Interview
28. Januar 2022 5:56  Uhr

Kein Abgesang auf den Einzelhandel

Wolfgang Puff ist Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Bayern (HBE). Er kämpft für andere Regelungen bei den staatlichen Wirtschaftshilfen – und für einen Wegfall der Regulierungen beim Einkauf außerhalb der Supermärkte.

Wolfgang Puff | Foto: Handelsverband Bayern

Von Thorsten Retta und Robert Torunsky

Er bezeichnet sich selbst als optimistischen Menschen. Aber aktuell fällt es sogar Wolfgang Puff schwer, seinen Optimismus zu behalten. Grund sind die Einschränkungen, die die Coronapandemie mit sich brachte und weiter bringt und die besonders den Einzelhandel stark getroffen haben. Er tue es dennoch, auch wenn das für den stationären Einzelhandel das so wichtige Weihnachtsgeschäft nun bereits zum zweiten Mal ins Wasser gefallen ist und vielen Händlern Kraft und Rücklagen ausgegangen sind.

Herr Puff, das Weihnachtsgeschäft hat coronabedingt auch 2021 nicht das gehalten, was die Händler sich erhofft hatten.

Wolfgang Puff: Das Weihnachtsgeschäft war für den stationären Einzelhandel unterm Strich leider keines. Man muss natürlich unterscheiden und die Food-Händler ausklammern, die uneingeschränkt geöffnet haben konnten. Aber alle anderen Branchen wie Textil, Sport, Schuhe, Elektronik, Accessoires und Lederwaren, die zu den Leitbranchen der Innenstädte gehören, aber gleichermaßen leidgeprüft sind, waren massiv betroffen. Für die Zukunft, was auch immer sie uns bringen wird, kann man nur hoffen. Ich bin ein klarer Impfbefürworter: Wir müssen mit dem Impfen weiterkommen, um dieses Virus auf Sicht so in den Griff zu bekommen, dass diese Einschränkungen für den Einzelhandel nicht mehr nötig sein werden und dass der Kunde wie vor Corona einkaufen kann. Der Handel braucht die Planungssicherheit, um Umsatz und auch Rendite machen zu können.

Sie haben die Bedeutung des Weihnachtsgeschäfts angesprochen. Wie ist der Status quo?

Der stationäre Einzelhandel im Non-Food-Bereich hat sehr schwere Jahre hinter sich. 2020 hat der Lockdown das Weihnachtsgeschäft zunichtegemacht, 2021 sah es zumindest im November noch etwas besser aus. Die Kunden hatten wieder etwas Mut gefasst und kamen wieder in die Stadt zum Einkaufen. Die 2G-Beschränkung hat uns dann hart getroffen: Frequenzeinbußen zwischen 25 und 40 Prozent und daraus resultierende Umsatzeinbrüche bis 35 Prozent gegenüber der Vor-Coronazeit waren die Konsequenz. Besonders betroffen waren die Oberzentren Bayerns, die sehr stark darauf angewiesen sind, dass die Menschen aus dem Umland zum Einkaufen kommen. Selbst in Premiumhäusern in München war in der Weihnachtszeit die Frequenz erschreckend gering.

Der Onlinehandel wird ja immer als Krisengewinner genannt, aber lässt sich das so einfach pauschalisieren?

Nein. Neben dem Food- hat der Onlinehandel insgesamt zwar entsprechende Zuwächse verzeichnet, aber die Profiteure waren vor allem die großen Player. Kleinere Händler tun sich im E-Commerce gegen die Riesen schwer, oft bleibt nur das Anbieten über deren Marktplätze.

Wer keinen guten Standort (…) hat, wird nicht nur an den Onlinehandel, sondern auch an andere Städte Kunden verlieren.

Also konnten Händler, die auf Multi-Channel-Vertrieb gesetzt haben, die Umsatzverluste nicht durch die Steigerungen im E-Commerce-Bereich ausgleichen?

Einige Verluste konnten aufgefangen werden, aber eine Kompensation war und ist angesichts der enormen Umsatzeinbrüche beim stationären Geschäft nicht möglich. So liegen beispielsweise bei Textilhändlern die Verluste bei rund 30 Prozent – und da sind die Zugewinne beim Onlinegeschäft schon eingerechnet.

