Mobilität
17. Mai 2021 6:02  Uhr

Imageschaden und Neuausrichtung

Leergefegte Straßen, verwaiste Parkplätze, Busse und Züge fast ohne Fahrgäste: Corona hat das öffentliche Leben von jetzt auf gleich fast zum Erliegen gebracht. Auch auf die Mobilität in der Region hat die Pandemie Auswirkungen.

Auch am öffentlichen Personennahverkehr ist die Pandemie nicht spurlos vorübergegangen. Die Betreiber rechnen damit, dass selbst nach dem Lockdown die Fahrgastzahlen nur langsam wieder ansteigen werden. | Foto: pureshot – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. „Wir dürfen die große Bedeutung des ÖPNV für die Mobilitätszukunft unserer Region auf keinen Fall aus den Augen lassen.“ Die Regensburger Planungsreferentin Christine Schimpfermann legt einen Finger auf den wahrscheinlich wundesten Punkt der Corona-Auswirkungen auf die regionale Mobilität. Der ÖPNV erfindet sich im Moment neu für die Zukunft. Gleichzeitig hat er unter den Coronafolgen am meisten zu leiden. „Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 sind unsere Fahrgastzahlen um annähernd 90 Prozent eingebrochen“, bestätigt Martin Gottschalk, Pressesprecher von das Stadtwerk.Regensburg. Im Sommer habe sich die Auslastung kurzzeitig erholt. Im Herbst, mit dem zweiten Lockdown, seien die Menschen dann aber schnell wieder auf den Individualverkehr umgestiegen, so Gottschalk: „Aktuell sind die Fahrgastzahlen ein Stück weit höher als im Frühjahr 2020, dennoch befinden sie sich auf sehr niedrigem Niveau.“

Bus und Bahn kämpfen mit Imageproblemen

Busse und Bahnen haben im Moment ein Imageproblem. Der ÖPNV, moniert Gottschalk, sei zu Unrecht teilweise als einer der Treiber der Pandemie dargestellt worden. Auch nach dem Lockdown rechnet das Stadtwerk.Mobilität eher mit einem sehr langsamen Anstieg der Fahrgastzahlen. Betreiber und Kommunen werden gemeinsam die Werbetrommel für Busse und Bahnen rühren müssen, wenn der ÖPNV nach Corona nicht auf dem Abstellgleis stehen bleiben soll. Gottschalk sieht hier als eines der stärksten Argumente die Schnelligkeit und Umweltfreundlichkeit des ÖPNV. Das bestärkt die Beteiligten eher noch in der schon vor Corona gemeinsam aufgesetzten Mobilitätsstrategie. „Stand heute wird sich aus unserer Sicht nach Corona an der grundsätzlichen Verteilung des Verkehrs und damit an unserer Mobilitätsstrategie nichts wesentlich ändern“, sagt Christine Schimpfermann. Dazu gehört der zentrale Busbahnhof genauso wie der Bau einer Stadtbahn und vor allem auch die höhere Barrierefreiheit in den Verkehrsmitteln und an den Haltestellen. Die Erreichbarkeit der Innenstadt für alle Menschen erfordere natürlich auch einen innenstadtnahen motorisierten Individualverkehr. „Aber der hat anders als früher in unserer Planung nicht mehr den Vorrang.“

Konzept für Mobilität im Raum Regensburg

„Während und nach der Pandemie hält der Landkreis an seiner ambitionierten Verkehrsplanung fest“, bestätigt auch der Landkreis-Pressesprecher Hans Fichtl. Erst im Februar 2020 hatten Stadt, Landkreis und Freistaat das „Konzept Mobilität Raum Regensburg“ auf den Weg gebracht, das alle Verkehrsträger und -mittel ins Boot holen will. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Neuschaffung und Reaktivierung von Haltepunkten und dem Ausbau der Schieneninfrastruktur. Die Stadt ihrerseits plant eine Stadtbahn im Zentrum mit Ausweitungspotenzial ins Umland. Trotz Homeoffice und Lockdown pendelten laut Pendleratlas der Agentur für Arbeit auch 2020 regelmäßig 80.000 Menschen aus dem Umland zum Arbeiten in die Stadt, die meisten davon, rund 40.700, aus dem Landkreis. Die IG Bau sieht die hohe Pendlerzahl vor allem in der Preisexplosion für städtischen und stadtnahen Wohnraum begründet. Dass das Mobilitätsverhalten der Menschen auch in Zukunft am Siedlungsgeschehen hängt, räumen sowohl Fichtl als auch Schimpfermann ein. Maßnahmen für bezahlbaren zentrumsnahen Wohnraum sind ein hochpolitisches Thema.

Das Fahrrad als Krisengewinner

Was vom coronabedingten Digitalisierungsschub der Arbeit nach der Pandemie hängen bleiben wird, ist abzuwarten. Ein mobiler Corona-Boost wird aber wohl nachwirken: Das Fahrrad ist der ganz klare Krisengewinner unter den Verkehrsmitteln. Stadt und Landkreis mussten auf diesen Zug nicht erst aufspringen, sie hatten ihre Tickets bereits gelöst. Derzeit erfährt das Thema allerdings ein Upgrade. Am 1. April hat das Klimaschutzmanagement des Landkreises Verstärkung durch eine Managerin für den vernetzten Radverkehr bekommen. In Zusammenarbeit mit der Stadt und anderen Kreisen soll das Radwegenetz massiv ausgebaut werden. Die Stadt Regensburg wiederum hat bereits jetzt neun Fahrradstraßen auf Hauptrouten. Über den Sommer sollen in Workshops weitere Trassen diskutiert und dazu auch Telefoninterviews mit den Bürgern geführt werden. Laut Schimpfermann möchte man dabei unter anderem Noch-nicht-Radler erreichen. Die Basis dafür nennt Fichtl: „Es soll ein überregionales Radwegenetz für den Alltagsradverkehr entstehen mit der Qualität, zumindest in Teilbereichen eine echte Alternative zum motorisierten Individualverkehr zu werden.“ Wenn dieser Plan greift, hat Corona dann doch die Mobilitätsmentalität in der Region ganz erheblich neu geprägt.