Interview
30. Mai 2020 6:00  Uhr

Künftige Lieferketten müssen robuster sein

Zwischen chinesischen Schnäppchenjägern, dem vergessenen Brexit und „roten Zonen“: Gespräch mit Prof. Dr. Christian Rödl, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Nürnberger Beratungsgesellschaft Rödl & Partner.

Prof. Dr. Christian Rödl ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Nürnberger Beratungsgesellschaft Rödl & Partner. Angesichts der Coronakrise stellt er fest: „In den Märkten passieren Dinge, die ich nicht für möglich gehalten habe.“ | Foto: Thomas Tjiang

Von Thomas Tjiang

Herr Professor Rödl, profitieren Sie davon, dass Beratung immer gefragt ist – in guten wie in schlechten Zeiten?

Prof. Dr. Christian Rödl: Beratung wird in der Tat zu allen Zeiten gebraucht. Aber in guten Zeiten ist der Bedarf für einige Dienstleitungen, die wir seit vielen Jahren anbieten, höher. In guten wie in schlechten Zeiten sind wir als unabhängig agierender Mittelstandsberater gefragt, Unternehmen bei Investitionen zu begleiten, beim Gang ins Ausland, beim Zukauf von Unternehmen oder bei Immobilientransaktionen. Auch Private-Equity-Gesellschaften schätzen unsere Expertise. Wir sind an der Seite vieler Unternehmen bei Liquiditätsrechnungen, beispielsweise zur Vorbereitung von Bankgesprächen. Eine spürbare Nachfrage erleben wir derzeit in den meisten unserer 49 Länder nach Lösungen unternehmerischer Herausforderungen, die wegen Corona eine neue Zuwendung erfahren, zum Beispiel Arbeitsrecht oder Restrukturierungen.

Sind jetzt in der Coronakrise auch Schnäppchenjäger unterwegs, die sich Notverkäufe sichern wollen?

Wir beobachten tatsächlich, dass die Schnäppchenjäger schon unterwegs sind. Wir sehen zudem Anzeichen, dass sich vor diesem Hintergrund asiatische Adressen den Markt genauer anschauen. Wir wurden über Beratungsgesellschaften entsprechend kontaktiert. Das Wort „Schnäppchenjäger“ hört sich allerdings negativ und nach Ausverkauf an. Wir haben auch Mandanten, die über ein sehr solides Finanzpolster verfügen und jetzt Unternehmen übernehmen, die eine sehr interessante Ergänzung ihres Portfolios sind. Das sind Ereignisse, die für die Käufer, aber auch für deren Mitarbeiter von großem Vorteil sein können. In der Finanzmarktkrise 2008 waren einige Private-Equity-Gesellschaften auffallend erfolgreich, weil sie mutig bei großen Chancen und großen Risiken zugegriffen haben. Aktuell haben die Finanzinvestoren reichlich Geld, die Fonds sind voll. Diese Liquidität will angelegt werden.

Geld in der Kasse ist oberstes Gebot in der Coronakrise. Wie ist gerade der familiengeführte Mittelstand hier aufgestellt?

Das kann man über die Branchen hinweg nicht pauschal sagen. Es gibt Unternehmen, die waren schon in den letzten Jahren bei guter Konjunktur problembehaftet. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es jedoch gar nicht so wenige Unternehmen, die in den letzten zehn Jahren sehr erfolgreich waren. Die Entrepreneure haben klug investiert, ihre Kosten im Griff behalten und sind jetzt frei von jeglichen Bankverbindlichkeiten. Probleme gibt es zwar, denn ihre Unternehmen wachsen nicht weiter, aber Sorgen machen müssen sie sich nicht. Dann gibt es noch viele Unternehmen dazwischen. Für sie ist es jetzt trotz aller Hilfsmaßnahmen wichtig, dass die Konjunktur wieder anspringt, dass Unternehmen und der Staat investieren und Konsumenten Ausgaben tätigen.

Ich habe schon lange kein Gespräch mehr über den Brexit geführt. Die Brisanz des Brexits ist fälschlicherweise etwas in den Hintergrund getreten.

Halten Sie jetzt eine Abwrackprämie 2.0 für angemessen?

