Technologie
4. November 2021 5:55  Uhr

Ideen von morgen bereits heute zum Anfassen

Im Nürnberger Zukunftsmuseum lassen sich die Möglichkeiten des technischen Fortschritts entdecken und diskutieren. Dabei möchte die Einrichtung auch zur Diskussion über ethische Fragen anregen.

Das Zukunftsmuseum Nürnberg ist ein außergewöhnliches Technikmuseum mit besonderer Perspektive. | Fotos: Thomas Tjiang

Von Thomas Tjiang

NÜRNBERG. Zuletzt sorgte die Coronapandemie dafür, dass sich die Eröffnung des Zukunftsmuseums Nürnberg bis in den September verzögerte. Mittlerweile ist die Zweigstelle des Deutschen Museums aus München geöffnet und inszeniert mögliche Entwicklungen, die in zehn, 20 oder 50 Jahren kommen könnten. „Wir sind als Technikmuseum etwas Besonderes“, zeigt sich die Museumsleiterin Marion Grether überzeugt. „Besucher können sich mit innovativen Ansätzen in die Technik hineindenken.“

Von technischer Realität bis zur Utopie

Unter den rund 250 Exponaten finden sich Prototypen oder Studien aus Industrie und Hochschulforschung, die zeigen, wie nahe manch technische Machbarkeit bereits gerückt ist. Daher ist einiges tatsächlich Science, während anderes noch mehr Fiction ist. Ein dezentes Führungssystem quer durch die Ausstellung zeigt den Besuchern, ob es sich eher um technische Realität oder eine bislang technische Utopie handelt.

Der offen gestaltete Museumsneubau mit seinen rund 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist in fünf Themenwelten unterteilt. Sie stehen unter den Überschriften „Arbeit und Alltag“, „Körper und Geist“, „System Stadt“, „System Erde“ sowie „Raum und Zeit“. „Auch wenn es zunächst etwas technisch klingt, alle Bereiche haben unmittelbar oder mittelbar mit dem Leben ganz normaler Bürger zu tun“, hebt die Museumsleiterin hervor. Eindrucksvoll ist beispielsweise der „Blue Cruiser“ der Hochschule Bochum. Dort bauen Studenten alle zwei Jahre ein Solarauto, das Fahrzeugdesign mit innovativer Technik und einem nachhaltigen Entwicklungsansatz kombiniert. Das ausgestellte Exponat, die siebte Generation der Bochumer Solarcars, ist außen komplett mit Solarzellen verkleidet. Erstmals kamen bei dieser Version innen statt Leder und Carbon Naturfasern zum Einsatz, um diesen bislang wenig beachteten Aspekt beim Autobau in den Fokus zu rücken. Ein Vorgängermodell hatte die Welt nur mit Sonnenenergie umrundet und hält mit 29.753 Kilometern den Guinness-Rekord für die längste solarautark gefahrene Strecke.

Einmal den Mars-Rover selbst steuern

Staunen und entdecken ist das eine, mitmachen das andere. Für Grether ist klar, dass man heute als Museum ohne Interaktion gerade die junge Zielgruppe kaum mehr erreicht. So bekommen Besucher bereits am Eingang ein Armbändchen, mit dem sich in den einzelnen Ausstellungsbereichen die eigenen Zukunftsinnovationen digital sammeln lassen. Am Ende lässt sich dann individuell auswerten, welche Zukunft man mit den ausgewählten Objekten kreieren würde. „Das ist eine relativ niederschwellige Form der Gamification.“ Aber auch an einzelnen Objekten kann man selbst Hand anlegen und eigene Erfahrungen machen. So lässt sich etwa ein Mars-Rover-Modell steuern – um ein paar Sekunden zeitverzögert, um die tatsächlich elf Minuten Übertragungszeit von der Erde zum Mars erfahrbarer zu machen.

Interaktive Denktouren durchs Museum

Solche Erfahrungsstationen für das spielerische Lernen sind laut Grether natürlich nicht nur für Kinder gemacht. Zusätzlich gelten zwei gut ausgerüstete Besucherlabore mit einem fachlichen Leiter als museale Besonderheit, um naturwissenschaftliche Versuche durchzuführen. Außerdem bietet das Zukunftsmuseum statt klassischer Führungen sogenannte interaktive Denktouren an. Dabei geht es nicht um einen vorgefertigten Themeninput für Besucher. Vielmehr will die Einrichtung mit diesem Format die Diskussion fördern und über ethische Fragen reflektieren. Deshalb gibt es keinen vorgegebenen Weg durch die Ausstellung, sondern es werden je nach Gruppe bestimmte Techniken und die verbundenen Fragestellungen aufgegriffen.

Der Standort des Museums selbst liegt einen Steinwurf vom zentralen Hauptmarkt entfernt. Architekt Volker Staab hat das Gebäude in Sichtbetonoptik auf faszinierende Weise an die Umgebung angepasst. Zugleich hat er in der Altstadt eine neue Laufachse mit italienischem Flair geschaffen. Auf dem Gesamtareal in der Altstadt sollte in den 1990er-Jahren ein Bürokomplex aus Glas und Beton entstehen. Der Entwurf ging als „aufgeplatzte Bratwurst“ in die Geschichte ein.

Ein Rundgang durchs Museum

Plüschroboter und sprechende Kaffeemaschinen: Wie Roboter und künstliche Intelligenz unser Leben durchdringen, ist Gegenstand der Themenwelt „Arbeit und Alltag“.
Fliegende Autos, smarte Häuser, ressourcenschonendes Bauen: Die Themenwelt „System Stadt“ geht der Frage nach, wie wir zukünftig zusammenleben werden.
Es gibt keinen Planet B: Mit den begrenzten Ressourcen der Erde und dem verantwortungsvollen Umgang mit ihnen beschäftigt sich die Themenwelt „System Erde“.
Mensch und Technik verschmelzen in der Zukunft immer mehr zu einer Einheit: In der Themenwelt „Körper und Geist“ geht es auch um ethische Aspekte des Machbaren.
Der Traum von fernen Galaxien begleitet die Menschheit schon lange: Was Traum bleiben muss und was Realität werden kann, zeigt die Themenwelt „Raum und Zeit“.