Marktwirtschaft
22. Mai 2020 12:02  Uhr

Ist Wohlstand weiter möglich?

Die Soziale Marktwirtschaft steht in dieser Dekade vor multiplen Herausforderungen. Braucht der Kapitalismus ein Update?

Die Soziale Marktwirtschaft wird in Deutschland weiterhin zu Recht als alternativlos angesehen, auch wenn die Megatrends Nachjustierungen erfordern. | Foto: zephyr_p – adobe.stock.com

Von Robert Torunsky

REGENSBURG/FRANKFURT AM MAIN. Der zigarrenrauchende ehemalige Bundeskanzler und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard gilt als Symbolfigur des Wirtschaftswunders, auch wenn er selbst mit dem Begriff überhaupt nichts anfangen konnte. Denn Erhard glaubte nicht an Wunder: Vielmehr sah er den kometenhaften Aufstieg Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg ab den späten 50er-Jahren schlicht und ergreifend in der Sozialen Marktwirtschaft begründet. Einem System, dass die Fleißigen fördert sowie den Schwachen in Form des Sozialstaates zur Seite steht.

Aber sind die Soziale Marktwirtschaft, die der Finanzexperte Robert Halver als „geläuterte Form des Kapitalismus“ bezeichnet und Erhards Credo „Wohlstand für alle“ in der heutigen Zeit überhaupt noch umsetzbar? Oder bedarf es in Zeiten von Megatrends wie der Digitalisierung, des demografischen und des Klimawandels sowie der Coronakrise und ihrer Folgen vielmehr eines nachhaltigen Updates des Kapitalismus? Das Kunstwort „Neokapitalismus“ macht dieser Tage weltweit die Runde. In einer Zeit, in der der milliardenschwere Amazon-Gründer Jeff Bezos postuliert, zukünftig die Interessen des Stakeholders, also Aktionäre, Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten, vor die des Shareholders, also die Anteilseigner, zu stellen. Und einer Zeit, in der der global agierende Vermögensverwalter Blackrock, verlauten ließ, auf nachhaltige Projekte und Green Finance setzen zu wollen.

Die Soziale Marktwirtschaft wird in Deutschland weiterhin zu Recht als alternativlos angesehen, auch wenn die Megatrends Nachjustierungen erfordern. In Corona-Zeiten ist auch staatliche Unterstützung wichtig. Trotzdem sollte sich laut Expertenmeinung die staatliche Einmischung aber in Grenzen halten. Auch Prof. Dr. Franz Seitz, Professor für Volkswirtschaftslehre an der OTH Amberg-Weiden und Berater der Europäischen Zentralbank sowie der Deutschen Bundesbank, sieht in Deutschland ein stärkeres staatliches Engagement kritisch: „Der Staat ist kein guter Unternehmer, er muss aber einen verlässlichen Rahmen für unternehmerische Entscheidungen schaffen.“ Um sich die aktuellen Unterstützungsleistungen, Liquiditätshilfen und Garantien leisten zu können, scheinen Anpassungen wie der Abbau der Bürokratie und das Forcieren der digitalen Transformation unerlässlich. Nur so können die nötigen Investitionen von Unternehmen und damit die für den Sozialstaat so wichtigen Steuereinnahmen generiert werden.

Robert Halver
Interview

Soziale Marktwirtschaft muss sich weiterentwickeln

Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, spricht über die Vorzüge der Sozialen Marktwirtschaft – und darüber, wie sie sich in den „neuen Zwanzigern“ weiterentwickeln sollte.

Hier geht’s zum Interview …