Onlinehandel
15. März 2022 5:50  Uhr

Ist das E-Commerce-Paket schon angekommen?

Am 1. Juli 2021 trat die bis dato größte Mehrwertsteuerreform der EU für den Onlinehandel in Kraft. In einer aktuellen Studie hat Ibi Research nun die Akzeptanz für die neuen Bestimmungen untersucht.

Das Ziel des Mehrwertsteuer-Digitalpakets ist es, den grenzüberschreitenden elektronischen Geschäftsverkehr zu vereinfachen. Eine Studie hat jetzt aber gezeigt: Mit dem neuen Paket sind die meisten Onlinehändler noch nicht recht warm geworden. | Foto: thodonal – stock.adobe.com

Von Robert Torunsky

REGENSBURG/BERLIN. Der 1. Juli 2021 bildete das Startdatum für die bisher größte Mehrwertsteuerreform für den Onlinehandel innerhalb der Europäischen Union (EU). Das Inkrafttreten der zweiten Stufe des Mehrwertsteuer-Digitalpakets genoss aber speziell in Deutschland bei zahlreichen Unternehmen offenbar nicht die allerhöchste Priorität. Das ist eine Erkenntnis aus der von Ibi Research an der Universität Regensburg in Kooperation mit dem Logistic-Natives e. V. aufgelegten Kurzstudie, die analysiert, wie deutsche Onlinehändler mit den neuen Verordnungen zurechtkommen.

Ziel: Vereinfachung der Steuererklärungen

Das Ziel des Mehrwertsteuer-Digitalpakets (MwSt-Digitalpaket) der EU ist es, den grenzüberschreitenden elektronischen Geschäftsverkehr zwischen Unternehmen und Verbrauchern zu modernisieren und zu vereinfachen. Die zweite Stufe, das sogenannte E-Commerce-Paket für den elektronischen Handel, adressierte die Vereinfachung des grenzüberschreitenden E-Commerce-Geschäfts und die Bekämpfung des Mehrwertsteuerbetrugs. Bis zur Einführung der Novelle mussten sich Händler in jedem EU-Mitgliedsland, in das sie ihre Ware verkauften, steuerlich registrieren und somit mehrere Mehrwertsteuererklärungen abgeben. Dies stellte einen erheblichen administrativen Aufwand für die Händler dar: Die Entwicklung des Onlinehandels innerhalb der EU wurde dadurch behindert und verlangsamt.

Die Einführung der EU-einheitlichen One-Stop-Shop (OSS)-Mehrwertsteuererklärung zur zentralen Abwicklung aller umsatzsteuerlichen Melde- und Zahlungsverpflichtungen sorgte dafür, dass EU-Verkäufer für B2C-Fernverkäufe seit Juli nur noch eine einzige OSS-Steuererklärung durchführen müssen. Zusätzlich wurde der Import-One-Stop-Shop (IOSS), eine neue Erklärung zur Meldung der Mehrwertsteuer bei Lieferungen in oder aus Drittstaaten, entwickelt.

Was sich auf den ersten Blick als deutliche Erleichterung liest, macht sich in der Praxis offenbar nicht so stark bemerkbar. Bei den Studienergebnissen ergab sich ein gespaltenes Meinungsbild: Während die Mehrheit der Befragten weder Vor- noch Nachteile sieht, bemängeln andere einerseits die Komplexität und den Verwaltungsaufwand, loben aber andererseits die vereinfachte Compliance. Nur fast einem Drittel der befragten Onlinehändler sind die Bestimmungen der EU-weiten Mehrwertsteuerreform bekannt. Die vereinfachte Umsatzsteuererklärung mit OSS nutzen immerhin bereits vier von zehn Unternehmen. Dagegen wickelt erst eines von zehn Umsätze über IOSS ab.

Viele Händler haben Probleme bei der Umsetzung

„Das EU-E-Commerce-Paket sollte die Mehrwertsteuerabwicklung im Onlinehandel vereinfachen und auf internationaler Ebene für Fairness sorgen. Allerdings müssen sich viele Händler aktuell mit Problemen bei der Umsetzung herumschlagen“, sagt Ibi-Geschäftsführer Dr. Georg Wittmann. Er verweist auf knapp ein Viertel der Befragten, die bei der Umstellung auf OSS oder IOSS technische Schwierigkeiten beklagten, beispielsweise aufgrund fehlender Schnittstellen. Mehrere Händler kritisierten auch den allgemeinen administrativen Aufwand. „Trotzdem gibt es auch positive Stimmen, die etwa die vereinfachte Compliance oder das zukunftsweisende Denken der EU hervorheben“, so Wittmann weiter. Spannend waren auch die Angaben auf die Frage „Wie vermeiden Sie oder Ihre Dienstleister, dass Sie für Umsatzsteuerbeträge haften beziehungsweise Zollabgaben zahlen müssen, die nicht von Ihnen verursacht wurden?“. Während manche Studienteilnehmer nach eigenen Angaben noch keine Maßnahmen getroffen hätten, gaben andere an, daraufhin den Verkauf ins Ausland komplett eingestellt zu haben. „Bevor wir in ein Land versenden, erkundigen wir uns über entsprechende Einfuhrbestimmungen, Zölle und Steuersätze und besprechen das mit unseren Steuerberatern. Gegebenenfalls werden die Preise dann durch uns für einzelne Länder individuell angepasst“, gab ein Teilnehmer an.

Zusammenfassend sieht Georg Wittmann noch Zeit- und Nachbesserungsbedarf beim E-Commerce-Paket: „Praxistauglichkeit für alle Betroffenen ist zwingende Voraussetzung einer erfolgreichen Umsetzung.“

Interview

Vielfalt des Marktes in Deutschland ist gefährdet

Dr. Georg Wittmann, Geschäftsführer Ibi Research an der Universität Regensburg GmbH, erklärt im Interview, warum ausgerechnet die deutschen Onlinehändler bei der Umsetzung der neuen Steuermöglichkeiten hinterherhinken – und welche Gefahren das birgt.

Hier geht’s zum Interview …