Energietechnologie
2. Juli 2021 6:02  Uhr

Industrieunternehmen als Stabilitätsanker

Die Max Bögl Wind AG und die OTH Regensburg leiten federführend das Bundesforschungsprojekt INZELL. In dessen Rahmen wird untersucht, welchen Beitrag Industriebetriebe zur Stabilisierung des Energienetzes leisten können.

Das Betriebsgelände der Unternehmensgruppe Max Bögl in Sengenthal bei Neumarkt | Foto: Max Bögl/Reinhard

Von Gerd Otto

NEUMARKT IN DER OBERPFALZ. „Industriebetriebe können einen essenziellen Beitrag zur Energiewende leisten und als Stabilitätsanker für ein zukünftiges, zellulares und dezentrales Energiesystem dienen.“ Wie Josef Bayer, der Forschungs- und Entwicklungschef der Max Bögl Wind AG, mit Blick auf das gemeinsam mit der OTH Regensburg geleitete Bundesforschungsprojekt INZELL hervorhebt, werden die Betriebe mehr und mehr als Schlüsselbaustein erkannt, um die Energiewende kostengünstiger gestalten zu können.

Im Einklang mit dem Stromnetz

Hinter INZELL verbirgt sich nicht das einstige Eldorado der Eisschnellläufer in Oberbayern. Vielmehr geht es hier – im sperrigen Deutsch des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) – um die „Netzstützung und Systemdienstleistungserbringung durch eine Industriezelle mit Inselnetzfähigkeit und erneuerbaren Energien“. Dieses Forschungsvorhaben hat eine Projektlaufzeit von drei Jahren und wird mit einem Gesamtvolumen von 1,65 Millionen Euro gefördert.

Zusammenspiel mit Speichern ist entscheidend

In mehreren Feldversuchen wird im Rahmen des Projekts unter anderem erprobt, wie die Energieversorgung nach einem Stromausfall wieder aufgebaut und der stabile Betrieb des Inselnetzes sichergestellt werden kann. Hier komme es entscheidend auf das Zusammenspiel von im Industrienetz angeschlossenen Wind- und Photovoltaikanlagen der beteiligten Unternehmen mit den Batteriespeichern an. Untersucht wird dabei in einer Projektlaufzeit von drei Jahren, wie unterschiedliche Energieerzeugungsanlagen, Speicher und Lastenmanagementsysteme optimal miteinander kommunizieren können. Grundsätzlich soll eine Industriezelle mit ihrem Inselnetzbetrieb dazu beitragen, sich gegen mögliche Versorgungsunterbrechungen zu wappnen, und gleichzeitig will man die Stabilität des öffentlichen Stromnetzes erhöhen.

Paradigmenwechsel statt schrittweises Klein-Klein

Im konkreten Fall stand am Anfang des Konzepts der Energiezelle eine Idee. Wie sich Josef Bayer erinnert, war man sich bei Max Bögl schnell einig, dass die Energiewende für ein Unternehmen, das zu den größten Bauunternehmen der deutschen Bauindustrie gehört, mehr sein müsse als die schrittweise Erhöhung der Eigenversorgung durch Wind- und PV-Anlage. Vor dem Hintergrund einer notwendigen Verminderung von CO2 könnte gleichzeitig, so die Überlegung, auch die Versorgungssicherheit erhöht werden. Aus dem Zusammenspiel von regenerativen Erzeugungsanlagen, Speichern und den Verbrauchern könne etwas entstehen, das mehr sei als die Summe seiner Teile.

Energie transparent machen

Rückblickend betrachtet Bayer diese grundsätzliche Überlegung als die Geburtsstunde der Energiezelle Max Bögl, deren Entwicklung 2014 mit verschiedenen Maßnahmen begonnen hatte und etwa zur Digitalisierung des Werknetzes sowie zur Entstehung der Leitwarte führte. Energieflüsse transparent zu machen, sei seitdem für Max Bögl immer wichtiger geworden. Schließlich waren damit nicht zuletzt die Voraussetzungen für den Einbau eines großen Batteriespeichers geschaffen worden und damit auch alle notwendigen Komponenten, um mit dem Forschungsvorhaben INZELL starten zu können. Bei Max Bögl, so betont Josef Bayer, habe man sehr früh erkannt, dass die Energiewende eine große Chance für Unternehmen darstellt, vorausgesetzt, sie setzten sich frühzeitig mit dem Thema auseinander und starteten mit der Transformation. Sehr zufrieden äußert sich Josef Bayer über die Zusammenarbeit mit der OTH Regensburg, wo er mit Professor Oliver Brückl einen sehr kompetenten und offenen Gesprächspartner kennengelernt habe: „Gemeinsam entwickelten wir nach und nach unsere Ideen zum Forschungsvorhaben INZELL weiter.“ Neben OTH Regensburg und Max Bögl wird das Projekt von weiteren Partnern aus Wissenschaft und Industie unterstützt.

Wirtschaftliche Lösungen für jede Größe

Die Frage, ob das Konzept nur für große Betriebe mit einem hohen Stromverbrauch geeignet sei, beantwortet Josef Bayer mit dem Hinweis, dass die regenerativen Energiesysteme und die neuen Technologien mittlerweile wirtschaftliche Lösungen für alle möglichen Anforderungen böten, für jeden Standort müsse die individuell beste Lösung entwickelt werden. Nicht von ungefähr werden derzeit im Arbeitskreis „Planung zellularer Energiesysteme“ des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) die Vorlagen für einen transparenten und reproduzierbaren Planungsprozess erarbeitet. Dabei sollen auch die Planungsergebnisse über Kennzahlen Auskunft über die Qualität der Planung geben.

Unabhängig von Lieferanten

Kann die Energiezelle vielleicht sogar eine Antwort auf die Preissteigerungen bei den fossilen Energieträgern durch das Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) sein? „Neben der Nutzung dezentraler regenerativer Energiequellen zugunsten unserer Umwelt erlaubt dieses Konzept Unternehmen und Kommunen, auch langfristig ihre Energiekosten stabil zu halten und sich Stück für Stück immer unabhängiger von externen Energielieferanten zu machen“, betont Josef Bayer. Unterm Strich könnten auf diese Weise immer weniger Gelder für die externe Beschaffung von Energie benötigt werden, und die Energiekosten damit nicht weiter steigen. Grundsätzlich rechne sich die Umstellung auf regenerative Energieträger fast immer.

Wie Josef Bayer einräumt, sollten die jeweiligen Ressourcen und Rahmenbedingungen sehr genau analysiert werden. Dies gelte auch für das Personal. Selbst wenn es in manchen Unternehmen schwierig werden könnte, für die Energiewende qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen, verweist der F&E-Verantwortliche von Max Bögl darauf, dass nicht alle Unternehmen diese Aufgaben mit eigenem Personal bewältigen müssten. Gerade in der Kooperation liegen hier beträchtliche Synergien.

Interview

Der Schlüssel für die kostengünstige Energiewende

Prof. Dr.-Ing. Oliver Brückl, Professor an der Fakultät für Elektro- und Informationstechnik der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, erklärt im Interview, warum die Industrie bei der Umstellung auf erneuerbare Energien der wichtigste Player ist. | Foto: QXXQ Fotos

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