Interview
29. August 2020 6:01  Uhr

Innovative Formate gibt es nicht nur bei Netflix

Der Regensburger Medienwissenschaftler Dr. Herbert Schwaab spricht im Interview über „Peak TV“, die durch Netflix und Co. entfachte Entertainmentrevolution – und das aus seiner Sicht unterschätzte öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Dr. Herbert Schwaab | Foto: Schwaab

Von Stefan Ahrens



Herr Dr. Schwaab, hochwertige US-Serien wie „Game of Thrones“, „Mad Men“ oder „The Sopranos“ lassen Serienfans und Kritiker nun seit beinahe 20 Jahren entweder vom „Peak TV“ oder gar von einem „Golden Age of Television“ sprechen. Können Sie als Medienwissenschaftler, der sich intensiv mit dem nicht enden wollenden Serienboom beschäftigt, in kurzen Worten zusammenfassen, was unter diesen Begriffen zu verstehen ist?

Dr. Herbert Schwaab: Der Begriff „The Golden Age of Television“ geht eigentlich sogar auf die 1950er-Jahre zurück, als ganz am Anfang der US-Fernsehgeschichte im TV ambitionierte, eigens für das Fernsehen geschriebene Live-Dramen ausgestrahlt worden sind – also eine Art live aufgeführtes Theater im TV, die noch eine kulturelle Relevanz für das amerikanische Feuilleton besaßen. Gegen Ende der 1950er-Jahre verdrängten jedoch Western- und Krimiserien dieses Programm für viele Jahrzehnte. Ab den 1980er- und 1990er-Jahren wurde dann angesichts von Serien wie „Twin Peaks“, „Hill Street Blues“ und „Emergency Room“ von einem „Second Golden Age of Television“ gesprochen, weil sich die Serienproduktion wieder eher an ein erwachsenes, gebildetes Publikum zu richten schien. Seitdem hat sich die Situation eigentlich nicht geändert – allerdings kommen neue Plattformen wie Pay-TV-Sender und Streamingdienste dazu, wodurch eine noch größere Masse von ambitioniert erscheinenden Serienprodukten entsteht, deren schiere Quantität den Begriff „Peak TV“ hervorgebracht hat.

Welche Entertainmentrevolution haben Streamingdienste wie Netflix und Amazon Prime sowie Pay-TV-Sender wie HBO und Sky ausgelöst?

Es gibt sowohl eine Content- als auch eine Technikrevolution. Auf der einen Ebene steht ein größeres, vielfältigeres Angebot an Serien, die zusammenhängende Geschichten erzählen und sich nicht mehr so stark an übliche Staffellängen und zeitliche Schemata des Fernsehens halten müssen. Das führt zu Serien, deren einzelne Episoden auch mal unterschiedlich lang sein können, oder sogar zu ausgefalleneren Angeboten wie der Serie „Special“ auf Netflix, die mit acht etwa 15-minütigen Episoden am Ende nicht viel länger als ein Film ist, aber gerade deswegen die Möglichkeiten des Online-TV viel besser ausnutzt als viele andere Serien, deren zeitliche Gestaltung sich immer noch an normalen Fernsehserien orientiert. Ich teile übrigens nicht die Ansicht, dass viele Serien in der Masse von Serien untergehen. Mit digitalen Serien gibt es einfach viel mehr Unterschiede für ein noch ausdifferenzierteres Publikum, das bereits das Fernsehen des „Second Golden Age“ hatte. Auf der zweiten Ebene vollzieht sich die Revolution vor allem auf der Ebene der Algorithmen, die bei Netflix sehr genau Zuschauerverhalten analysieren und die Zuschauenden auf eine Weise kontrollieren, die für diese nicht nachvollziehbar ist. Das kollidiert mit der Vorstellung, dass Plattformen uns ein selbstbestimmtes Fernsehen ermöglichen – nichts könnte falscher sein. Welche Effekte die Algorithmen haben, wird erst langsam erforscht. Was häufig diskutiert wird, vielleicht aber etwas zu vereinfachend ist, ist, dass Algorithmen dafür sorgen, dass wir mit spezifischen Inhalten gefüttert werden und dadurch nicht mehr über den Horizont unserer Vorlieben hinausgelangen – und so ähnlich wie in den Sozialen Netzwerken Gefahr laufen, in der berühmten Filterblase hängen zu bleiben.

