Interview
23. November 2020 6:05  Uhr

Kultur ist der Kitt, der uns zusammenhält

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist nicht nur gesellschaftlich von enormer Bedeutung, sondern auch als Wirtschaftsfaktor. Carola Kupfer fordert im Interview deshalb mehr Solidarität – und schnelle Hilfen.

Statement #alarmstuferot am Stadttheater Regensburg: Mit abendlicher roter Beleuchtung protestieren die bayerischen Theater und andere Kulturveranstalter gegen den erneuten Lockdown. | Foto: Matthias Hinz

Von Stephanie Burger

Carola Kupfer hat keine Zeit zu verlieren. Sie ist zurzeit eine gefragte Ansprechpartnerin der Medien. Kein Wunder, vertritt sie doch eine der Branchen, die am meisten unter der Coronakrise leiden. Ohne Umschweife und in druckreifen Sätzen kommt sie im Interview auf den Kern dessen, was die Kultur- und Kreativwirtschaft fordert: bessere Hilfsstrukturen, die nicht einen Großteil der Betroffenen, insbesondere die Soloselbstständigen, durchs Raster fallen lassen.

Frau Kupfer, was hat die Coronakrise mit den Kulturschaffenden in der Region gemacht?

Carola Kupfer: Ohne Frage hat sie die Kulturschaffenden schwer getroffen. Aber um die Auswirkungen der Krise im Detail verstehen zu können, müssen wir von der Kultur- und Kreativwirtschaft im Ganzen sprechen. Dazu gehören Künstler im eigentlichen Sinne, aber beispielsweise auch Werbeagenturen. Während Erstere fast durchweg schwer betroffen sind, hängt es bei Letzteren sehr von deren Kundenstruktur ab. Ein Glücksfall ist, systemrelevante Kunden zu haben. Die Krisenbetroffenheit stellt sich also in den elf Teilmärkten der Branche unterschiedlich dar. Autoren beispielsweise veröffentlichen üblicherweise im Frühjahr oder im Herbst. Die neuen Bücher konnten zwar erscheinen, aber sang- und klanglos, weil Messen, Lesungen und Pressearbeit fehlten.

Gibt es in Ihrem Umfeld Kollegen, die schon aufgeben mussten?

Ja, eine Agentur aus der Veranstaltungsbranche, die seit 20 Jahren auf dem Markt war und namhafte Großkunden hatte. Aus dem ersten Lockdown ist sie noch mit einer schwarzen Null herausgekommen, weil sie als eine der ersten in Deutschland das System Autokino entwickelt hatte. Aber das Thema war dann irgendwann durch – und die Agentur stand vor dem Nichts. Und dann kenne ich noch eine Reihe von Freiberuflern, Musikern und darstellenden Künstlern, die den Job gewechselt haben. Das Problem ist, dass es oft keinen Weg mehr zurück gibt. Für Gesellschaft und Wirtschaft ist das ein großer Verlust. Denn diese Menschen zahlen Steuern und sorgen dafür, dass Menschen Geld ausgeben und Steuern zahlen. Sie machen durch ihre Arbeit andere Unternehmen bekannt, sodass diese mehr Umsatz machen und Steuern zahlen. Die Branche ist ein enormer Wirtschaftsfaktor. Sie kommt in Bayern nach Umsatz an dritter Stelle hinter der Automobil- und der Gesundheitsbranche.

Wie bewerten Sie die staatlichen Hilfen?

Das Problem ist, dass sie bei vielen Kulturschaffenden gar nicht angekommen sind. Manche Künstler bekamen Hilfen aufgrund der Tatsache, dass sie in der Künstlersozialkasse versichert sind, größere Agenturen schafften es, mithilfe von Steuerberatern an Hilfen zu kommen. Aber an den vielen, vielen Soloselbstständigen der Branche ging das bayerische Unterstützungsprogramm vorbei, vor allem, weil es keine Rücksicht darauf genommen hat, dass diese Menschen zumeist von zu Hause aus arbeiten und kaum Betriebskosten haben. Und an diesem Punkt möchten wir sowohl als regionaler Verein als auch als Landesverband den Finger in die Wunde legen. Es muss mit den neuen Hilfen unbedingt besser laufen. Wir haben deshalb auch die von der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt initiierte Petition, in der eine Nachbesserung des Programms gefordert wird, unterzeichnet.

Aber von der Bundesregierung gibt es doch das Signal, bestehende Förderlücken zu schließen. Ist die Umsetzung des Programms das Problem?

Ja, vom Bund gibt es die klare Ansage. Aber der Knackpunkt ist, dass die Umsetzung den Ländern obliegt. In Baden-Württemberg würde ich mir als Künstlerin weniger Sorgen machen, in Bayern allerdings schon. Denn wir haben hier ein Zuständigkeitsproblem. Unsere Branche ist auf verschiedene Ministerien verteilt. So hat beispielsweise der Kulturminister nicht unbedingt den Grafiker auf dem Schirm – und der Wirtschaftsminister nicht den bildenden Künstler. Dadurch entstehen Insellösungen, der ganzheitliche Blick fehlt. In Regensburg hingegen gibt es dieses Inseldenken nicht, das Amt für Wirtschaftsförderung blickt übergreifend auf unsere elf Teilbranchen. Das ist ein großer Vorteil der Clusterpolitik am Standort.