Ist angesichts der allgemeinen Entwicklung der Onlinehandel für kleinere Anbieter trotzdem alternativlos?

Der Strukturwandel im stationären Einzelhandel hat ja schon vor Corona eingesetzt und wurde durch die Pandemie noch einmal deutlich beschleunigt. Vielen alteingesessenen Händlern fehlte entweder der Drive, sich in den Onlinehandel vorzuwagen, oder schlicht und einfach ein Nachfolger. Angesichts des enormen Arbeitseinsatzes und sinkender Renditen ist das auch nachvollziehbar, dass Familienangehörige dankend ablehnen und dadurch kleinere Geschäfte wegfallen. Dieser Prozess ist leider auch längst noch nicht abgeschlossen. Der ein oder andere wird die Entwicklung 2022 noch abwarten und dann entscheiden, wie lange er seinen Geschäftsbetrieb noch aufrechterhalten will oder kann. Bei anderen sind die Reserven schon jetzt aufgebraucht und sie müssen viel eher aufhören als ursprünglich geplant. Es liegt also weniger daran, dass sich die Geschäfte dem Onlinehandel nicht öffnen.

Laut dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung machen Insolvenzen im langfristigen Durchschnitt mit rund 15 Prozent einen vergleichsweise geringen Teil der Unternehmensschließungen aus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind die Insolvenzen während Corona sogar rückläufig. Das hätte man so nicht vermutet.

Wir hatten das Glück, dass die Insolvenzen sich bislang absolut in Grenzen halten. Es gab aber etliche Geschäftsaufgaben im Stillen. Deswegen ist die Unterscheidung zwischen Insolvenz und „den Geschäftsbetrieb einfach auslaufen lassen“ schwierig. Aber über eines muss man sich im Klaren sein: Egal ob kleiner oder großer Laden – die Lage wird in Zukunft eine noch größere Rolle spielen. Wer keinen guten Standort oder auch eine entsprechend aufgestellte, attraktive Kommune hat, wird nicht nur an den Onlinehandel, sondern auch an andere Städte Kunden verlieren.

Unabhängig vom E-Commerce müssen Geschäfte und ihr Angebot im Internet auffindbar sein. Wenn das nicht der Fall ist, dann sind das wirklich Schläfer.

Apropos Konkurrenz: Der Verkauf im Internet ist angesichts des enormen Wettbewerbs auch nicht nebenbei zu realisieren.

Absolut. Onlinehandel erfordert absolute Professionalität, Zeitressourcen und auch den Einsatz von Geldmitteln, um alles, was mit dem virtuellen Geschäft verbunden ist, auch stemmen zu können. Denken Sie etwa an die Textilbranche, welche Unmengen von Retouren dort bearbeitet werden müssen. Schon 2020 wurden in Deutschland rund 315 Millionen Pakete zurückgeschickt, für 2021 wird mit einem noch höheren Wert gerechnet. Onlinehandel ist mit hohen Investitionen verbunden und deshalb verstehe ich Unternehmen, die bewusst nicht mitmachen. Unabhängig vom E-Commerce müssen Geschäfte und ihr Angebot im Internet auffindbar sein. Wenn das nicht der Fall ist, dann sind das wirklich Schläfer. Das moderne Telefonbuch ist heute eben die Homepage.

Gilt das auch für soziale Netzwerke?

Der Austausch über soziale Medien gehört definitiv auch dazu. Es geht ja darum, Kunden zu erreichen, mit ihnen zu kommunizieren, das Angebot und Neuerungen vorzustellen. Man muss auf diesen Kanälen einfach sichtbar sein, das ist aus meiner Sicht die oberste Verpflichtung. Das haben sicher einige noch nicht verstanden oder es nicht wahrhaben wollen. Im Ergebnis werden wir diese Anbieter über kurz oder lang nicht mehr auf dem Markt sehen.

Man muss vielleicht darüber nachdenken, ob der Denkmal- und Ensembleschutz immer so aufrechterhalten werden kann.

