Interview
1. September 2021 11:15  Uhr

Immer mehr, immer teurer, immer beliebiger – und jetzt?

Gespräch mit Ricarda Pätzold, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin im Forschungsbereich Stadtentwicklung, Recht und Soziales am Deutschen Institut für Urbanistik

Ricarda Pätzold | Foto: Annette Koroll Fotos

Von Jonas Raab

Frau Pätzold, überleben unsere Innenstädte die Coronapandemie?

Ricarda Pätzold: Die Leere und Stille haben aufgeschreckt. Bislang ist die Insolvenzstatistik noch nicht so gravierend wie angenommen. Aber die Pandemie hat gezeigt, dass es in Innenstädten unter anderem zu wenige konsumfreie Orte gibt – und deshalb kaum Anlässe für einen Besuch, wenn die Geschäfte geschlossen haben.

Insbesondere in kleinen Städten waren Leerstand und Verödung schon lange vor der Pandemie ein Thema.

Potente Filialisten sind die Hauptbespieler von Innenstädten. In Kleinstädten fehlen die Kundenströme. Diese Kommunen müssen etwas anderes bieten. Danach wird schon seit Jahren händeringend gesucht. Leider lässt sich mancher Leerstand nur schwierig einer anderen Nutzung zuführen. Das sind zum Teil sperrige Strukturen.

Wie ließe sich Leerstand umgestalten?

Es gibt viele Ideen für temporäre Nutzungen – von Reparaturcafés und trendigen Co-Working-Spaces bis hin zu Kitas, Klassenzimmern oder Werkstätten auf Zeit. Wenn man über den Tellerrand der traditionellen Erdgeschossnutzung hinausblickt, lassen sich wunderbar soziokulturelle Orte schaffen. Aber das ist natürlich immer davon abhängig, wem das Haus gehört und welche Interessen damit verbunden sind. Will der Eigentümer nicht mitmachen, beißt man auf Granit.

Innenstädte sind im Grunde Textilhandelszentren.

Großstädte haben nichts zu befürchten, weil die Akteure dort zu potent sind?

Eine Weile ging es dort nur noch um Präsenz, Potenz und Umsatz. Kultur wurde von den immer gleichen Filialen verdrängt, auch die öffentliche Verwaltung oder Banken haben sich vielerorts zurückgezogen. Abnehmende Vielfalt ist auch eine Form von Verödung. Aber selbst hier haben die Platzhirsche schon vor der Pandemie begonnen, ihre Filialnetze zu überdenken: H&M streicht seit Jahren Filialen. Die neuen Vertriebskanäle haben einiges verändert.

Liegt das Problem also im Onlinehandel, nicht in der Pandemie?

Es heißt nicht umsonst Marktplatz. Seit den 1950er-Jahren ist in den Innenstädten noch einmal unglaublich viel Handelsfläche dazugekommen. Untergangserzählungen gab es seitdem immer wieder – als Kaufhäuser kamen und dann Shoppingcenter. Jetzt gibt es auf einmal einen exterritorialen Anbieter, der gar nichts mehr mit Räumen zu tun hat. Es hat sich gezeigt, dass man so gut wie jedes Produkt online verkaufen kann. Innenstädte sind im Grunde Textilhandelszentren. Diese Entwicklung – immer mehr vom gleichen, immer höhere Mieten – hat die Zahl der Füße, auf denen eine Innenstadt steht, deutlich reduziert. Jetzt wird der Zalando-Effekt spürbar.

Was bedeutet es für Städte, wenn H&M, Kaufhof und Co. schwächeln?

Das ist wie mit VW und Niedersachsen: Dann hat alles einen Schnupfen. Der Handel ist ein originärer Bestandteil von Innenstädten. Aber daneben gibt es noch eine ganze Menge mehr. Das darf man nicht vergessen. Und genau darum geht es jetzt.

Menschen wollen Menschen sehen. Ob das Internet dieses Bedürfnis auf Dauer befriedigt, ist fraglich.

In Regensburg wird emotional darüber diskutiert, wie viel Auto in der Innenstadt nötig ist. Was sagt die Stadtforscherin?

Die Zeit, in der gerade in vielen Klein- und Mittelstädten der Marktplatz ein großer Parkplatz war, sind zum Glück vorbei. Aber auch eine autofreie Innenstadt hat ihre Schwachstellen, wenn die alternativen Mobilitätsangebote fehlen. Es kommt auch immer auf die Mobilitätsgewohnheiten vor Ort an. Wenn ich in dünn besiedelten Gegenden die Autos gänzlich aus dem Stadtzentrum verbanne, ist das vielleicht nicht die zündende Idee. In tendenziell fahrradaffineren Städten ist das natürlich etwas anderes. Das muss immer wieder lokal verhandelt werden. Wichtig ist das richtige Maß: niemanden überfordern, aber auch nicht zu kleinherzig agieren.

