Konjunktur
10. Februar 2022 13:43  Uhr

Die Stimmung ist besser als die Lage

Konjunkturumfragen der Metall- und Elektrobranche sowie aus dem gesamten Bereich der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim verweisen auf eine sehr differenzierte Wirtschaftslage.

Auch wenn Lieferengpässe und coronabedingte Unsicherheiten das Geschäft noch erschweren, bewerten die Oberpfälzer M+E-Unternehmen ihre Lage als insgesamt gut. Foto: stock.adobe.com – www.nataliyahora.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG/PASSAU. In den Betrieben der M+E Industrie, also den Unternehmen der Metall- und Elektrobranche in Ostbayern, ist die Stimmung offenbar besser als die tatsächliche Lage. Jedenfalls geht dies aus einer aktuellen Umfrage der Arbeitgeberverbände bayme vbm hervor, kürzlich vorgestellt wurde. Erläutert wurden die Umfrageergebnisse aus niederbayerischer Sicht von Bernhard Wimmer, Personalchef von Mann+Hummel aus Marklkofen, und für die Oberpfalz vom Standortleiter der Continental Automotive GmbH, René Krahn. Zwiespältig fiel auch die gleichzeitig veröffentlichte Konjunkturumfrage der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim aus. „Unsere Firmen hoffen auf Licht am Ende des Pandemie-Tunnels und wollen heuer beim Umweltschutz und für Energieeffizienz investieren“, ist IHK-Präsident Michael Matt überzeugt.  

97.000 Beschäftigte bei M+E in der Oberpfalz

Im Bereich der Oberpfalz klagen ein Drittel der Unternehmen der M+E-Branchen darüber, dass sie bei bestimmten Produkten „überhaupt keine Lieferungen erhalten“, wie  René Krahn in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Vorstands von bayme vbm in der Region Regensburg weiß. Über verspätete Lieferungen klagen 80 Prozent der Firmen. Außerdem führe der Materialengpass bei über 80 Prozent der Betriebe zu Preissteigerungen beim Einkauf. Dass man bei der Metall- und Elektroindustrie tatsächlich noch ein  gutes Stück von der Normalität entfernt ist, macht Krahn auch an den Investitionsplänen der Oberpfälzer Unternehmen fest. Nur jeder vierte Betrieb will in den kommenden Monaten seine Investitionen erhöhen. Als insgesamt gut werde immerhin die Ertragslage der Firmen bewertet, aber auch als durchaus differenziert. 46,4 Prozent der Unternehmen konnten 2021 eine Nettoumsatzrendite von 4 Prozent und mehr erzielen. „Währenddessen sind fast ein Drittel im kritischen Bereich, also bei einer Rendite von weniger als 2 Prozent gelandet.“   

Die Beschäftigungspläne der Oberpfälzer M+E-Unternehmen stellen sich derzeit durchaus positiv dar und haben sich gegenüber der Umfrage im Sommer 2021 deutlich verbessert. Über 67 Prozent der Betriebe wollen in den kommenden Monaten zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, an einen Stellenabbau denken nur 5,2 Prozent. Ob aber diese positiven Pläne tatsächlich umgesetzt werden können, sei mehr als fraglich, betont Krahn: „Der Mangel an Arbeitskräften wird auch in der Oberpfalz zum weiteren Engpassfaktor!“ Die aktuelle Zahl der Beschäftigten dürfte im Laufe des Jahres um 500 zunehmen, womit dann Ende 2022 knapp 97.000 Menschen in der Oberpfälzer M+E-Industrie beschäftigt sein werden – und damit 1000 weniger als beim bisherigen Höchststand im Sommer 2019.

Entspannung in Niederbayern „noch nicht abzuschätzen“

In Niederbayern sind von der Entwicklung rund um den Materialmangel und die Lieferkettenproblematik fast 43 Prozent der Unternehmen sogar schwer beeinträchtigt. Nur rund 14,3 Prozent, darauf verweist Bernhard Wimmer in seiner Eigenschaft als Regionalvorstandsmitglied von bayme vbm, erwarteten noch im zweiten Halbjahr eine Entspannung. „Der Rest hat frühestens 2023 im Blick oder kann dies noch gar nicht abschätzen.“ Die Produktionspläne für 2022 werden von den niederbayerischen Unternehmen positiv bewertet. So wollen fast 42 Prozent im ersten Halbjahr mehr produzieren. Zurückhaltender als bei den Produktionsplänen gehen Niederbayerns M+E-Unternehmen bei den Investitionen vor: Hier wollen nur 31,5 Prozent ihre Investitionen in den kommenden Monaten erhöhen. Da lediglich 22,6 Prozent auf Erweiterungen und 33 Prozent auf Ersatzbeschaffungen entfallen, könne von einem „starken Signal, dass wir uns für die Zukunft unseres Standorts wünschen“ nicht gesprochen werden. Die Schlussfolgerung für Bernhard Wimmer: „Wir müssen unseren Unternehmen mehr Luft für Investitionen geben!“ 

