Interview
19. Juli 2021 15:59  Uhr

Langfristigkeit ist die beste Garantie für Erfolg

Florian Lingl, Kundenberater bei der R & M Vermögensverwaltung GmbH in Wackersdorf, erklärt im Gespräch, welchen Einfluss Corona auf das Inflationsgeschehen hat – und warum Altersvorsorge heute so leicht ist wie noch nie.

Florian Lingl | Foto: R&M Vermögensverwaltung

Von Robert Torunsky

Herr Lingl, ist die steigende Inflationsrate ein temporäres Phänomen?

Florian Lingl: Inflations- und Zinsentwicklungen einer Volkswirtschaft sind die mit am schwersten zu prognostizierenden Entwicklungen überhaupt. Tendenziell spricht derzeit allerdings sehr vieles für ein temporäres Phänomen einer deutlich erhöhten Inflationsrate für das Kalenderjahr 2021 und eine Abschwächung ab 2022. Diese Einschätzung kommuniziert derzeit auch die EZB und hält deshalb auch weiterhin an ihrer sehr expansiven Geldpolitik fest. Eine Abschwächung der Inflationsrate ab dem nächsten Jahr ist aufgrund des Wegfalls des sogenannten Basiseffekts und der extrem gestiegenen Rohölpreise in diesem Jahr, die sich zumindest in dieser Größenordnung in den nächsten zwölf Monaten nicht wiederholen dürften, wahrscheinlich. Eine Inflation etwas über der von der Zentralbank gewünschten Zielinflation von 2,0 Prozent per annum könnte allerdings auch in den nächsten Jahren erreicht werden und würde von den Währungshütern auch toleriert werden. Sollten sich die derzeitigen Erwartungen allerdings nicht erfüllen und die Inflation dauerhaft deutlich erhöht bleiben, so sollte auch die EZB dieser Inflation durch einer Abschaffung der Strafzinsen und gegebenenfalls weiteren Zinserhöhungen entgegenwirken, um langfristig nicht ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Welchen Einfluss hat Corona auf die aktuell erhöhte Inflationsrate in Deutschland?

Die Coronapandemie und die daraus resultierende kurze, aber sehr scharfe Rezession im Jahr 2020 hat aus unserer Sicht einen sehr großen Einfluss auf die hohen Inflationsraten. Zum einen ging durch die extremen Lockdown-Maßnahmen die Nachfrage nach Rohstoffen und insbesondere Rohöl massiv zurück. Dieser Preisschock wurde allerdings sehr schnell wieder aufgeholt, was in diesem Jahr im Vergleich zum vergangenen Jahr naturgemäß enorme Preissteigerungen mit sich bringt. Zum anderen konnte die Bevölkerung aufgrund der drastischen politischen Einschränkungen eine sehr lange Zeit quasi keinen Konsum ausüben. Notgedrungen stieg die Sparquote der privaten Haushalte auf ein Rekordhoch an. Dieses angesparte Geld steht jetzt nach den weitgehenden Lockerungen als Konsummöglichkeit zur Verfügung und treibt die Preise in sehr vielen Branchen extrem nach oben.

Welche Anlageform empfehlen Sie für risikoaverse Anleger als Alternative zum Tages- oder Festgeldkonto?

Tages- und Festgeldkonten gelten schon seit ein paar Jahren nicht mehr als klassische Anlage, da diese keinerlei Rendite mehr erwirtschaften und wirklich nur als Notgroschen vorgehalten werden sollten. Für den überschüssigen Teil des Geldes empfehlen wir bei risikoaversen Anlegern grundsätzlich vermögensverwaltende Mischfonds. Je nach Ausprägung der Risikoaversion können dabei defensive Mischfonds beziehungsweise flexible Mischfonds eingesetzt werden. Diese Fonds sind durch ihren begrenzten Aktienanteil, den sie auch jederzeit an politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen anpassen können, immer noch in der Lage eine durchschnittliche Zielrendite von 2,0 bis 4,0 Prozent per annum zu erzielen. Für diese Rendite müssen allerdings auch begrenzte Kursschwankungen akzeptiert werden. Einen vollständig risikolosen Ertrag gibt es beim derzeitigen Zinsumfeld definitiv nicht.

Was bedeutet die aktuelle Entwicklung für die Altersvorsorge?

Die Altersvorsorge, speziell für jüngere Menschen, war in meinen Augen noch nie so leicht wie heute. Das klingt auf den ersten Blick paradox – ist aber so. Der Grund ist schlichtweg die Alternativlosigkeit. Junge Menschen müssen ihre Reserven, die langfristig zur Verfügung stehen in aktienlastige Fonds investieren. Sei es über eine Einmalanlage oder regelmäßige monatliche Sparpläne. Dabei spielen auch Kursschwankungen aufgrund des teilweise sehr langen Anlagehorizonts von über 30 Jahren kaum eine Rolle, da diese über die regelmäßigen Sparraten und den Coast-Average-Effekt geglättet werden.

Was empfehlen Sie?

Man sollte in renditestarke Fonds über ein flexibles Wertpapierdepot investieren, um jederzeit auch auf persönliche Veränderungen reagieren zu können. Langfristigkeit und keine Angst vor Kursschwankungen sind für den langfristigen Vermögensaufbau, also die Altersvorsorge, in diesen Zeiten unabdingbar. Wenn die erarbeiteten Strategien konsequent umgesetzt und auch in schwierigen Börsenzeiten fortgeführt werden, kann man durchaus noch jährliche durchschnittliche Renditen von 5 bis 7 Prozent per annum erzielen.