bunter Strauß an Maßnahmen

Doch Nachhilfe ist nur mit finanziellem Aufwand möglich. Damit die Bildungsungerechtigkeit nicht noch größer wird, sollte man daher auf ein ganzes Bündel an Gegenmaßnahmen setzen. „In unseren Schulen benötigen wir dringend zusätzliches Personal“, stellt Maria Karg-Pirzer fest. „Neben Lehrern auch Sozialarbeiter und am besten multiprofessionelle Teams.“ Johannes Gaugler vom Elternbeirat schlägt vor, private Nachhilfestunden staatlich zu fördern und zusätzlichen Förderunterricht anzubieten, etwa auch über Schultutoren und Schüler, die gerade die Schule beendet haben. Auch Berufsschulen müssten wohl ihren Beitrag dazu leisten.

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