Pharmabranche
26. November 2021 6:35  Uhr

Keimzellen für den Fortschritt

Corona hat gezeigt: In der Pharmabranche spielen die kleineren Marktteilnehmer eine gar nicht so kleine Rolle. Viel Innovatives hat auf diesem Gebiet auch Ostbayern zu bieten.

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Von Rebecca Sollfrank

OSTBAYERN. Wer bringt das erste wirksame Covid-19-Medikament auf den Markt? Merck und Pfizer haben beim Wettrennen um den milliardenschweren Coup derzeit die Nase vorn, doch die weltweite Forschung geht weiter – auch in Regensburg: Mit dem im Biopark ansässigen Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM), dem Uniklinikum und der Universität Regensburg suchen die biophysikalischen Analytiker der Firma 2bind GmbH nach einem Störfaktor, der die Reproduktion des Virus hemmt. „Stellen Sie sich die Hülle des Virus als Karosserie und sein Inneres als Motor vor“, sagt Geschäftsführer Dr. Thomas Schubert. „Wird der Motor nicht richtig eingebaut, fährt das Auto nicht.“ Die Forschungsgruppe sucht ein Molekül, das den Einbau des Virenmotors sabotiert, sodass sich das fertig montierte Virus nicht mehr vermehren kann. Die Forschung läuft in drei Schritten: Im ersten Schritt reduziert eine Partnerfirma virtuell mit Algorithmen die Zahl möglicherweise erfolgreicher Moleküle. Diese Auswahl testet 2bind in vitro auf ihre generelle biophysikalische Fähigkeit, sich an ein bestimmtes Protein zu binden. Im Uniklinikum wird die Wirksamkeit der Kandidaten dann am Virus getestet.

Wichtige Impulse aus der Region

Auch wenn man hier trotz großer Fortschritte von einem klinisch getesteten Medikament für Covid-19 noch weit entfernt ist, ist doch klar: Aus der Region kommen wertvolle Impulse für Medizin und Therapie, von der Wirkstoffforschung bis zur Datenverarbeitung. Umgekehrt spielen diese Bereiche auch eine Rolle für die Region, wie die Zahlen aus dem Biopark-Geschäftsbericht vom Februar 2021 beweisen: Im Biopark gibt es fast 4100 Arbeitsplätze, davon knapp 1600 in der Pharmabranche, über 1400 in der Medizintechnik und mehr als 1000 in der Biotechnologie. Nicht zuletzt wegen der Coronapandemie geht Biopark-Geschäftsführer Dr. Thomas Diefenthal davon aus, dass sich das Wachstum weiter fortsetzen dürfte.

Heilsame Daten

Dafür sorgt auch die rasante Entwicklung neuer Technologien und Methoden. Das Beispiel 2bind etwa zeigt, dass moderne Medikamente nicht mehr ohne die vorausgehende Analyse großer Datenmengen entwickelt werden können. Darauf, genauer auf die algorithmenbasierte Analyse molekularbiologischer und biomedizinischer Daten, hat sich das Waldsassener Unternehmen Biovariance spezialisiert. Das bessere Verständnis über das Zusammenspiel aller natürlichen Systeme im menschlichen Körper soll es möglich machen, eine auf das Genom des Patienten individuell abgestimmte Therapie zu entwickeln. Auf diesem Feld bewegt sich auch der Pionier für synthetische Gene Thermo Fisher Scientific Geneart. Synthetische Biologie kann zum Beispiel Immunzellen im Körper so umprogrammieren, dass sie Krebszellen erkennen. Der Datenanalysespezialist Biovariance will neben der Onkologie seine Themenfelder auf weitere Indikationen ausweiten. Ganz nebenbei hat sich Biovariance Anfang 2021 mit einem neuen Expresslabor für PCR-Tests im Landkreis Tirschenreuth hervorgetan. „Die Thematik ist gar nicht so weit von unserem Kerngeschäft entfernt“, meint dazu Geschäftsführer Dr. Josef Scheiber. Die Dynamik bei allen Playern in der Pharma- und Biotechbranche ist hoch, die Ziele ambitioniert. Scheiber denkt schon heute an „jederzeit und überall erhebbare Echtzeitdaten auf molekularer und Bildgebungsbasis, die eine Art von vorausschauender medizinischer Betreuung ermöglicht“.

