Interview
1. September 2021 13:56  Uhr

„Ich hoffe, dass wir 2050 noch Fabriken haben“

Toni Lautenschläger, Leiter des Amts für Wirtschaft und Wissenschaft der Stadt Regensburg, spricht über die Zukunft der Domstadt – und welche Weichen schon heute gestellt werden müssen.

Toni Lautenschläger | Foto: Martin Angerer

Von Jonas Raab

Herr Lautenschläger, welche Standortfaktoren werden die Stadt der Zukunft prägen?

Toni Lautenschläger: Die Digitalisierung spielt eine immer größere Rolle. Breitbandverbindung und öffentliches WLAN müssen digitales Arbeiten möglich machen. Die Verfügbarkeit von Mitarbeitern mit ausgeprägter Qualifikation wird immer wichtiger. Dabei kommt es neben den Bildungsangeboten vor Ort auf eine hohe Lebensqualität und ausreichend Angebot in der Kinderbetreuung an. Um dem European Green Deal gerecht zu werden, braucht es eine nachhaltige Infrastruktur, die es Unternehmen ermöglicht, CO2-neutral zu arbeiten. Klimagerechtes Wirtschaften bedarf nicht nur der firmeninternen Entscheidung, sondern auch der Möglichkeit, an einem Standort klimaneutral Energie beziehen zu können. Das ist das Pflichtprogramm, das jede Kommune erledigen muss. Die Kür ist dann, auf neue Technologien und Trends vorbereitet zu sein und die verschiedenen Akteure zu vernetzen.

Auf dem Techcampus scheint das Vernetzen ganz gut zu funktionieren.

Am Galgenberg ist viel Know-how vereint. Global Player und Start-ups sind untereinander, aber auch mit der Wissenschaft vernetzt. Das ist aufgrund zweier gegenläufiger Entwicklungen auch zwingend nötig: In den Unternehmen gibt es immer mehr Spezialwissen, in den Produkten und Lösungen sind allerdings immer mehr verschiedene Technologien vereint. Deshalb braucht es, insbesondere im Mittelstand, immer mehr Kooperationspartner – auch über die eigene Branche hinweg.

Auch die strikte Trennung von Arbeit und Wohnen gilt als überholt. Ist das so?

Zum Teil. Wir werden nach wie vor klassische Gewerbegebiete brauchen, in denen produziert wird. Anders ist es in den Bereichen Dienstleistung und Entwicklung. Überall dort, wo ich meine Arbeit am Schreibtisch erledigen kann, wird es sicherlich zu einer stärkeren Verschränkung von Wohnen und Arbeiten kommen. Am Techcampus hat sich gezeigt, dass dieses Modell sehr stark nachgefragt wird. Die Bereitschaft von Unternehmen, in gemischtgenutzte Immobilien zu investieren, ist groß. Wie es in der Praxis funktioniert, werden wir sehen, wenn die ersten Mieter dort ein paar Jahre gelebt und gearbeitet haben.

Ein Standort sollte nicht monovalent sein, aber auch kein Bauchladen.

Mittelfristig soll ein zweiter Techcampus entstehen, langfristig ein dritter. Wie ist der aktuelle Stand?

Wir konzipieren den Techcampus 2 gerade inhaltlich. Er soll klimaneutral werden, Zukunftstechnologien bedienen und wieder in der Nähe der Hochschulen liegen. Das Baurecht brauchen wir schon in ein paar Jahren, weil dann der Techcampus 1 voll ist. Auf lange Sicht werden wir auch noch einen dritten brauchen. Der ist allerdings noch sehr weit entfernt.

Ein Techcampus forciert schon vom Namen her eine Spezialisierung auf Technologie. Sichern Techunternehmen die wirtschaftliche Zukunft einer Stadt?

Technologische Kompetenz wird in Zukunft entscheidend sein. Wir sind ein Standort, der nach wie vor sehr stark produziert und vom Export abhängig ist. Unsere Güter werden wir nur dann international wettbewerbsfähig anbieten können, wenn sie technologisch spitze sind. Das funktioniert natürlich am besten, wenn Technologien wie künstliche Intelligenz vor Ort entwickelt werden können.

