Pilotprojekt
14. Dezember 2020 6:05  Uhr

In Halmesricht wird Zukunft gemacht

Die Denkwelt Oberpfalz soll ein Ort zum Arbeiten, Forschen und Leben in der digitalen Zukunft werden. Ausgangspunkt für das Projekt der LUCE-Stiftung ist Weiherhammer.

So könnte die architektonische Umsetzung der Denkwelt Oberpfalz aussehen. | Visualisierung: LUCE-Stiftung

Von Anna Schätzler

WEIHERHAMMER/HALMESRICHT. Lange galt die Oberpfalz als steiniges Armenhaus, das außer Zoigl, Kartoffeln und Karpfen nicht viel zu bieten hat. Nun entsteht im Norden des Regierungsbezirks ein Projekt, das aus der Region ein digitales Powerhaus machen soll: die Denkwelt Oberpfalz (DWO).

Der Grundstein des Pilotprojekts für Arbeiten, Forschen und Leben in der digitalen Zukunft liegt in der Gründung der LUCE-Stiftung. Der Name verweist auf die Brüder Lars und Christian Engel (LUCE), Geschäftsführer der BHS Corrugated Weiherhammer, die die Stiftung 2016 mit dem Ziel gründeten, die berufliche Bildung und Weiterbildung in der Oberpfalz voranzutreiben. Mit Prof. Dr. Erich Bauer holten sie den ehemaligen Präsidenten der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden an die Spitze der Stiftung. Als Vorstandsvorsitzender kann er noch immer auf ein umfangreiches Netzwerk zurückgreifen, von dem neben der Stiftung selbst auch ihr größtes Vorhaben profitiert.

Innovativer Ort auf 20 Hektar Fläche

„Die LUCE-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wissensregion Oberpfalz voranzutreiben“, sagt Bauer. In diesem Zusammenhang wird gemeinsam mit Partnern aus Bildungseinrichtungen, Unternehmen und gesellschaftlichen Gruppen in Halmesricht bei Weiden auf einer Fläche von etwa 20 Hektar ein innovativer Ort entwickelt, in dem das Arbeiten, Forschen, Lernen und Leben der digitalen Zukunft modellhaft gelebt werden kann. Ziel ist es, im Team vernetzt und aus der Region heraus all die Themen zu bedienen, die mit der digitalen Transformation einhergehen.

Der Zoigl allein reicht als Argument nicht aus

Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Themenfeld künstliche Intelligenz (KI). So soll mit der DWO ein Anreiz für Profis und Forscher aus diesem Bereich geschaffen werden, ihre Ideen in der Oberpfalz weiterzuentwickeln. „Da reicht nur der gute Zoigl aus der Region als Argument nicht aus“, sagt Severin Hirmer, Projektmitarbeiter bei der LUCE-Stiftung. Deshalb gibt es unter dem Dach der DWO das KI-Zentrum für Infrastruktur, Forschung, Innovation und Ausbildung. Es versteht sich als Teil des bayernweiten Netzwerks der künstlichen maschinellen Intelligenz und kooperiert mit der OTH Amberg-Weiden. Schwerpunkt ist die Ausbildung von Fachkräften für künstliche Intelligenz, Big Data und Digital Engineering in der Region. Das KI-Zentrum soll so zum Knotenpunkt der DWO werden.

Bessere Produktionsprozesse dank KI

Konkret geht es im Bereich KI um die Optimierung von Produktionsprozessen. Hirmer nennt als Beispiel die Wellpappenherstellung mit einer Maschine der BHS Corrugated: „Eine Maschine von 180 Metern Länge soll aus Papier Pappe herstellen. Auf dieser Strecke laufen viele einzelne Prozesse ab. Dabei entsteht ein Ozean an Daten, der sortiert und ausgewertet werden muss, um zu sehen, an welcher Stelle der Produktionsablauf optimiert werden kann.“ Künstliche Intelligenz könne dies schneller kategorisieren und analysieren als ein Mensch. Von den Erkenntnissen, die man im KI-Zentrum erarbeiten möchte, sollen alle am Projekt beteiligten Unternehmen profitieren. Denn, so Hirmer: „Mittlere und kleine Unternehmen haben oft nicht die Möglichkeit, sich mit KI auseinanderzusetzen.“