Gute Aussichten für Schmerzpatienten

Positive Ausblicke gibt es auch bei pflanzlichen Heilmitteln. Simone Feilmeier-Gürtner, Inhaberin der Firma Bava Medical Pharma im niederbayerischen Haselbach, ist zumindest für ihren Wirkstoff Cannabis hoffnungsfroh. Sie startete 2018 mit dem Vertrieb hochwertiger medizinischer Cannabisprodukte. Die Verschreibung von medizinischem Cannabis ist bereits seit 2017 möglich, allerdings mit aufwendiger Einzelfallprüfung. „Aber wir stehen kurz vor der regulären Verschreibung“, sagt Feilmeier-Gürtner, auch wegen entsprechender Signale aus der Ampelkoalition. Von einem schnelleren Zugang würden zum Beispiel Schmerzpatienten profitieren. Für die Bava-Medical-Inhaberin wäre die reguläre Verschreibung und kontrollierte freie Abgabe die sichere Zukunft für ein Naturpräparat mit hohem wirtschaftlichem Potenzial.

Sprunghafte Fortschritte

Die neurodegenerative Erkrankung amyotrophe Lateralsklerose (ALS) war vor einigen Jahren durch die ALS Ice Bucket Challenge in aller Munde. Eine wirksame kausale Therapie gab es aber lange nicht. Zumindest im vorklinischen Stadium konnte die Regensburger Universitätsausgründung Velvio GmbH inzwischen faszinierende Fortschritte bei der Verlangsamung und sogar teilweisen Umkehr der zugrunde liegenden Zellalterung erreichen. Das von Velvio entwickelte Medikament erinnert an die mRNA-Strategie, die auch Biontech auf verschiedenen Ebenen verfolgt. Professor Dr. med. Ulrich Bogdahn, Inhaber des Lehrstuhls für Neurologie der Universität Regensburg und medizinischer Geschäftsführer der Velvio GmbH, erklärt die Wirkweise so: „Mittels eines DNA-Moleküls haben wir die chronische Entzündung, die sich bei degenerativen Erkrankungen einstellt, rückgängig gemacht und die Stammzellen wieder aktiviert.“ Das Immunsystem wird praktisch „jünger“. Auch Schädigungen wie Vernarbungen in Leber oder Lunge können so repariert werden.

Oft ist die Finanzierung das Problem

Das Exzellenzprojekt von Velvio wurde in der vorklinischen Phase durch Bund und Freistaat großzügig gefördert, doch nun wird die weitere Finanzierung schwierig, so Bogdahn: „Wir tun uns unwahrscheinlich schwer, Anschlussfinanzierungen für den Schritt in die klinische Anwendung als Antisense-Medikament zu bekommen.“ Deutschland fehle nicht nur eine autarke Pharmaindustrie, sondern die Bereitschaft, in medizinische Neuentwicklungen zu investieren. Das bedeute verlorene oder verzögerte Chancen bei der Behandlung von demografisch bedeutsamen Erkrankungen wie Alzheimer. Bogdahn wirbt für mutige Investitionen aus der Region für klinische Weiterentwicklungen. „Am Beispiel Biontech sieht man: Wenn so eine Neuentwicklung funktioniert, kann sie auch zum großen wirtschaftlichen Erfolg werden, von dem die gesamte Region profitiert.“

Interview

Von Viren gezieltes Heilen lernen

Prof. Dr. Achim Göpferich vom Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie an der Universität Regensburg spricht über die Herausforderungen und Chancen moderner Technologien im Bereich Biotech und Pharmazie.

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