Karriere
4. Januar 2022 5:53  Uhr

Künstliche Intelligenz wird zum Wachstumstreiber

KI kann vieles besser als der Mensch. Sie deshalb in erster Linie als Konkurrenz zu verstehen, wäre aber ein Fehler. Vielmehr wird sie in vielen Branchen dazu beitragen, dass Wachstum trotz Fachkräftemangel möglich ist.

Diagnosen, Vorhersagen oder lästiger Bürokram: Künstliche Intelligenz wird uns in Zukunft viel Arbeit abnehmen. Foto: sdecoret – stock.adobe.com

Von Claudia Rothhammer

PASSAU. Digitalisierung, vierte industrielle Revolution, Internet der Dinge – wie man den Wandel auch benennt, die Auswirkungen auf die Arbeitswelt werden enorm sein. Und nicht erst in einigen Jahrzehnten. Wir sind mitten im Transformationsprozess, sagt Daniel Rother, Branchenbetreuer Industrie und Digitalisierungsberater bei der IHK Niederbayern: „Der digitale Wandel hat in der regionalen Wirtschaft längst begonnen und wird so schnell nicht vorbei sein. In der Digitalisierung gibt es keinen Schlusspunkt, an dem alle Hausaufgaben erledigt sind und man sich zurücklehnen könnte.“

Der Wandel hat kein Ende

Der digitale Wandel bleibt eine Herausforderung für alle Unternehmen, egal wie weit sie in ihrer Entwicklung sind. „Wir haben digitale Vorreiter, die international taktangebend sind, ebenso wie Betriebe, die einen Digitalisierungsstau vor sich herschieben oder die das Potenzial sowie die Tragweite dieser Entwicklung für das eigene Geschäftsmodell noch gar nicht voll erfassen konnten“, erläutert Rother. Doch bald wird durch den zunehmenden Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) der digitale Transformationsprozess Fahrt aufnehmen.

Denn KI kann große Datenmengen schnell analysieren und Muster im scheinbaren Datenchaos erkennen. Sie ist dem Menschen mittlerweile in vielen Anwendungen überlegen, wenn es um Diagnosen und Vorhersagen geht. Patrick Glauner, Professor für künstliche Intelligenz an der Technischen Hochschule Deggendorf, beschreibt das am Beispiel der Radiologie: „KI kann auf große Datenmengen trainiert werden und deshalb Dinge erkennen, die ein Radiologe teils nicht sehen würde.“ Dennoch mache KI den Arzt nicht überflüssig, sie unterstütze ihn nur. „Sie stellt eine Empfehlung aus, aber am Ende muss ein Mensch entscheiden, was zu tun ist. KI unterstützt den Radiologen in seiner Arbeit. KI hat überhaupt nicht das Ziel, alle Leute arbeitslos zu machen. Es geht vielmehr darum, dass Unternehmen ihre Aufgaben in Zukunft überhaupt noch erfüllen und ausführen können.“ Schließlich fehle es vielerorts an Personal. Der Fachkräftemangel werde sich in den kommenden Jahren noch verstärken, wenn die Babyboomer in Rente gehen. „Uns werden dann noch mehr Experten fehlen als heute. Dann geht es nicht mehr darum, ob man durch den Einsatz von KI Stellen in der Radiologie abbauen kann, sondern darum, ob man hier auf dem Land überhaupt noch Radiologie oder eine gute Gesundheitsversorgung anbieten kann.“ Das Beispiel könne man auf viele Branchen übertragen.

KI ist keine Bedrohung

KI sollte deshalb nicht als Bedrohung empfunden werden. „Wenn man die freien Stellen nicht mit Fachkräften besetzen, sondern mit KI bestimmte Prozesse automatisieren kann, ist das doch gut. Nur so können die Unternehmen noch wettbewerbsfähig bleiben. Sonst haben sie ja gar kein Personal mehr, das die anfallenden Aufgaben erledigen kann“, führt Professor Patrick Glauner weiter aus. Und dass sich die Arbeitswelt verändert, liege in der Natur der Sache. Berufe unterliegen ständig der Veränderung. „Wenn man sich die industrielle Revolution ansieht, wurden primär physische Tätigkeiten ersetzt. Jetzt geht es darum, Bürojobs nach und nach zu automatisieren. Ein Dachdecker wird von dem Wandel weitaus weniger betroffen sein als ein Buchhalter. Aber man wird in vielen Bereichen nach wie vor Menschen brauchen, eben weil es jemanden geben muss, der abschließend Entscheidungen trifft, sich komplexen Fällen oder anderen Menschen zuwendet.“

Dabei wären Systeme, die auf KI basieren, schon heute in der Lage, Entscheidungen autonom zu treffen. Ein Forschungsteam der Universitäten Passau und Bayreuth hat untersucht, wie Bankberater reagieren, wenn sie Entscheidungskompetenz an ein KI-System abgeben müssten. Normalerweise entscheiden Bankberater, ob ein Kredit vergeben wird und zu welchen Konditionen. In der Studie traf die Entscheidungen ein KI-System. Der Berater konnte die Entscheidung weder verändern noch ablehnen, musste sie aber den Kunden gegenüber kommunizieren und rechtfertigen.

Gefahr von Identitätsverlust

Das Ergebnis der Studie: Beschäftigte mit langjähriger Berufserfahrung fühlten sich ihrer Identität beraubt und abgewertet. Berater, die erst kürzlich in das Geschäft eingestiegen sind oder vorher in einer anderen Abteilung tätig waren, fühlten sich durch die Technik sicherer. Sie haben das KI-System als Chance begriffen, vollumfänglich in der Kreditberatung arbeiten zu können. Die Studie verdeutliche Potenziale und Gefahren eines KI-Systems, fasst Marina Fiedler zusammen. Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Management, Personal und Information in Passau und warnt: „Für viele Organisationen besteht das Risiko, dass sie bei der Einführung eines solchen Systems den Mitarbeitenden ihre Einflussmöglichkeiten nehmen. Das ist aber eines der grundlegendsten Bedürfnisse des Menschen. Organisationen sollten darauf achten, dass Mitarbeitende weiterhin eine sinnstiftende Antwort auf die Frage ‚Wer bin ich am Arbeitsplatz?‘ finden.“ Organisationen sollten deshalb nicht einfach so ein KI-System einführen und darauf hoffen, dass die Beschäftigten das Beste daraus machen werden.

Glauners Rat an Unternehmen: „KI wird nicht von heute auf morgen jeden Beruf ersetzen, aber es passiert in Schritten. Wenn man dem Wandel offen gegenüber ist und ihn aktiv mitgestaltet, kann man als Gewinner hervorgehen.“ Für Mitarbeiter werden lebenslanges Lernen und Weiterbildungen noch wichtiger werden. Davon geht auch Rother aus. „Aber wir sollten nicht vergessen: Jede KI ist nur so gut, wie sie trainiert und programmiert wurde. Ihren Nutzen und ihren Sinn erfährt KI somit durch die menschliche Intelligenz und Kreativität, mit der sie entwickelt und dann in der Praxis eingesetzt wird.“

Interview

Wir brauchen kreative Köpfe

Daniel Rother, Branchenbetreuer Industrie und Digitalisierungsberater bei der IHK Niederbayern, sieht den Menschen auch zukünftig als Gestalter und Mittelpunkt von Arbeitsprozessen.

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