Über das richtige Branchenprofil einer Stadt wird viel diskutiert: Spezialisierung oder Diversität – was ist zukunftsfähiger?

Weder noch und beides. Ein Standort sollte nicht monovalent sein, aber auch kein Bauchladen. Spezialisiert man sich, ist man zwar in einem Segment sehr stark, aber anfällig. Wenn die Branche kippt, kippt der Standort. Ein komplett profilbefreiter Standort, der alles ein bisschen kann, wird nirgends spitze sein. Man muss eine Kombination finden – sich divers aufstellen und sich dem einen oder anderen Thema speziell widmen. Wichtig ist, dass die technologische Kompetenz am Standort in verschiedenen Branchen einsetzbar ist.

Wir wollen durch das Zusammenwachsen von Wissenschaft und Wirtschaft zu einer Stadt des Wissens werden.

Was wären solche Technologien?

Sensorik braucht man in der Medizin, im Automotive-Bereich, in der Umwelttechnik und in der Digitalisierung. Auch IT-Sicherheit ist in jeder Branche wichtig. Daneben wird sich in Zukunft viel um Green-Tech, Gesundheitswirtschaft, Biotechnologie und nach wie vor um Mobilität drehen.

Wie kann man einem Standort dieses oder jenes Profil geben?

Wir wollen diese branchenübergreifenden Zukunftsthemen mit Kompetenzen besetzen. Das treiben wir mit unserer Clusterpolitik stark voran. Die Instrumente sind überall ähnlich, aber man braucht eine Vision. Wir wollen durch das Zusammenwachsen von Wissenschaft und Wirtschaft zu einer Stadt des Wissens werden und dabei die Wertschöpfung nicht aus den Augen verlieren.

Wie sieht Ihre ganz persönliche Vision für Regensburg im Jahr 2050 aus?

Wir werden auf mehreren Arealen so arbeiten, wie man es am Techcampus heute schon erlebt. Sicherlich wird auch viel von zu Hause aus erledigt. Die ansässigen Unternehmen werden sich sehr viel mit digitalen Technologien, erneuerbarer Energie und intelligenter Versorgung beschäftigen. Darin sehe ich die größten Herausforderungen. Wir werden in der Mobilität flexibler sein. Die Stadtbahn spielt dabei eine wichtige Rolle und wird uns nochmal einen Schritt vorwärtsbringen. Ich hoffe, dass wir 2050 noch Fabriken haben werden, in denen produziert wird. Diesen Firmen verdanken wir unseren Wohlstand. Wenn wir es hinbekommen, innovative Produkte zu entwickeln und zu fertigen, dann sieht das mit der Zukunft sehr gut aus.

Fazit

Die Zukunft ist digital. Die Technologien, die dafür nötig sind, werden aufgrund der fortschreitenden Urbanisierung vornehmlich in Städten entwickelt. Ein Wirtschaftsstandort wird sich deshalb immer mehr über sein Know-how in künstlicher Intelligenz und Co profilieren können. Der Bildung – abgestimmt auf das Profil, das sich eine Stadt geben will – kommt in Zukunft eine große Bedeutung zu. Im Regensburger Fall sollen Wissen, branchenübergreifend einsetzbare Zukunftstechnologien und deren Umsetzung in vor Ort gefertigten Produkten den Oberpfälzer Wirtschaftsstandort 4.0 prägen. Zukunftstechnologien brauchen einen neuen Nährboden, der alle Akteure zusammenbringt und weitaus ansehnlicher ist als klassische Gewerbegebiete vor den Toren der Stadt. Denn: Nur Lebensqualität wird die benötigte Expertise anlocken beziehungsweise halten. Der Wandel von einer Industrie- zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft erlaubt es, dass Arbeit und Leben örtlich verschmelzen und wird den Trend der gemischtgenutzten Immobilien und Kieze weiter verstärken. Erste Blaupausen des Wirtschaftsstandorts der Zukunft existieren und wachsen bereits – in Regensburg und anderswo.