Wenn attraktive Geschäfte, ob aus Finanz- oder Nachfolgegründen, die Türen schließen, hat das zusätzlich selbstverstärkende Effekte für die Fußgängerzone, das Viertel oder die Straße, da die Kundenfrequenz weiter sinkt.

Das ist richtig, ich möchte trotzdem keinen Abgesang auf den Einzelhandel oder ganze Innenstädte singen. Ganz im Gegenteil. Aber seitens der Kommune muss man sich im Klaren sein, welche Verantwortung man jetzt hat – und zwar alle miteinander. Der Einzelhandel und die Gastronomie, die beide das Bild einer Innenstadt stark prägen, da sie in der Regel ja die Erdgeschossflächen belegen. Auch die Immobilieneigentümer sind gefordert, die ihre Erwartungen hinsichtlich des Mietertrags wohl runterschrauben müssen. Jeder Vermieter und auch die Kreditinstitute müssen schon ein Interesse haben, dass die Wertigkeit einer Immobile aufrechterhalten bleibt. Und das ist nur dann der Fall, wenn eine Vermietung erfolgt – selbst wenn das nicht mehr auf dem erwarteten oder gewohnten Niveau erfolgt. Die Kommune selbst muss federführend das Heft in die Hand nehmen und Konzepte umsetzen. Wenn diese Spieler nicht zusammenfinden, entsteht Erosion hier und dort und der Standort wird unattraktiv.

Was könnten aus Ihrer Sicht solche Konzepte sein?

Man muss vielleicht darüber nachdenken, ob der Denkmal- und Ensembleschutz immer so aufrechterhalten werden kann. Möglicherweise muss man Lagen zusammenlegen, um attraktivere, größere Flächen in der Innenstadt zu schaffen. um gewissen Entwicklungen vorzubeugen. Wir wissen ja, dass Drogeriemärkte extrem wichtig für die Frequenz in einer Stadt sind. Deshalb darf gerade aus Sicht der Mittelstädte nicht alles auf die grüne Wiese in der Peripherie abwandern. Wir haben viele unverbaute, gewachsene Innenstädte, die durchaus Zukunft haben können. Das Potenzial wäre jedenfalls vielerorts da.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Die Wirtschaftshilfen, die ja etwas Positives sind, liegen hinter der hohen Hürde von 30 Prozent Umsatzverlust. Das ist viel! Und wer 29 Prozent hat – das ist ebenfalls viel –, geht leer aus. Deswegen sind wir als HVE nach wie vor dran, die Bundesregierung zu einer Ausweitung der Hilfen zu bringen, aber das ist auch im Hinblick auf EU-Richtlinien außerordentlich komplex und schwierig. Zusätzlich fordern wir, die Beschränkungen zu lockern. Der Einzelhandel ist kein Pandemietreiber. Dort, wo am meisten Kundenkontakt herrscht, im Food-Einzelhandel, wo jeder ungeachtet seines Status einkaufen konnte, ist es durch die Maskenpflicht bei rund 40 Millionen Kundenkontakten pro Tag zu keinen nennenswerten Ausbrüchen gekommen. Der Non-Food-Einzelhandel hat mit seinen Hygienekonzepten bereits bewiesen, dass es geht. Die Maske tut ihr Übriges dazu: Vom Max-Planck-Institut wurde bestätigt, dass die FFP2-Maske außerordentlich sicher ist. Wenn Verkäufer und Käufer Maske tragen, ist das Infektionsrisiko gering. Deswegen ist es gerechtfertigt, auch die Non-Food-Händler von den Beschränkungen zu befreien.

Wolfgang Puff

Wolfgang Puff ist seit Oktober 2017 Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Bayern e. V. (HBE) mit Sitz in München. Der gebürtige Niederbayer studierte an der Universität Regensburg Rechtswissenschaften. Als Rechtsanwalt leitete Puff zunächst die Rechtsabteilung der Privatbrauerei Sailer in Marktoberdorf. Von 1992 bis 2002 arbeitete er als Anwalt für den HBE-Bezirk Schwaben in Augsburg, ab 2002 wurde er HBE-Bezirksgeschäftsführer. Diese Funktion bekleidete er 15 Jahre, bevor er 2011 stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Bayern e. V. in München wurde.