Bildung
29. März 2021 6:00  Uhr

In einer Liga mit Cambridge und Harvard spielen

Das Hochschulinnovationsgesetz ist auf den Weg gebracht. Die technischen Hochschulen sehen der Reform positiv entgegen, doch von den Universitäten kommen auch warnende Töne.

Das Hochschulinnovationsgesetz soll einen zuverlässigen Rahmen für zukunftsfähige Hochschulstrukturen schaffen. | Foto: Thomas Frey/dpa

Von Claudia Rothhammer

OSTBAYERN. Lange hat es gedauert, bis die Wirtschaft mit Bachelor- und Masterabschlüssen warm geworden ist. Nun stehen weitere Änderungen an. Noch heuer soll das neue Hochschulinnovationsgesetz im Landtag verabschiedet werden und in Kraft treten. Und das Vorhaben hat es in sich. Kein kleines Reförmchen, sondern ein großer Wurf soll es werden. Es soll Bayerns Universitäten und Hochschulen ermöglichen, in einer Liga mit Harvard oder Cambridge zu spielen. „Wir läuten damit einen deutschlandweit einmaligen Systemwandel ein“, betonte Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler bei der Vorstellung der Reforme-ckpunkte im Oktober 2020.

2001 revolutionierte Steve Jobs mit seinem I-Pod die Musikbranche. Der tragbare Player füllte Apples Kassen mit unglaublich viel Geld. Dabei wäre er ohne MP3-Format gar nicht möglich gewesen. Das ist allerdings keine Innovation aus dem Silicon Valley, sondern aus Mittelfranken. Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen (IIS) ist diese Innovation gelungen. Hierzulande erfunden und entwickelt, in Übersee zum Weltprodukt gemacht – leider ist das kein Einzelfall.

Forschung sichert die Arbeitsplätze von morgen

Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler findet, das darf nicht mehr passieren: „Forschung und Innovation sichern unsere Arbeitsplätze von morgen“, betont er. Deshalb will er mit seiner Reform den Transfer von Wissen und Technologie in die Praxis forcieren. Er will Anreize schaffen, damit Hochschulen sich unternehmerisch betätigen und Start-ups fördern. Auch Professoren soll es erleichtert werden, unternehmerisch tätig zu werden. Den Hochschulen für angewandte Wissenschaften will Sibler das Promotionsrecht für besonders forschungsstarke Bereiche verleihen. Alle Einrichtungen sollen zudem autonomer werden. Sie sollen eigenständig Studiengänge einführen können.

Selbst bei der Rechtsform ist eine Wahlmöglichkeit angedacht. So könnten sie als reine Personalkörperschaften des öffentlichen Rechts agieren und von der wirtschaftlichen Selbstständigkeit profitieren. Der Freistaat würde zwar noch eine Grundfinanzierung übernehmen. Mit dem nicht zweckgebundenen Budget könnten die Einrichtungen eigenverantwortlich wirtschaften.

„Wir wollen das beste, nicht das zweitbeste Hochschulgesetz“

Die Technischen Hochschulen in Ostbayern sehen die Reform positiv. Vor allem den darin enthaltenen Grundsatz von „Entfesselung und Freiheit“ findet Professor Dr. Peter Sperber, Präsident der Technischen Hochschule Deggendorf, gut. „Das würde ich ausdrücklich begrüßen, wohlwissend, dass mehr Freiheit selbstverständlich immer auch mehr Verantwortung bedeutet“, sagt er. „Meine Hoffnung ist, dass wir bei der endgültigen Fassung über das hinausgehen, was in Nordrhein-Westfalen bereits praktiziert wird. Wir wollen ja schließlich das beste Hochschulgesetz und nicht das Zweitbeste.“

Sperber hat schon in der Vergangenheit mit der Idee des Technologie Campus einen gewagten Weg eingeschlagen – und viel gewonnen. Die TC-Forschungseinrichtungen, in denen Experten der THD in enger Zusammenarbeit mit Hightechfirmen anwendungsbezogene Speziallösungen entwickeln, gelten als Leuchtturmprojekte. Auch sein Regensburger Kollege von der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) sieht der Reform positiv entgegen: „Transfer ist die DNA der Hochschulen für angewandte Forschung. Aus unserer Sicht ist die Reform eine Festschreibung von Tatsachen.“

Im angedachten Gründungsfreisemester sieht Prof. Dr. Wolfgang Baier große Chancen. Wie oft sei es schon vorgekommen, dass Wissenschaftler bei der Ausgründung auf sich allein gestellt waren, keinen Zugang mehr zu Hochschullaboren hatten. Mit einem Gründungssemester könnte hier viel Unterstützung geleistet werden. Auch ein eigenes Promotionsrecht würde die OTH sehr freuen. „Wir haben im Verbund mit den Universitäten über 100 Promotionen angestoßen, das läuft gut“, sagt Baier. Aber für einige Fachrichtungen ist eine Promotion nach wie vor schwierig, da es dafür keine oder kaum potenzielle Doktorväter beziehungsweise -mütter gibt. „An den Universitäten gibt es eben keine Soziale Arbeit, keine Hebammenwissenschaft. Auch für Ingenieure ist es oft schwierig.“

