Interview
5. Februar 2022 6:00  Uhr

Kontinuität als Basis für eine hohe Dynamik

Seit 2012 ist Professor Wolfgang Baier Präsident der OTH Regensburg. Mit ihm an der Spitze ist die Hochschule enorm gewachsen. Am 15. März übergibt er sein Amt an Professor Ralph Schneider – am Beginn einer neuen Ära der Hochschule.

Prof. Dr. Wolfgang Baier (links) übergibt im März die Leitung der OTH an Prof. Dr. Ralph Schneider. Foto: Florian Hammerich

Von Gerd Otto und Thorsten Retta

Herr Professor Baier, Mitte März übergeben Sie Ihr Amt als Präsident der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg OTH an Professor Ralph Schneider. Wäre es reizvoll gewesen, für eine weitere Amtszeit zu kandidieren?

Prof. Dr. Wolfgang Baier: Obwohl das Amt des OTH-Präsidenten eine reizvolle Aufgabe ist und ich mich durchaus fit fühle, bin ich überzeugt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, den Stab weiterzugeben. Wir stehen am Beginn einer neuen Ära. Das Hochschulinnovationsgesetz, das wohl zeitnah verabschiedet werden wird, trägt dazu maßgeblich bei. Wir als eine der forschungsstärksten Hochschulen in Bayern werden davon sehr profitieren. Es ist sinnvoll, in diese Zeitenwende mit jemandem an der Spitze zu gehen, der jünger ist und diese neuen Wege langfristig mitgehen kann.

Herr Prof. Schneider, was hat Sie an dem Amt gereizt?

Prof. Dr. Ralph Schneider: Ich bin vor 17 Jahren hierher als Professor an die Fakultät Maschinenbau gekommen. Das war für mich der Traumjob. Mit jungen Leuten zu arbeiten, ihnen etwas mit auf den Weg geben zu können – das finde ich toll. Daneben habe ich mich in der Selbstverwaltung der Hochschule engagiert. Ich war Frauenbeauftragter an der Fakultät, war im Hochschulsenat – dort später auch Vorsitzender – und wurde vor vier Jahren Vizepräsident für Studium und Lehre an der OTH. Ich wuchs in viele Themen hinein und durfte die Hochschule mitgestalten. Der kritische Austausch mit den Kollegen und die Möglichkeit, Ideen konstruktiv umzusetzen, erfüllen mich ebenso. Das neue Amt vereint all das: Ich kann mich für junge Leute engagieren, die Entwicklung der Institution steuern und einen Mehrwert für die Region generieren.

Sie übernehmen die Hochschule in einer Phase, die immer noch von Corona geprägt ist. Was sind Ihre Ziele?

Prof. Schneider: Mit Blick auf die Studierendenzahl wird der Fokus nicht darauf liegen, uns quantitativ weiterzuentwickeln. Es wird auf die qualitative Entwicklung der Hochschule ankommen. Wir müssen unser Studienangebot attraktiv halten – auch mit Blick auf das Thema Weiterbildung.

Wir wollen weder klein noch Universität sein. Wir wollen Hochschule für angewandte Wissenschaft sein und hier eine große Rolle spielen.

Welche Rolle spielt dabei die Wirtschaft in der Region?

Prof. Schneider: Natürlich haben wir erstmal die Studierenden und deren Bedürfnisse im Blick. Aber wir müssen auch die Unternehmen sehen. Wir bilden nicht im luftleeren Raum aus, sondern für die Region. Die Arbeitswelt verändert sich und wir als Hochschule müssen uns dem anpassen.

Sehen Sie die Nähe zur Wirtschaft vor diesem Hintergrund auch kritisch?

Prof. Schneider: Überhaupt nicht. Als Hochschule für angewandte Wissenschaften können wir gar nicht nah genug an den Unternehmen sein. Es ist unsere Aufgabe, Dinge aus der Grundlagenforschung heraus in die industrielle Anwendung zu bringen. Die Nähe zur Wirtschaft ist hierfür unabdingbar. Wir müssen wissen, was auf Unternehmerseite benötigt wird.