Freistaat steuert fünf Millionen Euro bei

Auch der Freistaat unterstützt das Vorhaben: Jüngst sagte er im Zuge der Hightech Agenda Bayern eine Fördersumme von fünf Millionen Euro für die nächsten zwei Jahre zu. Damit entsteht ein innovativer Ort, an dem sich Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie Unternehmen ansiedeln, um im Verbund die Herausforderungen der digitalen Zukunft zu meistern. Über dieses Engagement freut sich auch MdL Dr. Stephan Oetzinger, der erklärt: „Wissenschaft und Bayern, das gehört zusammen. Bereits Edmund Stoiber prägte das Begriffspaar ‚Laptop und Lederhose‘. Ministerpräsident Markus Söder, die Bayerische Staatsregierung und die CSU-Landtagsfraktion bauen darauf auf und den Wissenschaftsstandort Bayern weiter aus, was nicht zuletzt auch die zwei Milliarden Euro schwere Hightech-Agenda zeigt. Dass die Oberpfalz und die nördliche Oberpfalz über die OTH Amberg-Weiden hinaus mit dem Leuchtturm ‚Denkwelt Oberpfalz‘ dabei ganz vorne mitspielen, freut mich sehr.“

Fertigstellung eines ersten Initialbaus bis 2024 geplant

Bei der Entwicklung des Projekts Denkwelt kommt künstliche Intelligenz bisher nicht zum Einsatz: „In der Projektarbeit menschelt es mehr“, sagt Hirmer. Denn im Vorfeld der Bebauungsplanung des Areals in Halmesricht müssen übliche behördliche Hürden genommen werden: Kann das Gebiet überhaupt erschlossen werden? Ist eine Zuwegung zur nahen Staatsstraße möglich? Dabei sind die Projektverantwortlichen aber auf einem guten Weg. 2021 soll mit der Bebauungsplanung begonnen werden, 2024 ein erster Initialbau fertig sein, in dem 300 bis 400 Personen ihre Arbeit aufnehmen sollen. Mit der Zeit kann die Denkwelt bedarfsorientiert erweitert werden und somit organisch wachsen.

Eine Brutstätte für Zukunftsthemen

Neben dem Hauptthema KI soll in der DWO auch Raum für weitere Forschungsfelder sein. So ist auch ein digitales Gründungszentrum denkbar, an dem sich Start-ups niederlassen können. Die Denkwelt ist als Brutstätte für Zukunftsthemen gedacht. Deshalb ist in der Stiftung auch das Future Lab angesiedelt, das aktuell am Bildungscampus Science Park C4 im LUCE-Headquarter in Weiherhammer untergebracht ist und später nach Halmesricht umziehen soll. Aktuell werden hier innovative Bildungsszenarien erforscht, entwickelt und erprobt. Mithilfe modernster Ausstattung simulieren Mitarbeiter industrielle Prozesse, stellen sie mittels Virtual Reality visuell dar und entwickeln sie weiter. Im Mittelpunkt steht dabei das Holodeck VR, das Teilnehmern ermöglicht, sich ortsunabhängig und gemeinsam im virtuellen Raum aus- und weiterzubilden.

Mit dem überbetrieblichen Bildungszentrum Ostbayern (ÜBZO), einer 100-prozentigen Tochter der LUCE-Stiftung, die ebenfalls im Science Park C4 untergebracht ist, wurde bereits die Voraussetzung geschaffen, das Stiftungsziel der beruflichen Aus-, Weiter- und Fortbildung umzusetzen. Der Dienstleister ist das bayernweit einzige Kompetenzzentrum für Produktionstechnologie. Von dem Netzwerk des ÜBZO aus Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Politik profitiert nun auch die DWO.

Denkwelt soll eigenständiger Weidener Stadtteil werden

Der Bildungscampus Science Park C4, das ÜBZO und das geplante Zentrum für künstliche Intelligenz führen schließlich zur Vision der DWO. Während gerade noch im Science Park C4 in der knapp 4000 Seelen zählenden Gemeinde Weiherhammer geforscht und an dieser Vision gearbeitet wird, sollen die Ideen in vier Jahren in der DWO in Halmesricht weiterentwickelt werden. Nach der Vorstellung der Projektmitarbeiter soll sich die DWO zu einem eigenständigen Stadtteil Weidens entwickeln – ein Ort des Lebens, Forschens und Arbeitens. Dabei ist unter dem Begriff „Leben“ das projektbezogene Wohnen auf dem Areal in Halmesricht zu verstehen. „Wir können uns hierfür Boardinghouse-Konzepte vorstellen“, erklärt Hirmer. Ob dann auch Zoigl, Kartoffeln und Karpfen auf dem Speiseplan stehen, bleibt vorerst offen.

Hintergrund

Der in der Stiftung verankerte Bildungscampus „Science Park C4“ bildet den Grundstein für das Leuchtturmprojekt Denkwelt Oberpfalz in Halmesricht. Schon jetzt werden hier auf dem Stiftungsgelände in Weiherhammer in direkter Nachbarschaft zu BHS Corrugated erste Projekte umgesetzt. Dabei stehen die vier C für „Competence Center“ und „Corrugated Campus“.

Lars und Christian Engel (v. re.), Geschäftsführende Gesellschafter der BHS Corrugated GmbH und Gründer der LUCE-Stiftung, sprechen im Interview über ihre Vision der Denkwelt Oberpfalz.

Foto: LUCE-Stiftung

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