Interview
28. April 2022 5:54  Uhr

„Ich möchte, dass meine Initiativen weiterwirken“

Dr. Johann Vielberth hat in 90 Jahren viel erlebt und viel bewegt. Nicht nur in der Immobilienbranche und im Einzelhandel hat er neue Maßstäbe gesetzt – auch die Bildungslandschaft hat er nachhaltig geprägt.

Dr. Johann Vielberth | Foto: Stefan Hanke

Von Thorsten Retta

Herr Dr. Vielberth, Sie feiern Ihren 90. Geburtstag und blicken auf ein bewegtes Leben. Sie haben 1967 die Idee der modernen Shoppingmall aus den USA nach Europa gebracht und 1980 den ersten Gewerbepark Deutschlands entwickelt. Woher nahmen Sie als junger Unternehmer den Mut für diese großen Investitionen?

So viel Mut brauchte es gar nicht. Entscheidend für eine erfolgreiche Investition ist immer eine gute Vorbereitung der Projekte. Mir kam zugute, dass ich sowohl durch meine familiäre Prägung als auch durch meine Ausbildung ein paar hilfreiche Eigenschaften mit auf den Weg bekommen hatte: zum einen immer über den Tellerrand zu blicken, zum anderen nichts dem Zufall zu überlassen. Die Konzeption des Donau-Einkaufszentrums fußte zum Beispiel auf umfangreichen Recherchen und Marktanalysen zu Potenzialen des Einzelhandels in der Region. Und beim Gewerbepark folgten wir einer Entwicklung, die sich Ende der 1970er-Jahre bei den Unternehmen schon andeutete, die Trennung der eigenen Immobilie von Produktions- und Dienstleistungsprozessen – ein Trend, der sich übrigens bis heute immer mehr verstärkt hat. Die konsequente Ausrichtung der Standortkonzepte auf diese Rahmenbedingungen sorgte dafür, dass sich trotz der gewiss bemerkenswerten Investitionssummen das unternehmerische Risiko bei den Projekten in Grenzen hielt.

Sie haben in den USA studiert, sind promovierter Volkswirt, haben nach Ihrem Studium zunächst sehr erfolgreich Autos verkauft und sogar ein eigenes Autohaus betrieben. Nicht unbedingt der klassische Weg zum Immobilienentwickler.

Noch dazu wollte ich eigentlich Physik studieren. Aber ich hatte das Glück, 1952 eines von 104 Fulbright-Stipendien zu erhalten, die die USA nach dem Krieg für Deutschland ausgeschrieben hatten. Als ständiger und interessierter Besucher des Amerika-Hauses in Regensburg waren Mitglieder der Auswahlkommission auf mich aufmerksam geworden und hatten mich für das Stipendium vorgeschlagen. So konnte ich an der renommierten Tulane University of New Orleans eine hervorragende akademische Ausbildung genießen, die ich dann in München als Diplom-Volkswirt abschloss, bevor ich in Innsbruck promovierte. Für Volkswirte gab es in Regensburg damals aber keine guten Jobs, daher bewarb ich mich auf eine Stellenanzeige als Autoverkäufer und begann dank meiner guten Englischkenntnisse unter anderem an die stationierten US-Soldaten Autos zu verkaufen, bevor ich mich schließlich in dem Bereich selbstständig machte. Gleichzeitig begann ich mit Überlegungen, in welchem Bereich langfristig erfolgreiche Investitionen möglich wären. Innovativ konzipierte Immobilien schienen auch damals schon geeignet. Das kaufmännische Wissen kam mir bei den Investitionen natürlich zugute, denn das war bei anderen Immobilienentwicklern nicht unbedingt immer so stark ausgeprägt.

In den USA zeigte sich der Trend, dass Unternehmen ihre Immobilien nicht mehr kauften, sondern mieteten, schon wesentlich früher.

Das von Ihnen gegründete Donau-Einkaufszentrum in Regensburg wird in diesem Jahr 55 Jahre alt und gehört bis heute zu den Top-Shoppingcentern in Deutschland, der Gewerbepark Regensburg zeigt sich auch nach über 40 Jahren als Innovationstreiber bei Gewerbeimmobilien. Worauf begründet sich dieser nachhaltige Erfolg?