Corona wird irgendwann verdaut sein, aber der Onlinehandel wird weiter boomen. Wie werden sich Innenstädte weiterentwickeln?

Menschen wollen Menschen sehen. Ob das Internet dieses Bedürfnis auf Dauer befriedigt, ist fraglich. Wie viele Positionspapiere derzeit mit dem Ausruf „Rettet die Innenstädte“ überschrieben werden, zeigt die ideelle Bedeutung von Innenstädten. Die Entwicklung wird durchaus als Katastrophe gesehen. Es wird gerade sehr viel Energie und Geld investiert, um daran etwas zu ändern. Ob das überall radikal genug ist, kann man infrage stellen. Oft ist das Ziel, dass alles wieder so wird, wie es vor der Krise war.

Was passiert mit dem Geld? Wie kann man Innenstädte zukunftsfähig machen?

Das kommt immer auf die Diagnose an. Ein beliebtes Konzept ist, mehr Wohnraum in der Innenstadt zu schaffen. Auch urbane Produktion wird seit ein paar Jahren verstärkt diskutiert. Die Annahme, dass Gewerbe und Wohnen absolut unverträglich sind, ist ein Stück weit überholt. Vor allem der öffentliche Raum gilt als Schlüssel der Attraktivität. Das Ziel ist, Treffpunkte zu schaffen und die Innenstädte mit Bedeutungsinhalten abseits des Konsums zu füllen. Mehr Grün spielt dabei eine große Rolle, gerade weil Innenstädte die am stärksten versiegelten Orte in Städten sind.

Das Immobilienpreisgebirge ist einfach zu hoch, die Innenstadt für viele unerschwinglich.

Welche Herausforderungen gibt es dabei?

Alle schönen Zukunftswelten stehen und fallen mit dem Preis. Das Immobilienpreisgebirge ist einfach zu hoch, die Innenstadt für viele unerschwinglich. Wie sich Zentren weiterentwickeln, ist deshalb nicht nur eine Frage von Ideen und Konzepten, sondern auch von Geld, Durchsetzbarkeit und Mitspielern. Die Kommunen haben in der Regel das wenigste Eigentum in den Innenstädten. Die Frage ist: Was hat die Immobilienwirtschaft eigentlich für neue Ideen?

Die andere Frage ist: Was hätten Immobilienbesitzer von neuen Konzepten?

Ein besseres Karma. (Lacht.) Nein. Einen attraktiven Standort. Mixed-Use-Immobilien sorgen nicht nur für mehr Leben, sondern auch für Stabilität: Wenn eine Immobilie Arbeit, Wohnen und Dienstleistung vereint, hat sie viele Standbeine und ist krisenresistenter. Über gemischte Konzepte wird zwar viel gesprochen, aber so viele davon gibt es noch nicht. Immobilienkonzerne spezialisieren sich oft und agieren aus anderen Rationalitäten heraus.

Wie sieht die Innenstadt der Zukunft aus? Schwächen Zukunftskonzepte wie autarke Kieze den Stadtkern nicht zusätzlich?

Es braucht auch in Zukunft zentrale Orte. Das Stadtzentrum wird immer eine Sonderstellung einnehmen. Ich glaube nicht, dass ein stärkerer Kiezbezug dem Konzept der Innenstadt entgegensteht. München beweist das. Es wird in Zukunft alle Spielarten von Innenstädten geben. Der Weg ist nicht vorbestimmt. Es hängt immer viel von lokalem Engagement und den Entscheidungen der Akteure vor Ort ab. Nur die können etwas verändern.

Fazit

Allen Untergangserzählungen zum Trotz wird die Innenstadt auch in Zukunft ein prägendes Element von Städten bleiben. Der in Großstadtzentren angesiedelte Einzelhandel wird dem boomenden Onlinehandel Rechnung tragen, sich weiterentwickeln und Flächen reduzieren, aufgrund der sozialen Komponente eines Shoppingtrips aber wohl nie überflüssig werden und ganz verschwinden. Dennoch braucht es für die Innenstadt der Zukunft neue Konzepte – zu groß ist heute das Einerlei der Großfilialen, zu hoch die Mietpreise für alternative Angebote. Kleine und mittelgroße Städte hat das Schicksal des schwächelnden Innenstadthandels längst ereilt. Die Lösungsansätze sind zum Großteil unabhängig von der Einwohnerzahl. Es wird darauf ankommen, Innenstädte auf mehrere Beine zu stellen, um sie vielfältiger, attraktiver und nicht zuletzt auch krisenresistenter zu gestalten. In Großstädten stehen und fallen neue Konzepte – mehr Wohnen, Arbeiten, Kultur und konsumfreie Treffpunkte – neben der Bereitschaft der Akteure vor Ort vor allem mit dem Preis. Immobilienbesitzer werden umdenken und sich von der Politik des höchsten Mietpreises verabschieden müssen. Sie werden nicht anders können – spätestens dann, wenn Leerstand droht.