Finanzen & Recht
21. Juli 2020 6:00  Uhr

Insolvenzen in Zeiten der Coronapandemie

Einen Insolvenzantrag zu stellen gilt in Deutschland immer noch als Makel. In Pandemiezeiten plädieren ein Unternehmensberater und ein Insolvenzfachanwalt für einen Perspektivenwechsel und proaktives Handeln.

Der Unternehmensberater Holger Abeln (re.) und der Fachanwalt für Insolvenzrecht Dr. Rudolf Dobmeier (li.) sind sich einig, dass die Coronakrise eine Chance für viele Unternehmen darstellt, sich zukunftsfähig zu machen. | Foto: Attila Henning

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. „Derzeit passieren Dinge, die in keinem Businessplan der Welt stehen konnten. Das kann unser Denken verändern“, sagt Holger Abeln, Geschäftsführer der Regensburger Business Institut GmbH. Die Krise kann es auch erforderlich machen, das eigene Business neu auszurichten. Ein möglicher Weg ist das sogenannte Schutzschirmverfahren, ein besonderes Insolvenzverfahren mit dem Ziel, das Unternehmen unter eigener Verantwortung nachhaltig zu sanieren, um eine endgültige Insolvenz abzuwenden. Gemeinsam mit Dr. Rudolf Dobmeier, Regensburger Fachanwalt für Insolvenzrecht, informiert Abeln in Webinaren zum Thema „Insolvenz als Sanierungsinstrument“. Das Ziel: den Unternehmern die aus Sicht der beiden Experten unbegründeten Angst vor Instrumenten wie dem Schutzschirmverfahren zu nehmen. „Wir brauchen in Sachen Sanierung ein neues Wording“, sagt Abeln. „Auf unserer Homepage sprechen wir von einer Adaption des Business, also einem Anpassen an neue Gegebenheiten.“

Unternehmen auf den Prüfstand stellen

Diese Anpassung fordert auch der Berufsverband der Insolvenzverwalter Deutschlands (IVD) ein. Deren Vorsitzender Dr. Christoph Niering formulierte das in einer Pressemitteilung seines Verbands Mitte Mai so: „Marktveränderungen, die in vielen Fällen bereits vor der Coronakrise begannen, werden jetzt durch die gesamtwirtschaftliche Krise beschleunigt und verstärkt. Nach dem hoffentlich baldigen Erreichen einer ‚neuen Normalität‘ werden viele alte Geschäftsmodelle nicht mehr tragfähig sein.“ Höchste Zeit also, das eigene Unternehmen auf den Prüfstand zu stellen. Der springende Punkt ist laut Abeln dabei nicht, mit welchen Mitteln man saniere, ob mit oder ohne Insolvenzrecht – sondern der Unternehmer selbst. „Er muss sich eingestehen, dass er etwas ändern will und wird. Dieser Punkt entsteht im Kopf und darf nicht halbherzig umgesetzt werden. Sanierung gilt für alle Gebäudeteile.“ Den Begriff „Sanierung“ konnotiert Abeln hier konsequent positiv: „Wenn ich ein Haus saniere, kostet das Geld, Mühe und Aufwand, hat aber ein positives Ergebnis, nämlich ein kernsaniertes Gebäude, das ich in der Zukunft völlig neu und besser nutzen kann.“