Können Sie die Argumentation für den Teil-Lockdown nachvollziehen, also dass man bei der Kontaktreduktion im Bereich Freizeit ansetzt?

Ja, das kann ich durchaus, ich sehe aber auch, dass weder die Speisegastronomie noch die Veranstaltungslocations die großen Pandemietreiber waren und sind. Die Betreiber haben viel in Hygienekonzepte investiert, auch weil sie von der Politik dazu aufgefordert wurden. Deshalb ist der erneute Stillstand bitter. Aber klar, den Grundansatz der Politik verstehe ich natürlich. Und ich möchte auch mit keinem Politiker tauschen. Die in Dilemmasituationen getroffenen Entscheidungen erzeugen dennoch viele Ungerechtigkeiten.

Was würden Sie sich von der Politik noch wünschen oder erhoffen?

Auf jeden Fall, dass dieses Mal die Hilfen nicht wieder in die typischen Kanäle gestopft werden. Damit meine ich zum Beispiel die Autobranche. Und ich wünsche mir, dass wir endlich auch als Innovationsbranche wahrgenommen werden. Viele Ideen, aus denen später technologische Innovationen werden, kommen aus dem Pool der Kreativwirtschaft. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um zu überlegen, wohin Geld fließen sollte. Wenn die Antwort lautet, in die Bereiche, die sinnvoll, nachhaltig und zukunftsfähig sind, dann kann ich nur sagen – unsere Branche ist genau das. Von der Landespolitik wünsche ich mir, dass wir mit am runden Tisch sitzen, wenn es um die Hilfsprogramme geht. Man lädt zwar inzwischen einzelne Künstler dazu ein, aber eben nicht die Verbände. Es herrscht inzwischen in der Szene auch Misstrauen gegenüber der Politik, weil es mit den Hilfen bislang nicht geklappt hat.

In Baden-Württemberg würde ich mir als Künstlerin weniger Sorgen machen, in Bayern allerdings schon. Denn wir haben hier ein Zuständigkeitsproblem.

Sehen Sie auch ein Versäumnis bei der Kreativbranche, beispielsweise nicht geschlossen genug aufzutreten?

Nein. Mit dem Bayerischen Landesverband sind wir erst im April diesen Jahres, mitten in der Coronakrise, an den Start gegangen. Das Forum Kultur- und Kreativwirtschaft gibt es seit vier Jahren. Auf beiden Ebenen sind wir angetreten, um die Vernetzung der Teilbranchen herzustellen. Wir sehen uns auf einem guten Weg. Und gerade in Regensburg erleben wir, welchen Mehrwert diese Vernetzung schafft. Es ist bereits sehr viel Neues entstanden – unterstützt durch ein Clustermanagement. Unser Kultur- und Kreativcluster gilt übrigens als Vorbild für andere Städte und Regionen.

In Ihrer Branche sind viele coronabedingte Innovationen entstanden. Wird davon etwas bleiben?

Ja, sehr viel sogar. Unsere Gesellschaft ist nur bedingt offen für Neues. Jetzt war sie gezwungen, sich zu öffnen und hat die Vorteile der Digitalisierung, zum Beispiel von Online-Events oder einem online gut positionierten lokalen Handel, erkannt. Und selbstverständlich wird diese Pandemie künstlerisch verarbeitet. Da werden wir noch spannende Ergebnisse sehen. Aber der Preis dafür ist natürlich hoch.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sie länger auf Kultur verzichten muss?

Ich glaube, unsere Gesellschaft würde auf Dauer ratlos zurückbleiben. Menschen brauchen kulturelle Angebote, um sich darüber mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Die Kunst hat ja neben der Unterhaltung auch eine Katalysatorenfunktion, sie stößt Prozesse an und verhandelt die großen gesellschaftlichen Themen. Sie ist so eine Art Kitt, der uns zusammenhält. Ich sehe große Probleme auf uns zukommen, sollte der Verzicht länger dauern. Das ist auch nicht mit Hilfen aufzufangen, so notwendig diese auch sind. Denn es fehlen eben Auftritte, Konzerte, Ausstellungen, Installationen und vieles, vieles mehr. Und am Ende werden wir schauen müssen, was von der Branche noch übrig ist. An dieser Stelle kommen doch wieder die finanziellen Hilfen ins Spiel.

Carola Kupfer hat Kunstgeschichte, Archäologie und Romanistik an der Universität Würzburg studiert. Seit 1992 arbeitet sie selbstständig als freie Schriftstellerin, Texterin und Ghostwriterin. Sie ist auch Mitinitiatorin des bundesweiten Bildungsprojekts „buch-macht-schule-de“, in dem Schüler ab der sechsten Klasse fächerübergreifend ein Buch schreiben. Kupfer ist Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS Ostbayern) sowie Gründerin und erste Vorsitzende des Forum Kreativwirtschaft e. V. in Regensburg. Als Gründungspräsidentin des Bayerischen Landesverbandes der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK) e. V. ist Carola Kupfer auch politisch aktiv.

Foto: Schafbauer