Prof. Baier: Wir waren immer eine Hochschule, die sich an den Bedürfnissen der Region orientiert hat. Das hat unserer Entwicklung gutgetan und das hat der Entwicklung der Region gutgetan. Im Übrigen ist es ein großer Vorteil, dass wir in Deutschland über zwei Hochschularten verfügen, die sich ergänzen. In enger Kooperation miteinander ist es möglich, die gesamte Wertschöpfungskette der Forschung abzudecken – von der Grundlagenforschung über die angewandte Forschung bis zur Applikation in den Unternehmen. Das bedeutet freilich keineswegs, dass nicht auch an der OTH Kollegen tätig sind, die grundlagenorientiert arbeiten, und umgekehrt an der Universität ebenfalls anwendungsorientierte Forschung betrieben wird. Gerade deshalb ist es für mich immer ein Ärgernis gewesen, wenn gefragt wurde, ob wir wohl eine kleine Universität sein wollten. Da kann ich nur sagen: Wir wollen weder klein noch Universität sein. Wir wollen Hochschule für angewandte Wissenschaft sein und hier eine große Rolle spielen.

Herr Professor Baier, als Sie im März 2012 ins Amt kamen, hatte die OTH 8700 Studierende. Heute sind es 11.000, es gibt Außencampus, die Hochschule ist räumlich enorm gewachsen. Woran machen Sie die bemerkenswerte Entwicklung grundsätzlich fest?

Prof. Baier: Die hohe Kontinuität in der gesamten Hochschulleitung ist ein wichtiger Grund. Alle Gremien wurden stets eingebunden, wodurch es in der Tat zu keinen größeren Konflikten kam. Wir haben es in diesem Geiste auch geschafft, Technische Hochschule zu werden, ohne dass sich mit den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zwei starke Fakultäten ausgeschlossen fühlen. Ein zweiter Grund: Wir haben die Hochschulentwicklung strategisch vorgenommen. Ich habe bei einem Besuch der Maschinenfabrik Reinhausen von deren Chef Dr. Nicolas Maier-Scheubeck eine Strategiematrix vorgestellt bekommen. Auf Basis dieses Konzepts haben wir die Möglichkeit geschaffen, auch auf stochastische Einflüsse flexibel regieren zu können. Wir mussten so unsere prinzipielle strategische Leitlinie nie verlassen. Das gab eine grundsätzliche Orientierung für die Entwicklung der Hochschule und sorgte für weitere Kontinuität.

Wir müssen auch die Unternehmen im Blick haben. Wir bilden ja nicht im luftleeren Raum aus, sondern für die Region.

Gab es ganz konkrete Themen in den vergangenen zehn Jahren, die für die Dynamik ausschlaggebend waren?

Prof. Baier: Gleich zu Beginn meiner Amtszeit den landesweiten Wettbewerb um die Technische Hochschule. Wir haben über diesen Prozess an Profil gewonnen und es geschafft, den Namen und wofür er steht – Aufbruch, Innovation, Modernität – in die Köpfe der Region zu bringen. Die Ernennung zur Technischen Hochschule hat uns in der Folge auch finanzielle Mittel verschafft, die wir gemeinsam mit der OTH Amberg-Weiden in verbundorientierte Forschungsaktivität investieren.

Corona hat auch Lehre, Leben und Arbeit an der Hochschule verändert. Wie nachhaltig wird das sein?

Prof. Schneider: So viel Schlechtes das Virus hat, es gibt auch positive Effekte. Wir wurden als Präsenzhochschule gezwungen, in den digitalen Betrieb zu gehen. Die Hochschule war drei Semester fast menschenleer. Es war teilweise gespenstisch. Aber wir haben gelernt, was mit digitalen Formaten möglich ist. Die Herausforderung besteht nun darin, die positiven Effekte der digitalen Welt ergänzend mit dem zusammenzubringen, was uns als Präsenzhochschule ausmacht.

Und das ist?