Großteil der Arbeit liegt beim Unternehmer

Agieren statt reagieren – speziell das Schutzschirmverfahren bietet dem Unternehmer die Möglichkeit, in einer Krisensituation das Heft des Handelns zu behalten. Nicht umsonst heißt der Schutzschirm auch Eigensanierungsverfahren, wie Dobmeier erklärt: „Der Sachwalter wird im Eigensanierungsverfahren in der Regel aufgrund einer Empfehlung des Unternehmers vom Insolvenzgericht bestimmt. Das stellt sicher, dass es nicht von Anfang an Probleme zwischen den Verfahrensbeteiligten gibt, da sich Unternehmer und Sachwalter im Vorfeld ‚beschnuppern‘ können.“ Dobmeier sieht im Schutzschirmverfahren auch einen Vorteil für die Insolvenzverwalterbranche. Die Creditreform meldete für das erste Halbjahr 2020 zwar weiter rückläufige Insolvenzzahlen. Der VDI sieht die Ursache aber in den coronabedingt ausgesetzten Insolvenzantragspflichten und dem deutlich eingeschränkten Antragsverhalten der Gläubiger. Nach Aufhebung des Krisenmodus sei mit einem starken Anstieg der Insolvenzzahlen zu rechnen. Werden dann die Kapazitäten der Insolvenzverwalter reichen? „Die letzten, insolvenzarmen Jahre haben zu einer dünnen Personaldecke bei den Insolvenzverwaltern geführt“, räumt Dobmeier ein. Das Schutzschirmverfahren indes muss zügig durchgeführt werden, wird aber in diesem Szenario zur Chance. Denn wie Dobmeier betont, übernimmt dabei einen Großteil der Arbeit der Unternehmer selbst.

Proaktiver Sanierungsprozess eröffnet neue Chancen

„Das Insolvenzrecht bietet aber auch außerhalb eines Schutzschirmes genügend Sanierungsmöglichkeiten“, betont Dobmeier. Diese Sanierungsmöglichkeiten könnten jedoch nur genutzt werden, wenn sich der Unternehmer frühzeitig mit dem Insolvenzrecht als Sanierungschance beschäftigt. „Wenn ich als Unternehmer die Krise dazu nutze, mein Unternehmen für die Zukunft neu aufzustellen, ist Corona wie ein zweiter Schutzschirm. Kein Mensch wird mir übelnehmen, dass ich in dieser Phase nachgedacht habe“, sagt dazu Abeln. Gleich drei positive Nebeneffekte sieht der Unternehmensberater im proaktiven Sanierungsprozess. Erstens könne die Unternehmensleitung professionelle Kommunikation nach innen und außen lernen. Führung heiße Kommunikation und das Teilen von Unternehmerwissen. „Ich habe festgestellt, dass die Vertrauensbasis zu Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten nach einem Sanierungsverfahren immer dann besser war, wenn der Unternehmer ausreichend kommuniziert hat.“ Zweitens könnten echte Leistungsträger im Betrieb identifiziert und zum Bleiben animiert werden, indem man ihnen vermittelt, an eine gemeinsame Zukunft zu glauben. Drittens gehe man mit gesunder Resilienz aus einem solchen Verfahren heraus, weil man erleben durfte, dass es immer Wege aus einer Krise gibt.

„Ich glaube, dass in der Coronakrise das Potenzial steckt, durch intelligente rechtzeitige Sanierungsarbeit auch bessere Führungsqualitäten und Teamfähigkeit zu entwickeln“, sagt Holger Abeln. Und Rudolf Dobmeier ergänzt: „Uns geht es nicht darum, nur für das Schutzschirmverfahren zu werben. Je eher ein Unternehmer, der das Gefühl hat, etwas ändern zu wollen oder zu müssen, den Kontakt zu professioneller Beratung sucht, desto größer ist das Portfolio an Möglichkeiten, ihm zu helfen.“

Was ist das Schutzschirmverfahren?

Der Gesetzgeber führte das Schutzschirmverfahren 2012 unter der Bezeichnung „Vorbereitung einer Sanierung“ ein. Das Schutzschirmverfahren erfordert nur formell einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Dem betroffenen Unternehmen wird durch Eigenverwaltung ermöglicht, unter dem Schutzschirm selbst sein Unternehmen zu sanieren. Die Gläubigerinteressen wahrt dabei ein vom Gericht bestellter Sachwalter und ein Gläubigerausschuss, dem das Sanierungskonzept vorgelegt wird. Die vorläufige Eigenverwaltung gilt im Zuge der Coronakrise als probates Mittel, Unternehmen aus krisenbedingter Schieflage zu bringen, bevor sie de facto zahlungsunfähig werden. Auch außerhalb des Schutzschildverfahrens bietet der Staat genügend Sanierungsmöglichkeiten – wenn das Insolvenzrecht von Unternehmern frühzeitig als Sanierungschance begriffen wird.