Auf einer auf Langfristigkeit ausgelegten Planung: Bei der Gründung des Donau-Einkaufszentrums gab es viele Themen zu lösen: Wir haben ja außerhalb der Stadt auf der grünen Wiese einen ganz neuen Handelsstandort geschaffen. Der musste attraktiv genug sein, dass die durch die Massenmotorisierung immer mobileren Kunden in das Center kommen. Deshalb haben wir einen Standort mit optimaler Verkehrsanbindung gewählt und neben der idealen Größe auch mit viel Bedacht den passenden Mietermix entwickelt. Mit Quelle, Woolworth oder Coop konnten wir die damals großen Einzelhandelsmagneten gewinnen, die wir dann mit regionalen Händlern und Handwerksbetrieben ergänzten. Bei der Recherche stieß ich damals auf den amerikanischen Architekten Victor Gruen, der als Erfinder der modernen Shoppingmall gilt und seit Mitte der 1950er-Jahre in den USA mehrgeschossige, überdachte und klimatisierte Malls realisierte. Bei einem Besuch in den USA erläuterte Gruen mir seine Ideen und gab mir fertige Pläne eines seiner Projekte mit. Auf Grundlage dieser Pläne entwickelten wir dann das auf den deutschen Mittelstand angepasste Konzept für das Donau-Einkaufszentrum. Die Innovation war, dass wir eine Plattform schufen, auf der selbstständige Handelsunternehmen ihr Geschäft betreiben konnten und dabei von einer gemeinsamen Infrastruktur profitierten.

Auch beim Gewerbepark inspirierte Sie ein amerikanisches Vorbild: Der Business Parks, ein großflächiger Gewerbestandort.

In den USA zeigte sich der Trend, dass Unternehmen ihre Immobilien nicht mehr kauften, sondern mieteten, schon wesentlich früher. Firmen erkannten, dass sie ihre Mittel besser in die Entwicklung ihres Geschäfts investieren konnten, wenn sie diese nicht für Immobilie und Infrastruktur bereitstellen mussten. So entstanden in den USA die sogenannten Business Parks, die neben einer perfekten Erreichbarkeit auch vielfältige Serviceangebote und eine hohe Aufenthaltsqualität für die Beschäftigten der ansässigen Firmen bereithielten. Dieses Konzept übertrugen wir auf den Gewerbepark, der bewusst das Wort „Park“ im Namen trägt und ja um eine großzügige Wasser- und Grünlandschaft angelegt ist. An einem solchen Standort mit sehr flexiblen Mietflächen können Unternehmen langfristig erfolgreich wachsen, ohne die Firmenadresse wechseln zu müssen. Sie müssen nur so viel Fläche mieten, wie sie aktuell brauchen. Ihre Beschäftigten erreichen ihren Arbeitsplatz schnell und profitieren von den Angeboten im Park. Der Kommune hilft so ein Standort bei der Gewinnung attraktiver Firmen. Dass diese unterschiedlichen Interessensgruppen hier alle ihre Ziele verfolgen können, macht wohl den nachhaltigen Erfolg des Gewerbepark aus.

Die hier ausgebildeten Immobilienwirte waren sofort international konkurrenzfähig und schnell begehrt.

Das von Ihnen gegründete Unternehmen, die heutige DV Immobilien Gruppe, beschäftigt nicht nur fast 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es betreibt mittlerweile Shoppingcenter und Business Parks in ganz Bayern und Autohöfe in ganz Deutschland. Ihre Gründung hat viele Früchte getragen. Wie bewerten Sie die Entwicklung des Unternehmens?

Unser Engagement war von Anfang an auf langfristige Investitionen ausgelegt. Das Prinzip der multifunktionalen Standorte, Gebäude und Mietflächen trägt bis heute. Es wurde vom Management immer wieder auf die konkreten Begebenheiten des jeweiligen Projekts angepasst. Antrieb ist aber bis heute immer die nachhaltige Unternehmensstrategie bei der Projektentwicklung. Das Unternehmen baut und betreibt alle Standorte als Bestandshalter, viele davon schon seit mehreren Jahrzehnten. Es ist schön, zu sehen, dass die Ideen bis heute so erfolgreich weiterentwickelt werden konnten.

Auf eine langfristige Wirkung sind auch Ihre Stiftungs- und Förderaktivitäten ausgelegt. Die Regensburger Universitätsstiftung wurde auf Ihre Initiative hin vor 30 Jahren gegründet. Was waren die Beweggründe dafür?

Die Gründung der damals vierten bayerischen Landesuniversität in Regensburg war die Grundvoraussetzung dafür, dass die für die wirtschaftliche Entwicklung der Region so wichtigen gut qualifizierten Fachkräfte ausgebildet werden konnten. Darum haben wir den Bau der Universität zunächst auch mit einem eigenen Verein unterstützt. Ziel der Regensburger Universitätsstiftung war es dann, die Bildungsregion und den Hochschulstandort Regensburg im Wettbewerb zu stärken. Stiftungen können Fachbereiche fördern, die in offiziellen Lehrplänen nicht enthalten sind. Zugleich konnten und können sich unter dem Dach der Regensburger Universitätsstiftung bis heute viele Einzelstifter mit ihren Zustiftungen als Förderer der Universität engagieren.