Wie sehen Sie den Serienstandort Deutschland angesichts von Premiumserien wie „Dark“, „Babylon Berlin“ oder „Das Boot“ gegenwärtig aufgestellt? Ein Großteil dieser Welterfolge stammt ja auch aus Bayern …

Meiner Meinung nach ist Deutschland immer gut aufgestellt, weil der öffentlich-rechtliche Sektor viele Ressourcen bereitstellt, um interessante Serien, aber auch Filme zu produzieren. Viele interessante Sachen passieren auch außerhalb der großen Plattformen, zum Beispiel auf Onlineplattformen wie Funk, auf der sehr spannende und innovative Projekte verwirklicht werden, wie „Druck“, die Adaption einer norwegischen Online-Serie. „Dark“ war in der Tat sehr erfolgreich, aber aus meiner Sicht nicht wirklich besonders deutsch, sondern eher in Analogie zu US-Serien wie „Stranger Things“ zu sehen. „Babylon Berlin“ ist da vielleicht schon etwas kulturell spezifischer, aber ich sehe hier keinen großen Unterschied zu anderen Serien, die von großen deutschen Sendern schon immer als Prestigeprojekte lanciert wurden. Nehmen wir „Das Boot“: Dessen ursprüngliche Fassung war ja eine in den 1980er-Jahren ausgestrahlte Serienfassung des Spielfilms, also ist die Neuauflage nicht unbedingt eine Weiterentwicklung.

Steht durch den immer höheren Contentbedarf der ständig wachsenden Streaminganbieter den Kreativen in Deutschland ein goldenes Zeitalter bevor?

Dass ein höherer Contentbedarf gleichzeitig ein goldenes Zeitalter für Kreative bedeutet, würde ich eher verneinen. Es mag unzählige Möglichkeiten geben, neue Projekte zu lancieren, und allmählich finden auch deutsche und europäische Produktionen ihren Weg auf Prime und Netflix. Aber außerhalb der Sicherheiten des immer noch erstaunlich experimentellen öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu operieren, bedeutet auch große ökonomische Unsicherheit: Netflix beispielsweise gilt als schlecht zahlender Auftraggeber und sourct alle Risiken auf die Produzierenden aus.

Können Streamingdienste dem gängigen, linearen Fernsehen gefährlich werden?

Sie sind definitiv eine Bedrohung. Aber wir unterschätzen, wie sehr sich das lineare, klassische Fernsehen auch verändert, hin zu einem Mix aus dem im Fernsehen ausgestrahlten Programm, Mediatheken und von den Sendern angebotenen Plattformen. Die Frage ist dann, wie Fernsehen definiert wird: als Technologie oder als kulturelle Form. Wenn wir uns anschauen, wie sehr sich eigentlich diese scheinbar neuen Serien an traditionellen Konzepten der Serialität festhalten und wenn wir auch betrachten, was für erstaunliche Fernsehexperimente es bereits in den 1980er-Jahren gab – zum Beispiel durch Künstler wie Rainer Werner Fassbinder und Edgar Reitz in Deutschland oder Dennis Potter in Großbritannien – dann wird deutlich, dass die kulturelle Form des Fernsehens unverwüstlich ist und auch außerhalb der Technologie des häuslichen Bildschirms weiterbestehen wird. Nicht zu vergessen, wie stark sich Netflix, Prime, Hulu oder Disney an Fernsehproduktionen der vergangenen Jahrzehnte bedienen und diese ihren Kunden zum Streamen anbieten.

Dr. Schwaab, zu guter Letzt: Welche Serien und Genres sehen Sie persönlich momentan am liebsten?

Das sind zum einen True-Crime-Serien auf Netflix, aber auch Serien wie „Transparent“ auf Amazon Prime und „Big Little Lies“ auf Sky.

Zur Person

Dr. Herbert Schwaab, akademischer Oberrat, hat Medienwissenschaften in Bochum studiert und dort auch promoviert. Seit 2009 ist er Mitarbeiter am Lehrstuhl für Medienwissenschaft der Uni Regensburg. Dr. Schwaab lehrt und forscht zu den Themenbereichen Fernsehgeschichte, Sitcom, mediale Darstellungen des Fahrrads, zu Filmphilosophie, zum japanischen Anime, zur DVD-Kultur und zu Repräsentationen von Autismus. Er ist Co-Herausgeber von „Trump und das Fernsehen“, das im September im Herbert von Halem Verlag erscheint.

Weißblaue Fernsehbranche

Serienhits made in Bavaria

Längst wird das Seriengeschäft nicht mehr so klar von amerikanischen Produktionen beherrscht wie einst. Serienproduktionen „made in Bavaria“ wie beispielsweise „Dark“ erobern die Wohnzimmer der Welt.

Mehr zum Thema …