Finanzbuchhaltung
10. August 2020 6:00  Uhr

Kanzleien erleben einen Digitalisierungsschub

Künstliche Intelligenz hält zunehmend auch im Rechnungswesen Einzug. Laut dem aktuellen Datev-Digitalisierungsindex geben bei dieser digitalen Transformation vor allem die großen Kanzleien das Tempo vor.

Virtueller Helfer: Die künstliche Intelligenz hält immer stärker in Steuerkanzleien Einzug. | Foto: Alexander Limbach – stock.adobe.com

Von Thomas Tjiang

NÜRNBERG. Im Finanz- und Rechnungswesen steht ein deutlicher Umbruch an. Hinter dem Schlagwort digitale Transformation verbirgt sich der Einzug der künstlichen Intelligenz (KI), die – entsprechend strukturierte – digitale Daten automatisiert weiterverarbeiten kann. Die Coronapandemie hat mit Lockdown und Homeoffice diese Entwicklung wie unter einem Brennglas gezeigt: Auf der einen Seite wurden eine ungenügende Infrastruktur am Heimarbeitsplatz, fehlende digitale Daten oder instabile Internetverbindungen offensichtlich. Auf der anderen Seite liefen die betrieblichen Prozesse reibungslos weiter, wenn die Hausaufgaben schon vorher erledigt worden waren. Das betreffe nicht nur die technische Ausstattung, betont Dr. Robert Mayr, Vorstandschef der Datev: „Wir müssen grundsätzlich durchgängige digitale Prozesse haben.“

Index dokumentiert Fortschritte

Eine zentrale Schnittstelle bei dieser Entwicklung sind die Steuerberatungskanzleien. Die genossenschaftliche Datev ist Softwareschmiede, Softwarehaus und IT-Dienstleister insbesondere für Steuerberater sowie für deren zumeist mittelständische Mandanten. Sie veranschaulicht mit ihrem Digitalisierungsindex kontinuierlich die entsprechenden Fortschritte, etwa bei Prozessen und Strategie oder auch bei Organisation und Datenoutput. Die Daten, die in der Frühphase der Pandemie erhoben wurden, zeigen deutliche Fortschritte. Das Tempo machen große Kanzleien, gefolgt von mittleren und kleinen Kanzleien mit bis zu vier Mitarbeitern. Aber auch der Indexwert der Großen von 136 ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange – der maximale Wert liegt bei 200. Immerhin erreichen die Kanzleien 51 Prozent der eingehenden Dokumente in digitaler Form. Je stärker die Digitalisierung der eingehenden Daten fortgeschritten ist, desto einfacher können die weiteren internen Prozesse und der Datenoutput digitalisiert und Organisationsanpassungen vorgenommen werden.

Datev-Chef Mayr hofft, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Der Digitalisierungstrend dürfe nicht als „kurzfristiger Krisenbewältigungsmodus“ verebben. Die Datev selbst sieht sich in der Rolle eines Treibers für die Mitglieder und deren Mandanten. Im letzten Jahr wurde ein AI Lab – AI steht für Artificial Intelligence, also KI – aus der Taufe gehoben, um den verstärkten Einsatz von KI in den Softwarelösungen voranzubringen. Dabei geht es nicht nur um die automatisierte Erledigung von Routinearbeiten wie Finanzbuchungen. Im Servicebereich hilft die KI, Anwenderfragen schneller bearbeiten zu können.

Verschiedene Einsatzfelder

Die Genossenschaft ist auch Industriepartner beim bundesweiten Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Speaker“. In einem Teilprojekt wird der Einsatz eines smarten Sprachassistenten entwickelt und erprobt. Auf diese Weise soll im Kundenservice ein intuitives, automatisiertes Matching von Fragen und vorhandenen Informationen über verschiedenste Produkte hinweg geschaffen werden. Die Antwort kommt dann via automatisierter Sprachausgabe.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das zweite Einsatzfeld. Allerdings stehen hier die Dienstleistungen im Mittelpunkt, die Steuerberater für ihre Mandanten erbringen. Als Unterstützungsangebot für Anfragen an die Kanzleien entwickelt die Datev ihren angebotenen Nachrichtendienst rund um steuerrelevante Themen auf Basis von Sprachtechnologie und Mechanismen der KI weiter. Das System soll gesprochene wie auch geschriebene Nachrichten analysieren und die wesentlichen Informationen datenschutzkonform extrahieren. Ziel ist es, dass Kanzleien ihren Mandanten in Zukunft vielfältige KI-basierte Sprachassistenzfunktionen anbieten können. Dazu zählen beispielsweise ein Rund-um-die Uhr-Service oder die automatische Beantwortung von Fragen.

Plus trotz Corona

Mit ihrer Positionierung hat die Datev im vergangenen Jahr ein Umsatzplus von 6,4 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro verbucht. Besonders gefragt waren in diesem Zeitraum vor allem Onlinelösungen beziehungsweise cloudbezogene Dienstleistungen. Aufgrund der Investitionen sank im Jahresvergleich das Betriebsergebnis um 14 Millionen auf knapp 61 Millionen Euro. Die ersten sechs Monate des laufenden Geschäftsjahrs bescherten der Datev noch ein weiteres Umsatzplus. Auf eine Jahresprognose wird aber angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheiten verzichtet. An der offensiven Einstellungspolitik wird festgehalten: Zur Jahresmitte waren über 8010 Mitarbeiter beschäftigt – rund 250 mehr als Mitte 2019.

Interview

Mehr Qualität und Effizienz in der Buchführung

Dr. Udo Wartha, verantwortlich für die Produktentwicklung in der Finanzbuchführung bei der Datev, erläutert im Interview die Rolle, die künstliche Intelligenz in der Finanzbuchführung spielen könnte.

Foto: Datev

Hier geht’s zum Interview…