2003 initiierten Sie unter dem Dach der Universitätsstiftung die Gründung der Stiftung für Immobilienwirtschaft. Daraus entstand Europas führendes Institut für Immobilienwirtschaft IREBS.

Eine unserer Analysen hatte ergeben, dass es weltweit eigentlich keine Bildungsinfrastruktur für die Ausbildung in der Immobilienwirtschaft gab. An genau drei Universitäten weltweit wurde das Fach gelehrt. Gemessen an der immensen Wertschöpfung der Branche war der Immobiliensektor in der universitären Forschung und Lehre dramatisch unterrepräsentiert. Daher entschlossen wir uns, über eine Stiftung die Implementierung des Fachs Immobilienwirtschaft in die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät an der Universität voranzutreiben. Dafür benötigten wir neben Lehrstühlen auch die Räumlichkeiten. Mit der Stiftung unterstützten wir die Erstausstattung der Lehrstühle und die Errichtung eines geeigneten Gebäudes. Die hier ausgebildeten Immobilienwirte waren sofort international konkurrenzfähig und schnell begehrt. Und so engagierten sich immer mehr Immobilienunternehmen mit der Stiftung weiterer Lehrstühle. Heute umfasst die IREBS International Real Estate Business School acht wirtschafts- und rechtswissenschaftliche Lehrstühle und Professuren sowie zehn Honorar- und Gastprofessuren. Und mittlerweile laden amerikanische Universitäten Regensburger Professoren als Gäste ein, das ist schon bemerkenswert.

Es ist wichtig, dass man lernt, andere Sichtweisen und Standpunkte anzuhören und zu akzeptieren.

Die Universitätsstiftung fördert auch den internationalen Austausch, Sie sind Ehrendoktor der Universität in Odessa, unterstützen den Bau des Johannes-Kepler-House for International Services an der OTH Regensburg und haben mit der Regensburger Städtepartnerschaft mit Tempe in Arizona über Jahrzehnte aktiv Völkerverbindung praktiziert. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Weil ich selbst erfahren durfte, wie bereichernd dieser Austausch über Grenzen hinweg ist. 1952 verbrachten wir als deutsche Fulbright-Studenten in Amerika mehrere Wochen bei Gastfamilien und wurden dort sehr gut aufgenommen. Es ist wichtig, dass man lernt, andere Sichtweisen und Standpunkte anzuhören und zu akzeptieren. Daher war es mir immer ein Anliegen, diesen Austausch zu fördern. An der Mechnikow-Universität in unserer gerade vom Krieg so erschütterten Partnerstadt Odessa habe ich zehn Jahre lang Gastvorlesungen zu wirtschaftlichen Themen gehalten. Wir haben Zehntausende Fachbücher organisiert und dorthin gebracht. Aus Odessa kamen auch immer wieder Studentinnen und Studenten zu uns. Und über die Städtepartnerschaft mit Tempe in Arizona konnten über Jahrzehnte Tausende von jungen Menschen aus beiden Städten durch den Austausch Bekanntschaften und auch Freundschaften knüpfen.

Ihr Engagement setzte immer auch Impulse: das DEZ für die Entwicklung des Handelsstandorts Regensburg, der Gewerbepark für die Stärkung des Wirtschaftsstandorts Regensburg, die Unistiftung für den Wissensstandort Regensburg. Und Ihre zahlreichen sozialen Engagements wie für „Mütter in Not“ oder die Errichtung des Johannes-Hospizes ermöglichen wertvolle Arbeit für benachteiligte Menschen. Wie blicken Sie zum 90. Geburtstag auf Ihre Initiativen?

Die Einstellung, das eigene Wissen und die eigenen Möglichkeiten dafür zu nutzen, andere zu unterstützen oder anderen zu helfen, war schon immer in meiner Familie verwurzelt. Mein größter Wunsch war und ist daher immer, dass das, was ich angestoßen habe, weiterwirkt.

Dr. Johann Vielberth

Dr. Johann Vielberth wurde am 1. April 1932 in Bodenwöhr geboren. Nach dem Abitur erhielt er 1952 ein Fulbright-Stipendium an der Tulane University in New Orleans, USA. Während des Volkswirtschaftsstudiums in München und Regensburg machte sich Vielberth mit einem Kfz-Betrieb in Regensburg selbstständig. Nach der Promotion begann er mit der Entwicklung eines Konzepts für das Donau-Einkaufszentrum, das er 1967 eröffnete. 13 Jahre später folgte die Eröffnung des Gewerbepark Regensburg. 1995 gründete Dr. Vielberth die Regensburger Universitätsstiftung, 2003 folgte die Gründung der Stiftung für Immobilienwirtschaft, aus der 2007 das heute europaweit führende Institut für Immobilienwirtschaft IREBS entstand.