In der letzten Finanzmarktkrise war die Abwrackprämie trotz der Vorzieheffekte sehr wichtig. Deswegen bin ich jetzt auch nicht gegen eine Prämie. Ich halte es aber für noch besser, wenn gerade steuerliche Maßnahmen, die schon lange fällig sind, nun endlich mal umgesetzt werden. Dazu zählt beispielsweise wieder eine attraktive, degressive Abschreibung, um Investitionsentscheidungen zu erleichtern, und die Abschaffung des Soli für alle, die Konsumenten mehr Geld in der Tasche lässt und Betriebsgewinne entlastet. Und wenn die Politik ganz mutig ist, reduziert sie die Umsatzsteuer für alle.

Können Unternehmer heute ihr Wirtschaftsstudium getrost vergessen, weil negative Zinsen und negative Ölpreise jeder BWL- oder VWL-Vorlesung Hohn spotten?

In den Märkten passieren Dinge, die ich nicht für möglich gehalten habe, auch wenn man im Nachhinein einen negativen Ölpreis durch missglückte Geschäfte mit Finanzinstrumenten erklären kann. Aber die Grundregeln der Ökonomie gelten immer noch: Man kann nur das Geld ausgeben, das man verdient hat oder später mal verdienen wird. Man braucht grundsätzlich immer mehr Umsatz als Kosten.

Welche Lektionen ergeben sich aus dem vorübergehenden Zusammenbruch globaler Wertschöpfungsketten?

Die günstigste Variante bei der Beschaffung darf man nicht nur anhand der Kosten beurteilen, die in dem Fall entstehen, den wir für den Normalfall halten. Der Aufbau künftiger Lieferketten muss robuster sein und solche Ereignisse wie die aktuelle Pandemie, mit Grenz- und Werksschließungen oder sogenannten „roten Zonen“, mit einbeziehen. Die Lieferketten wurden mit Einzellieferanten und zu wenig Diversität zu aggressiv aufgebaut. Das lässt sich natürlich im Nachhinein leicht sagen. Hätte man vor zwei Jahren zusätzlich einen Lieferanten in Europa aufbauen wollen, hätte man dafür in den Unternehmen kaum Unterstützung gefunden. Die Neuordnung der Lieferketten wird Europa einen Vorteil bringen.

Haben die Firmen angesichts der Coronakrise die Gefahr eines ungeregelten Brexits zum Jahresende noch im Blick?

Ich habe schon lange kein Gespräch mehr über den Brexit geführt. Die Brisanz des Brexits ist fälschlicherweise etwas in den Hintergrund getreten, weil alles durch Corona überstrahlt wird. Es dominieren Beschaffungs- und Absatzthemen.

Zeigt sich in der Krise eine Verbindung zu den Themen Nachhaltigkeit und CO2-Verbrauch?

Wir sehen jetzt als positive Auswirkung des Lockdown und der wirtschaftlichen Abschwächung erstaunliche Effekte auf das Klima und beispielsweise die Luftreinheit. Das wird nicht so bleiben, wenn die Produktion wieder ihr vorheriges Niveau erreicht. Aber eine positive Begleiterscheinung regionalerer Lieferketten besteht schon darin, dass Transportwege verkürzt werden. Das empfinde ich auch als positiv. In der Vergangenheit hat sich die Optimierung der Lieferketten auf Kostenbasis vielleicht doch etwas überhitzt und die ökologischen Folgen sind auch nicht richtig eingepreist. Es wird CO2 emittiert, ohne dass ein entsprechender Preis gezahlt wird.

Zur Person

Christian Rödl, Jahrgang 1969, ist der Sohn des Nürnberger Kanzleigründers Bernd Rödl. Der verheiratete Familienvater studierte Rechtswissenschaft unter anderem in Frankreich und den USA. Nach seinem Studium und weiteren Stationen stieg er 1999 als Rechtsanwalt und später auch als Steuerberater in die Kanzlei ein. Vater Rödl hatte nach dem Mauerfall zunächst in Ostdeutschland neue Standorte aufgebaut und als erste deutsche Familienkanzlei Flagge im chinesischen Shanghai gezeigt. Sein beruflicher Fokus liegt unter anderem in der Beratung bei Umstrukturierungen und Gesellschaftsverträgen sowie der Begleitung internationaler Unternehmensgruppen.