Motivation
13. Juni 2020 6:38  Uhr

Kleine Schubser für mehr Selbstkontrolle

Sich in Zeiten der andauernden Corona-bedingten Abgeschiedenheit immer wieder neu selbst zu motivieren, kann eine echte Herausforderung sein. Wissenschaftler empfehlen: Self-Nudging.

Die Rolltreppe links liegen lassen und stattdessen die Treppe nehmen: Auch das ist ein Beispiel für Selbstmotivation im Alltag. | Foto: Li Zhongfei – stock.adobe.com

Von Oxana Bytschenko

OSTBAYERN. Die Wirtschaft nimmt erst langsam wieder Fahrt auf. Viele Arbeitnehmer arbeiten weiterhin im Homeoffice – weil die Produktion nur zum Teil angelaufen ist oder weil die Kitas und Schulen nur eingeschränkt geöffnet sind und deshalb Kinder betreut werden müssen. Daher heißt es auch drei Monate nach dem Lockdown, den Alltag in Coronazeiten zu organisieren und zu strukturieren. Dazu gehören auch Disziplin und Selbstkontrolle. Diese kann man stärken, indem man die Umgebung nur etwas verändert, wie zwei Wissenschaftler der Universität Helsinki und des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung im „Journal Behavioural Public Policy“ erklären.

Denn der Mensch entscheidet sich oft für die bequemere und verlockendere Variante: Serien schauen statt Sport treiben, Süßes statt Gemüse essen oder lange geplante Projekte immer wieder aufschieben. Wie man trotzdem mehr Selbstkontrolle gewinnen kann und sich für Dinge entscheidet, die langfristig gut tun, erklären Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, und Samuli Reijula, Philosoph an der Universität Helsinki. Das sogenannte Self-Nudging soll dabei helfen, sich selbst auszutricksen, damit gewünschte Entscheidungen leichter fallen.

Neues Framing für alte Entscheidungen

Ein „Nudge“ ist ein Stupser, eine Anregung, die bewusst oder unbewusst wahrgenommen wird: Das können Sportklamotten sein, die vor dem Bett platziert werden, oder ausschließlich gesunde Snacks in der Küche und im Kühlschrank. Außerdem schlagen die beiden Wissenschaftler vor, den Entscheidungen einen anderen Rahmen zu geben (Framing). Die Wahl zwischen Joggen oder Nichtjoggen wäre dann eine Entscheidung zwischen Gesundheit oder Krankheit im Alter. Um ein langgeplantes Projekt umzusetzen, kann man sich auch unter Druck setzen: Indem man mit Freunden eine Deadline vereinbart und bei Nichteinhalten einen Geldbetrag an einen Fußballverein oder eine Partei spenden muss, den oder die man ablehnt. Das macht Comedian Nico Semsrott, auch bekannt als „Demotiovationscoach“, sogar öffentlich: Er verbietet sich selbst das Lachen auf der Bühne und bestraft sich mit fünf Euro pro Lacher, die er an die Junge Union spenden muss.

Positiv betrachtet, helfen die kleinen Tricks auch langfristig: So kann man sich in Zeiten geschlossener Fitnessstudios für einen kostenpflichtigen Online-Sportkurs bei einem besonderen Trainer anmelden, einemYoga-Guru oder einem Promi-Workout-Experten. Weil dieser Geld kostet und die Zeiten festgelegt sind, macht man auch sicher mit.

Die Herrschaft über die eigene Handynutzung gewinnen

Für die beiden Wissenschaftler gehört es auch zur Selbsterziehung, die Kontrolle über die Handynutzung wieder zu erlangen, etwa indem man Benachrichtigungen ausschaltet. „Wir alle haben in unseren Köpfen und Körpern verschiedene Bedürfnisse und Wünsche, die ständig miteinander in Verhandlung treten. Self-Nudging kann helfen, bewusster mit diesen inneren Verhandlungsprozessen umzugehen“, sagt Samuli Reijula. Dabei wird die Forschung zum Nudging genutzt, das in der Psychologie, der Verhaltensökonomie und der Politik in den vergangenen Jahren an Popularität gewonnen hat. Während jedoch Nudging durch die Politik kritisch gesehen wird, weil es Bürger manipulieren könnte, gibt es beim Self-Nudging keine Gefahr der Fremdeinwirkung.