Kreativwirtschaft
21. September 2021 6:59  Uhr

Das Erwachen nach dem Dornröschenschlaf

Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat durch Corona auch in Ostbayern stark gelitten. Aus der Krise heraus entstanden in den letzten Monaten aber auch völlig neue Formate.

Normalerweise kommen bis zu 80.000 Besucher im August nach Furth im Wald, um den Drachenstich mitzuerleben. Dieses Jahr gab es zumindest eine Reihe kleinerer Ersatzveranstaltungen. Foto: Tourist-Info Furth im Wald

Von Maria Stich

OSTBAYERN. Die Kulturbranche ist der zweitgrößte Wirtschaftszweig in Deutschland, noch vor der chemischen Industrie, der Energieversorgung und Finanzdienstleistern. Laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) erzielte vor der Coronapandemie nur der Fahrzeugbau eine noch größere Bruttowertschöpfung. So lag der Umsatz der Kultur- und Kreativwirtschaft im Jahr 2019 bei 174,1 Milliarden Euro, allein in Bayern wurden 37,5 Milliarden Euro umgesetzt.

Die Zahl der Kernerwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft beläuft sich auf bundesweit insgesamt über 1,2 Millionen Menschen, rund 20 Prozent von ihnen sind selbstständig. Zu den erwerbswirtschaftlich orientierten Unternehmen kommen außerdem Einrichtungen in der Trägerschaft von Ländern oder Kommunen hinzu, also beispielsweise Theater, Museen und Veranstaltungsstätten. Die Kultur- und Kreativwirtschaft gilt als eine der Zukunftsbranchen überhaupt, die Motor für Innovation und Transformation sein kann. Allerdings waren Kulturschaffende und Kreative auch eine der Gruppen, die durch die Beschränkungen in der Coronapandemie am stärksten gelitten haben und noch immer leiden.

Kultur als Standortfaktor

Die Bayern Innovativ GmbH schätzt, dass die Umsätze der Kultur- und Kreativwirtschaft von 2020 auf 2019 in Bayern um 5,7 Milliarden zurückgegangen sind. Da die Branche sehr heterogen ist, verteilen sich diese Einbußen ganz unterschiedlich auf die einzelnen Teilmärkte, wie auch das Amt für Wirtschaft und Wissenschaft der Stadt Regensburg mitteilt: „Vor allem der Musikmarkt und der Markt für darstellende Künste erlitten starke Umsatzeinbußen. Soloselbstständige sahen sich mit negativen Auswirkungen auf ihre Selbstständigkeit konfrontiert und mussten Rücklagen für die Existenzsicherung nutzen.“ Seit einigen Monaten ist die Branche langsam aus ihrem erzwungenen Dornröschenschlaf erwacht. Doch trotz aktueller Öffnungen sei es für Künstler, Vereine und Initiativen aufgrund beschränkter Besucherzahlen weiterhin kaum möglich, kostendeckend zu veranstalten und aufzutreten, sagt Wolfgang Dersch, Leiter des Kulturreferats in Regensburg.

Neben den Kulturschaffenden, die in den vergangenen eineinhalb Jahren von den Beschränkungen direkt betroffen waren, hängen an der Branche indirekt auch viele weitere Existenzen. „Das Kulturangebot einer Stadt kann den Ausschlag geben, wo sich qualifizierte und deshalb begehrte Fachkräfte mit ihren Familien niederlassen“, erklärt Petra Jakobi, Kulturreferentin der Stadt Cham. „So unterstützt es die Wirtschaft, erhöht die Kaufkraft und stärkt letztendlich auch die kommunale Finanzkraft.“

Wichtigster Tourismusmagnet

Einen großen Faktor stellen darüber hinaus Besucher von außerhalb dar. Die Regensburg Tourismus GmbH (RTG) ermittelte 2019, aus welchen Gründen private Reisende in die Domstadt kommen. Am häufigsten wurde als Grund „Sehenswürdigkeiten“ mit 69 Prozent genannt, gefolgt von „Stadtbild/Architektur“ mit 64 Prozent, „Kunst-/Kulturangebot“ mit 48 und „UNESCO-Welterbe“ mit 35 Prozent. Alle Punkte haben also direkt oder indirekt einen Bezug zur Kultur. Überregional bedeutsame Veranstaltungen waren laut RTG beispielsweise die Schlossfestspiele, die Tage Alter Musik oder die Weihnachtsmärkte inklusive der Domspatzenkonzerte. Die Gäste wiederum generieren nicht nur Umsätze in den Kultureinrichtungen und Sehenswürdigkeiten selbst, sondern auch im Einzelhandel, in der Gastronomie und in der Hotellerie. „In der Pandemie wurden die Touristen – die in den vergangenen Jahren in Regensburg oftmals als ,zu viele‘ empfunden wurden – schmerzlich vermisst“, zieht die RTG Bilanz. Das hundertprozentige Tochterunternehmen der Stadt Regensburg rechnet nicht vor 2024 damit, dass sich die Zahlen im Städtetourismus auf das Niveau vor der Pandemie erholen.