Universitäten nicht zu wissenschaftlichen Dienstleistern degradieren

Die anstehende Reform macht dafür die Unis umso nervöser. 1029 Professoren aus Bayern haben sich in einem offenen Brief bestürzt gezeigt. Aus Regensburg haben 84 Universitätsprofessoren den Brief unterschrieben, aus Passau 40. Sie fürchten, ihre Häuser werden zu ökonomischen Betrieben, die künftig an Effizienz und Erfolg gemessen werden. Sie schreiben: „Es scheint, die Universität soll damit zum wissenschaftlichen Dienstleister degradiert werden, und es ist schwer vorstellbar, wie Grundlagenforschung mit dieser Zielsetzung vereinbar ist. Theoretische und grundlegende Forschung liefert keinen sofortigen Mehrwert für Wirtschaft und Gesellschaft, ebenso wenig ist sie unmittelbar ergebnisorientiert.“

Prof. Dr. Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg, kann diese Sorgen verstehen, sieht aber zugleich die Notwendigkeit und Chancen einer Reform gerade auch im Zusammenhang mit der Hightech Agenda Bayern. „Eine Volluniversität wie die Universität Regensburg hat in allen Fächern und Fachrichtungen hohe Relevanz und große gesamtgesellschaftliche Verantwortung“, sagt er. „Ein auf den unmittelbar ökonomischen Mehrwert reduzierter Transferbegriff ist nicht universitär.“ Ob Lehrerbildung, geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung, Grundlagenforschung in der Physik oder die medizinische Krebsforschung – nichts sollte gegeneinander ausgespielt werden. Vielmehr müssten für alle Bereiche mehr Freiräume zur Entfaltung ihres Potenzials geschaffen werden.

Mehr Erfolg durch mehr Autonomie

Auch donauabwärts in Passau ist man sich der Gefahren bewusst. Dennoch sagt Universitätspräsident Prof. Dr. Ulrich Bartosch: „Ich begrüße die Reform. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Verfassung unserer Universität zu reflektieren und nach den besten Formen der inneren Ordnung zu suchen. Es gibt uns willkommenen Anlass, über die Idee der Universität neu nachzudenken.“ Bartosch betont wie alle Präsidenten in Ostbayern: „Letztlich kommt es auf die Details an.“ Bis zur Verabschiedung im Landtag ist noch Zeit für Änderungen. „Ich denke, dass bis dahin einige Aspekte der ursprünglichen Eckpunkte so bleiben, andere abgeändert und manche ganz gestrichen werden“, ist Hebel überzeugt – ebenso wie von der Tatsache, dass es ein gutes Hochschulinnovationsgesetz braucht. „Wir sind als Universität gut aufgestellt, keine Frage. Aber wenn wir uns weiterentwickeln wollen, brauchen wir mehr Autonomie und Flexibilität, mit denen wir vorangehen können.“

Reformprozess verzögert sich

Die Bedenken aus der bayerischen Hochschul- und Universitätslandschaft scheinen bereits Wirkung zu zeigen: Eigentlich sollte das Hochschulinnovationsgesetz noch vor den Sommerferien im Bayerischen Landtag verabschiedet werden, doch daraus wird nun nichts. Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler hat auf die anhaltenden Proteste und Bedenken gegen die Reformeckpunkte reagiert und sich entschlossen, den Reformprozess zu entschleunigen. Ihm sei wichtig, die gesamte Hochschulfamilie, Verbände und Interessensvertretungen mit ins Boot zu holen. „Ich will zuhören, aufnehmen, mitnehmen, was uns zum ersten Entwurf des Gesetzestextes mitgegeben wird. Und ich will auch die Chance nutzen, den Entwurf zu erklären“, erklärt Sibler.

Wäre über die Reform wie ursprünglich geplant noch vor der Sommerpause im Landtag beraten worden, hätte sie in wenigen Wochen zum Abschluss gebracht werden müssen. Dabei hat das Wissenschaftsministerium noch nicht einmal Details zur geplanten Hochschulreform vorgestellt. Nur ein paar Eckpunkte hatte Sibler im Oktober 2020 der Öffentlichkeit präsentiert und dafür viel Kritik erfahren. Ob die umstrittenen Eckpunkte nun weiterhin im Gesetzesentwurf stehen, abgeändert oder gestrichen werden, ist noch nicht bekannt. Zunächst will Sibler den detaillierten Reformentwurf regierungsintern im Bayerischen Ministerrat abstimmen, bevor er der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Dies solle zeitnah geschehen, sodass im Sommer genügend Zeit für Gespräche ist. Erst nach den Anhörungen werde der Entwurf ohne Zeitdruck im Bayerischen Landtag behandelt und verabschiedet.

Interview

Reine Gewinnorientierung ist universitätsfremd

Die geplante Hochschulreform hat an bayerischen Universitäten für große Aufregung gesorgt. Prof. Dr. Udo Hebel, Präsident der Universität Regensburg, spricht im Interview über Kritikpunkte, Vor- und Nachteile der Reform.

Foto: Petra Homeier

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