Deutlich verbessert zeigen sich trotz allem die Beschäftigungspläne der niederbayerischen M+E Unternehmen. Immerhin 47 Prozent planen einen Beschäftigungsaufbau, nur vier Prozent müssen Beschäftigung abbauen. Mit Sorge betrachten die Verbände aber den Mangel an Arbeitskräften. 36 Prozent der Unternehmen sieht ihre Produktions- und Geschäftstätigkeit durch fehlende Arbeitskräfte erheblich beeinträchtigt. Bei weiteren 54 Prozent sei die Produktion zumindest geringfügig beeinträchtigt. Im Jahresverlauf wird die M+E Beschäftigung in Niederbayern um rund 500 Stellen zunehmen und Ende 2022 wohl rund 90.500 Personen erreichen.

Der Industrie wird eine hohe Flexibilität abverlangt

Aus dem Blickwinkel der Industrie- und Handelskammer für die Oberpfalz und den niederbayerischen Landkreis Kelheim zeigt sich in der Industrie eine „Seitwärtsbewegung der Geschäftslage auf hohem Niveau“. Quarantänebedingte Mitarbeiterausfälle und weiterhin bestehende Lieferengpässe führen laut IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes zu Auftragsverzögerungen und eingeschränktem Betrieb über alle Branchen hinweg: „Der Industrie wird gegenwärtig eine hohe Flexibilität abverlangt. Hinzu kommen überdurchschnittlich starke Steigerungen bei Rohstoff- und Energiekosten.“

Im Auslandsgeschäft des verarbeitenden Gewerbes stiegen die Auftragsvolumen zum dritten Mal in Folge. Dennoch bleibe die Abschottung wichtiger Märkte ein Thema. „Das China-Geschäft wird durch die dortige Non-Covid-Strategie und strenge Vorgaben für ausländische Unternehmen erschwert“, betont Helmes. „Gleichzeitig erholen sich die Märkte in Süd- und Nordamerika und sorgen für vollere Auftragsbücher.“ Nicht zuletzt die politischen Entwicklungen in der Ukraine und Russland lassen andererseits die Exporterwartungen in Osteuropa freilich zurückgehen.

Vertrauen in das Konsumverhalten 

Mit einer Verbesserung bei der Versorgung mit relevanten Rohstoffen, Vorprodukten und Waren ist nach Auskunft der Mehrheit der IHK-Unternehmen erst im zweiten Halbjahr 2022 zu rechnen. Ein Viertel der befragten Betriebe gehe erst 2023 von einer Normalisierung aus. „Erfreulicherweise wird das Risiko einer schwächeren Nachfrage verhältnismäßig gering eingestuft, das Vertrauen der heimischen Wirtschaft in das Konsumverhalten bleibt trotz niedrigem GfK-Konsumklimaindex bestehen“, sagt IHK-Präsident Michael Matt.

Wieder optimistischer geben sich die Unternehmen angesichts der Impffortschritte und der Aussicht auf Lockerungen: Nur 11 Prozent der Betriebe rechnen laut der IHK-Umfrage mit einer Verschlechterung der Geschäftslage, 26 Prozent erwarten eine verbesserte Entwicklung in den nächsten Monaten. Für den regionalen Arbeitsmarkt zeichne sich bei alledem keine Gefahr ab, „mit Ausnahme des Einzelhandels und der Gastronomie sind die Beschäftigungsabsichten auf dem höchsten Wert seit Jahresbeginn 2019“, zeigt man sich bei der IHK optimistisch. Allerdings sehen 42 Prozent der Unternehmen ein „Besetzungsrisiko“ aufgrund des Fachkräftemangels.

Insgesamt hebt Dr. Jürgen Helmes hervor, dass sich die Unternehmen im IHK-Bezirk vehement gegen die Auswirkungen stemmen. Im regionalen Handel gebe es Gewinner und Verlierer, und das nicht nur zwischen Onlinehandel und den Ladengeschäften vor Ort. Es komme auch auf die angebotenen Sortimente an. „Eine deutliche Erholung meldet der Großhandel und auch 42 Prozent der stationären Einzelhändler melden einen Umsatzanstieg, nachdem das Weihnachtsgeschäft insgesamt enttäuschend verlief“, beobachtet IHK-Präsident Matt.