Neue Formate statt Stillstand

Auch Furth im Wald bekam diese Auswirkungen deutlich zu spüren. Normalerweise kommen im August zwischen 60.000 und 80.000 Tagestouristen in die kleine 10.000-Einwohner-Stadt, um den Drachenstich mitzuerleben, der 2018 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen wurde. „Um diese Zeit brummt es sonst in der ganzen Stadt. Es ist uns sehr schwergefallen, den Drachenstich nun bereits ein zweites Mal abzusagen“, erzählt Karin Stelzer, Kulturamtsleiterin in Furth im Wald.

Egal ob Furth im Wald, Regensburg oder Neumarkt: Unabhängig von der Stadtgröße haben Kunst und Kultur einen Wert an sich, der weit über den monetären Aspekt hinausgeht. So sind in Furth normalerweise rund 1000 Menschen aus der Bevölkerung in die Veranstaltungen rund um den Drachenstich herum involviert. Das sei ungemein wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, meint Stelzer. In Regensburg sind zahlreiche städtische Veranstaltungen kostenlos, damit möglichst viele Menschen Zugang zu kulturellen Angeboten haben und aktiv an der Gesellschaft teilhaben können. „Als Kultur am nötigsten gebraucht wurde, durfte sie nicht sein“, bedauert auch Petra Jakobi.

Auf die Schockstarre und den Stillstand in den ersten Monaten der Pandemie folgte ein regelrechter Kreativitätsschub. Kulturschaffende suchten sich neue Nischen und mögliche Freiräume, Veranstaltungsdienstleister setzten auf digitale und hybride Formate. Sobald die Beschränkungen ein wenig gelockert wurden, eröffneten sich weitere neue Möglichkeiten. „Wir haben einfach ins Dunkle geplant. Als es dann klar war, dass Veranstaltungen wieder möglich sind, mussten wir nur die Schublade aufmachen und die Werbung unter die Menschen bringen.“, sagt Stelzer über die neu ins Leben gerufene Konzertreihe „Kultur am Turm“, bei der ausschließlich lokale Musiker auftraten. Um das Ambiente des Drachenstichs in diesem Jahr doch ein wenig aufleben zu lassen, wurde außerdem die Veranstaltungsreihe „Eine Stadt lebt Mittelalter“ initiiert. Dazu gehörten unter anderem Schauspielaufführungen für Kinder, ein Spielmannszug, ein thematisch angepasstes Angebot in der Gastronomie und zwei Ausstellungen.

Rolle der Städte ist besonders wichtig

Generell ist die Rolle der Städte aktuell besonders wichtig. Sie müssen alternative Formate ermöglichen, Kulturschaffenden wieder eine Bühne bieten und sie in dieser anhaltend prekären Lebenslage finanziell unterstützen. Auch das Regensburger Kulturamt ist sich dieser Verantwortung bewusst. „Es geht vor allem darum, die Situation von professionell arbeitenden Künstler*innen, Vereinen und Initiativen während der Pandemie und darüber hinaus wirksam zu stärken und zu stabilisieren, sodass die Vielfalt der freien Szene über die Krise hinweg erhalten bleibt“, sagt Dersch.

Bereits im Sommer 2020 folgte auf den Kultur-Lockdown das „Sommerflimmern“ – eine Veranstaltungsreihe im Innenhof des Thon-Dittmer-Palais für die lokale Musik-, Tanz- und Theaterszene. In diesem Jahr geht sie in die zweite Runde. Da sie Teil des von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Kultursommers Regensburg ist, sogar bei freiem Eintritt.

Teilchenbeschleuniger für Zukunftstrends

Im Rahmen des Kultursommers gibt es eine Reihe weiterer Veranstaltungen überall in der Stadt verteilt. Ein wichtiges Ziel des Projekts ist es nach Auskunft des Kulturreferats, Kunst direkt zu den Menschen in die verschiedenen Stadtteile zu bringen. Die Bühnen stehen deshalb unter anderem im Ostpark, auf der Seidenplantage, im Westbad, am Grieser Spitz oder in der ehemaligen Prinz-Leopold-Kaserne. „Corona ist ein Teilchenbeschleuniger vieler Entwicklungen, die aktuell als Zukunftstrends gelten. Sie bieten die Chance, Städte solidarischer, grüner und digitaler zu gestalten. Die vielen neu gegründeten Netzwerke und die solidarische Zusammenarbeit in der Kulturszene sind keine coronabedingte Notlösung, sondern ermöglichen auch zukünftig Chancen für verschiedene Formate des Dialogs und der aktiven Teilhabe an Kunst und Kultur“, meint Dersch.