Femtechbranche
19. August 2020 6:00  Uhr

Keine Scheu vor der Tabuzone

Periodenschmerzen, Beschwerden in den Wechseljahren oder Inkontinenz – viele Frauen weltweit leiden darunter. Produkte rund um die Frauengesundheit versprechen enormes Marktpotenzial. Immer mehr Start-ups erschließen sich dieses Segment.

Neben herkömmlichen Tampons gibt es inzwischen viele innovative Monatshygieneprodukte. Immer mehr Start-ups sehen im Bereich Frauengesundheit noch ungenutztes Marktpotenzial. | Foto: Dragana Gordic – adobe.stock.com

Von Julia Kellner


OSTBAYERN. Lange Zeit waren Themen wie Menstruation, Inkontinenz oder Stillen mit Tabus belegt. Doch die Gesellschaft wird immer offener, ebenso die Wirtschaft. Immer mehr Femtechs, also Start-ups, die sich mit Produkten rund um die Frauengesundheit beschäftigen, treten deshalb auf den Markt. Und der ist gigantisch. Schließlich ist die Hälfte der Weltbevölkerung weiblich. „In der Branche steckt unglaubliches Potenzial. Das Bewusstsein der Frauen für den eigenen Körper wächst – und damit auch der Wunsch nach passenden Produkten“, sagt Rebecca Bienefeld. Die Regensburgerin hat sich als Frau Bienefeld selbstständig gemacht und berät über nachhaltige Monatshygiene – in Einzelgesprächen oder in vertrauten Gruppen. In ihrem Sortiment hat sie Produkte verschiedener Hersteller: von Periodenslips über Stofftampons bis hin zu Menstruationstassen. Vielen Frauen sei das Thema unangenehm. Sie würden darüber nicht sprechen und sich über Alternativen zu herkömmlichen und oft gesundheitsbedenklichen Monatshygieneprodukten keine Gedanken machen. Das hätte ihren Start als Unternehmerin beeinflusst. „Es ist unglaublich viel Aufklärungsarbeit notwendig.“ Die Ursachen seien tiefgründig: „Nur wenige Mädchen werden in der Schule über den monatlichen Zyklus gut aufgeklärt. Selbst die Werbung, in der Blut blau ist, suggeriert ihnen unterschwellig, dass es sauber sein muss.“

Start-ups erfinden den Markt neu

Bienefeld sieht es als ihre Aufgabe, über Alternativen aufzuklären. Dass sie damit gesehen wird, zeigen Kooperationsanfragen, die sie erreichen – etwa von einem Femcare-Produzenten. Sie ist sich sicher, dass der Markt viel Luft nach oben bietet. „Das zeigen allein die vergleichsweise geringen Zahlen auf Instagram – selbst die großen Player haben kaum mehr als 15.000 Follower.“

„Zwar ist die Branche für Frauenhygiene von jeher ein bedeutender Markt, doch die Breite des Portfolios hat sich in den letzten Jahren deutlich erweitert“, sagt Dr. Marina Crnoja-Cosic. Sie leitet die Abteilung New Business Development bei der Kelheim Fibres GmbH. In Kelheim produziert das Unternehmen seit etwa 40 Jahren Viskosespezialfasern für Tampons verschiedener Marken. Nachwachsende Rohstoffe und biologische Abbaubarkeit würden die Kelheimer Viskosefasern von Haus aus mitbringen. Diese Eigenschaften spielten nun auch bei den Anwenderinnen eine immer wichtigere Rolle. „Wir wollen mit unseren Hygienefasern ein Material für ein gesundes, umweltfreundliches und zugleich zuverlässiges Periodenprodukt liefern.“ Um die Bedürfnisse der Frauen in den Mittelpunkt der Innovationsaktivitäten stellen zu können, arbeiteten sie nicht nur mit Forschungsinstituten zusammen, sondern auch mit Anwenderinnen und Experten aus der Femtechbranche. Crnoja-Cosic zufolge strömen in letzter Zeit vermehrt junge und innovative Unternehmen auf den Markt. Die Start-ups setzten auch verstärkt auf die Enttabuisierung des weiblichen Zyklus. „Jüngere Generationen sind dem Thema gegenüber aufgeschlossen.“ Das zeige sich auch im Einkaufsverhalten. Nachhaltige Produkte würden verstärkt nachgefragt.

Fokus auf Nachhaltigkeit

Auf Nachhaltigkeit setzt auch Anita Staab aus Regensburg, die Gründerin und Entwicklerin der Petticap. Die Volumenkappe für Frauen gleiche bei Haarlosigkeit fehlendes Haarvolumen aus. Unter einer Mütze oder einem Tuch getragen, gebe sie dem Kopf eine schöne Proportion. Haarausfall bei Frauen sei oft die Folge einer Krebstherapie oder durch kreisrunden Haarausfall bedingt. Die psychische Belastung sei zumeist enorm. „Durch Haare unterstreichen wir ein Stück weit unsere Persönlichkeit“, sagt Staab. Nach ihrer Krebserkrankung habe die gelernte Bekleidungstechnikerin fünf Jahre Entwicklungsarbeit investiert: Nachdem betroffene Frauen die Kappe über längere Zeiträume getestet haben, sei die Petticap seit 2019 auf dem Markt. Staab baut auf Direktvertrieb über Selbsthilfegruppen, Veranstaltungen und ihre Website. „Bei der Auswahl des Materials war mir wichtig, dass es frei von Schadstoffen ist und auch auf der empfindlichen Kopfhaut angenehm zu tragen ist.“ Produziert werde ausschließlich in Deutschland – von Hand. Für die Gründerin von Vorteil, aber mit Blick auf die Zahl der potenziellen Kunden erstaunlich: Ein vergleichbares Produkt gebe es nicht – zumindest bis vor Kurzem. „Erst seit April ist ein dänisches Unternehmen mit speziellen Mützen auf dem Markt, die einen ähnlichen Effekt erzielen.“

Chance für Investoren

Steckt in der Femtechbranche noch viel ungenutztes Potenzial? Recherchen der Wirtschaftszeitung haben ergeben, dass die Branche für Ostbayerns Investoren oft bislang kaum eine Rolle spielt. Sie hätten noch keinen Kontakt zu Femcare-Unternehmen oder wüssten mit dem Begriff gar nichts anzufangen. Dennoch: „Sieht man sich die Zahl der jungen Unternehmen im Markt an, wird die Branche für Investoren gewiss attraktiver“, sagt Dr. Marina Crnoja-Cosic. Mut macht Anita Staab: Bei Bankgesprächen sei sie auf offene Ohren gestoßen. „Nahezu jeder kennt jemanden, der von Haarverlust betroffen ist, und weiß um die psychischen Folgen und den Bedarf an unterstützenden Produkten, die das Wohlbefinden der Frau ein Stück weit steigern.“