Netzwerkabend
17. Dezember 2021 14:46  Uhr

Kompetente Vorreiter in Sachen Agilität

Beim virtuellen Netzwerkdienstag aus dem Degginger unterstrich die Kultur- und Kreativwirtschaft ihre Forderung, von der Politik endlich als Wirtschaftsfaktor ernst genommen zu werden.

Die beiden Moderatoren auf der Degginger-Bühne Sebastian Knopp, Regensburger Clustermanager Kultur- und Kreativwirtschaft, und Clemens Rudolph, zweiter Vorsitzender des Forum Kreativwirtschaft e.V. (v. li.), moderierten den Netzwerkdienstag der Kreativwirtschaft vor coronabedingt leerem Haus. Die Veranstaltung fand rein virtuell statt; der Brisanz und Vielfalt der Themen tat dies aber keinen Abbruch. | Foto: Victor Malta

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. „Please end this misery, so I can be the one I used to be!” Der Regensburger Sänger Björn Bussler lieferte den musikalischen Rahmen für den Netzwerkdienstag der Kreativwirtschaft am 14. Dezember aus dem Degginger. Er stellte mit seinem Einstiegslied aber auch gleich die beiden wichtigsten Fragen des Abends: Wird die Kreativszene jemals wieder so werden, wie sie vor der Pandemie war? Und wann beendet die Politik die Misere aus Arbeitsverboten, wirtschaftlicher Notlage und misslungenen Fördermodellen? Clemens Rudolph, zweiter Vorsitzender des Forum Kreativwirtschaft e.V., und Sebastian Knopp, Regensburger Clustermanager Kultur- und Kreativwirtschaft, führten durch den diesmal rein virtuellen Abend. Das geplante digitale Netzwerken nach den Interviews wurde abgesagt: Zu wenige hatten sich angemeldet. Ist die Kreativwirtschaft „digital müde”?

In zwei Wochen 100 Millionen Umsatzverlust

Diese Vermutung bestätigte der erste Interviewgast durchaus. Jan Kalbfleisch ist Geschäftsführer des Vereins „Alarmstufe Rot“, der mit rund 100.000 Betrieben und einer Million Beschäftigten größten Interessensvertretung der Veranstaltungsbranche in Deutschland. „Die Stimmung bei unseren Mitgliedern ist am Boden“, sagte er. Obwohl der Sommer mit 40 Prozent Auslastung noch positive Signale für das vierte Quartal versprochen habe, habe die vierte Pandemiewelle der Branche dann „innerhalb von nur zwei Wochen 100 Millionen Umsatzverlust“ gebracht. An mangelnder Pandemiekompetenz liege das nicht, das stellte Kalbfleisch klar. „Wir sind Profis, die wissen, wie man Besucher einer Veranstaltung schützt.“ Ähnlich wie die Gastronomie sei auch die Kultur- und Veranstaltungsbranche mit durchdachten Konzepten in Vorleistung gegangen. Die entsprechende positive Antwort sei die Politik bis dato aber schuldig geblieben.

Kalbfleisch gestand der Politik zwar durchaus zu, dass seine Branche mit 150 Berufsgruppen diffus und schwer greifbar sei. De facto sei die Veranstaltungswirtschaft aber der sechstgrößte Wirtschaftsfaktor im Bund. Und der werde durch ein politisches Entscheidungsvakuum massiv ausgebremst. Solange die Politik kein Veranstaltungsverbot ausspreche, gebe es keine finanziellen Hilfen für die Branche. Die Coronaauflagen führten gleichzeitig dazu, dass Veranstaltungen nicht kostendeckend durchgeführt werden könnten. Hoffnungen, dass die Ampelkoalition etwas an der Sache ändert, hat Kalbfleisch wenig. „Es zeichnet sich eher die Meinung ab, dass Hilfen auslaufen und wir unsere Geschäftsmodelle ändern sollen.“ Außerdem stehe man mit dem Regierungswechsel vor dem Problem, das politische Netzwerk komplett neu bauen und schon wieder erklären zu müssen, welche Bedeutung die Kreativwirtschaft in der Gesamtwirtschaft habe. Folgerichtig fordert Kalbfleisch für die Zukunft unter anderem einen eigenen politischen Ausschuss für Kreativbranchen, ähnlich wie es ihn für den Tourismus gebe.

Agile Kultur als Blaupause für Unternehmen

Dabei wird das agile unternehmerische Gen der Kulturbranche bereits erfolgreich als Blaupause für die Beratung in Sachen Kreativität in Unternehmen genutzt. Das erläuterte Thomas Koeplin von der Beratungsfirma „Age of Artists“. „Künstlerisches außerhalb der Kunst zur Anwendung bringen“, nennt Koeplin sein Geschäftsmodell. Und er meint damit, sich den natürlichen Umgang der Kulturszene mit dem Neuen und mit der Vielfalt für das eigene Unternehmertum abzuschauen. Den Wert der Vielfalt und Komplexität zu verstehen und zuzulassen, ermögliche in jedem Unternehmen eine neue Dynamik. Das Wort „Changemanagement” ist Koeblin zwar „zu breitgetreten”, Teil eines neuen unternehmerischen Denkens müsse die Kreativität aber sein.

Mit dem Umdenken beschäftigen sich auch Verena Hefele und das Team vom Münchner Projektbüro „What if“, bei dem es um die Nachhaltigkeit des Kulturbetriebs geht. Das Stadttheater Regensburg ist ebenso „What if“-Kunde wie kleine Festivals. Entsprechend heterogen sind die Fragestellungen: Wie kann ich eine feste Spielstättenimmobilie energetisch nachhaltig betreiben? Wie bringe ich die Künstler meines Festivals dazu, ökologisch anzureisen? Organisation und Kommunikation sind zwei Werkzeuge, das zu schaffen. Das Thema nutzten die Moderatoren des Abends im Degginger gleich dazu, auf eine aktuelle Studie der Fakultät Erziehungswissenschaft an der Universität Regensburg hinzuweisen. Unter dem Motto „Wie professionalisiert sich die Kreativwirtschaft?“ können Kulturschaffende sich derzeit aktiv beteiligen.

In Sachen Agilität eine Nasenlänge voraus

Mit interessanten Kurzstatements klang der Abend aus. Adam Lederway, der Macher von „Ghosttown Radio“, erklärte, warum Liveradio, das nicht in der Mediathek landet, ein wertvoller Gegenentwurf zum On-Demand-Konsum ist. Linus Meier erzählte von seiner kleinen, aber feinen Schreinerei „RikRak” – denn ja, auch Handwerk ist Teil der Kreativwirtschaft. Und die will, so das Fazit des Abends, endlich als gleichberechtigter Teil der Wirtschaft anerkannt werden. Dazu passte das letzte Lied des Abends von Björn Bussler: „Rudolph the red nosed reindeer” durfte auch lange nicht mitspielen. Bis Santa in einer nebligen Weihnachtsnacht herausfand, dass der kleine Außenseiter eigentlich ein großes Zugpferd sein kann, wenn man ihn lässt. In Sachen gelebte Agilität ist die Kultur- und Veranstaltungsbranche dem Rest der Wirtschaft wohl schon jetzt um eine Nasenlänge voraus.

Seine Forderungen an die Politik in Sachen Anti-Corona-Maßnahmen und deren Auswirkungen auf die Kultur- und Kreativwirtschaft hat der Bayerische Landesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft e. V. in einem offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder zusammengefasst, der am 16. Dezember online ging. Der Link zur Vereinsseite und zu dem offenen Brief findet sich hier.