Prof. Schneider: Die reine, standardisierte Wissensvermittlung aus Lehrbüchern ist digital gut möglich. Die Diskussion und die Entwicklung von Lösungen für komplexe Fragestellungen dagegen klappt besser in Präsenz. Alle Professoren hier haben Berufserfahrung, diese Stärke sollen sie einbringen können. Ihr Erfahrungswissen ist optimal im direkten Austausch vermittelbar. Wir sind eine Präsenzhochschule und das wird auch so bleiben. Die digitalen Möglichkeiten sollen die Studierenden nicht davon abhalten, auf den Campus zu kommen. Hochschule ist mehr als das Ablegen von Modulen. Es geht um soziale Interaktion. Nicht ohne Grund sprechen wir vom Lebensraum Hochschule.

Seit einigen Jahren entstehen in vielen Regionen mit den Außencampus Außenstellen der Hochschule. Wie ist das mit der Campusidee vereinbar?

Prof. Baier: Wir sitzen hier in Regensburg in einer Großstadt, befinden uns aber dennoch in einem ländlich strukturierten Raum. Dieser Region sind wir verpflichtet. Wir möchten dorthin gehen, wo wir mit Blick auf Forschungsaktivitäten auf ein Umfeld treffen, in dem eine örtliche Nachfrage existiert. Das noch besser tun zu können, dafür boten sich durch die Regionalisierungsstrategie des Freistaates Bayern Chancen. Die nutzen wir, ohne aber die Entwicklung des Campus zu gefährden. Wir haben uns intern dagegen ausgesprochen, ganze Studiengänge explizit an externe Standorte zu verlagern, also Regelbetrieb aufzubauen mit dauerhaft beschäftigten Personen und Infrastruktur für Studierende.

Hat das geklappt?

Prof. Baier: In Abensberg, Cham und Tirschenreuth ist das idealtypisch umgesetzt. Abensberg hatte sich mit den angesiedelten sozialen Einrichtungen und uns am Wettbewerb „Partnerschaft Hochschule und Region“ beteiligt. Gesucht waren innovative Studienmodelle, welche die Hochschulen mit den Regionen verzahnen und dezentrale Angebote für Berufstätige bieten. Im Bereich Soziale Arbeit gab es vor Ort einen Bedarf an akademischer Weiterbildung. Viele Menschen waren in Führungsaufgaben gewachsen, aber gleichzeitig in ein Tarifgefüge eingebunden, das nicht Erfahrung und Kompetenz berücksichtigte, sondern eher Abschlüsse. Der Studiengang schuf für diese Gruppe ein akademisches Weiterbildungsangebot vor Ort. Die Region profitiert, und ebenso die OTH.

Inwiefern die OTH?

Prof. Baier: Wir konnten so institutionell die Voraussetzungen für digitale Lehre schaffen. Das war Kriterium für eine erfolgreiche Teilnahme am Wettbewerb. Das hat uns später während Corona natürlich ungemein geholfen.

Stabwechsel an der Hochschulspitze

Die Amtszeit von Prof. Dr. Wolfgang Baier als Präsident der OTH Regensburg endet turnusgemäß am 14. März 2022. Wolfgang Baier ist seit März 2012 Präsident der OTH. Er wurde 1994 als Professor an die OTH berufen. Von 2001 bis 2006 leitete er als Dekan die damalige Fakultät Allgemeinwissenschaften und Mikrosystemtechnik. Zudem war er von 2006 bis 2012 Vizepräsident für Forschung und Weiterbildung.

Prof. Dr. Ralph Schneider hat bereits in unterschiedlichen Funktionen Führungsverantwortung übernommen. Seit 2018 ist der Ingenieur aus der Fakultät Maschinenbau Vizepräsident für Studium und Lehre, Qualitätsmanagement und Organisation sowie Digitalisierung in der Lehre. Von 2009 bis 2018 war Schneider Vorsitzender des Senats und seit 2019 Inklusionsbeauftragter. An der Hochschule lehrt er seit 2004 unter anderem Regelungstechnik, Ingenieurinformatik und Simulationstechnik.

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