Interview
31. Juli 2021 6:10  Uhr

Lebensmittel wachsen nicht im Supermarkt

Christina Ehras, Mitorganisatorin des Hochbeetgartens direkt am Prüfeninger Autobahntunnel bei Transition Regensburg, im Interview über die Vorteile von Urban Gardening und die Umsetzung davon in Regensburg.

Foto: Christina Ehras

Von Jonas Raab

Frau Ehras, woher kommt der Begriff Urban Gardening und was genau bedeutet er?

Christina Ehras: Der Begriff ist noch recht jung und hat in den vergangenen Jahren definitiv einen Aufwärtstrend erlebt. Ich verstehe darunter alles, was in einer Stadt gärtnerisch passiert und dessen Ertrag zu unserer alltäglichen Versorgung beiträgt.

Mit Transition Regensburg wollen Sie genau das vorantreiben.

Transition ist mehr als Gärtnern. Der Verein ist ein Dach für alle, die sich für ein nachhaltiges, regionales und ressourcenschonendes Leben interessieren. Die Gärten sind ein Teil davon. Der erste entstand vor ungefähr sieben Jahren in Stadtamhof. Danach haben sich immer mehr etabliert: der interkulturelle Garten im Brixen Park, einer beim evangelischen Bildungswerk, einer am Roten Herzfleck und der PAT-Garten. Das steht für Prüfeninger Autobahntunnel. Einige andere Projekte sind im Anlaufen.

Welche Flächen eignen sich für solche Gärten? Der Platz in Regensburg ist ja begrenzt.

Das kommt immer auf das Projekt an. Der Autobahntunnel ist zwar oberflächlich begrünt, aber für Nahrungsmittel gibt es im Kalkmagerrasen kaum Nährstoffe. Mit Hochbeeten funktioniert das trotzdem bestens. Es würden auch schon ausrangierte Transportkisten reichen, wenn man sie mit Erde füllt. Der Untergrund ist nicht der limitierende Faktor, sondern dass man ein Grundstück bekommt.

Wie kommen Sie an die dafür benötigten Flächen?

Es braucht Leute, die das anschieben. Die Stadt oder auch private Eigentümer müssen dann die Flächen zur Verfügung stellen.

Wenn ich durch manche Neubauviertel hier in Regensburg laufe, dann wundert es mich schon ein bisschen, wie da Nachhaltigkeit gedacht wird.

Läuft der Dialog mit der Stadt gut?

Die Stadt ist prinzipiell offen dafür, aber die Umsetzung der Gärten ist häufig schwierig, weil es unterschiedliche Vorstellungen zur Nutzung und Funktion von öffentlichen Flächen gibt. Hinzu kommen dann noch verschiedene ästhetische Vorstellungen. Über mehr Unterstützung würden wir uns auf jeden Fall freuen.

Und wie könnte die Stadt Regensburg Sie in Ihrem Unterfangen konkret unterstützen?

Aktuell wird die meiste Arbeit ehrenamtlich gestemmt. Es bräuchte eine dauerhafte Struktur, eine Person in der Verwaltung, die alle Bestrebungen zu diesem Thema vernetzt und verstetigt, die als Ansprechpartner fungiert und das Wissen weitergibt. Auch wenn das kostet – es wäre eine sinnvolle Investition.

Welche Argumente würden Sie dem Stadtrat vorlegen?

Man kann lokal Lebensmittel produzieren. Die Wege werden kürzer, der CO2-Ausstoß weniger, der Blick auf Nahrungsmittel wird geschärft. Das Bildungspotenzial, das von so einem kleinen Hochbeet ausgeht, ist enorm. Man lernt, was funktioniert – und warum etwas nicht wächst, etwa wenn Schädlinge kommen. Wichtig ist für mich auch der soziale Aspekt, wie nicht zuletzt der interkulturelle Garten beweist. Die Projekte sind Nachbarschaftszentren. Man ist in eine Gruppe eingebunden und trifft Menschen mit ähnlichen Interessen. Außerdem wird die Stadt schöner. Es müssen ja nicht immer Prunkwinden oder Margeriten sein. Man kann eine Stadt auch mit Kohl und Mangold verzieren. Eine Feuerbohne blüht unheimlich schön.

Wie viel Gemüse wirft so ein kleines Beet tatsächlich ab?

Mein Partner und ich bewirtschaften gute zwei Quadratmeter. Obwohl die Fläche sehr begrenzt ist, kommt da ziemlich viel rum, weil man sehr effektiv auf den Raum achtet. Im vergangenen Jahr konnten wir uns selber mit Salat versorgen. Ab Mitte Juli haben wir Tomaten und Bohnen in rauen Mengen geerntet.

Braucht es in Zukunft noch viel mehr solcher Projekte?

Natürlich. Wenn ich durch manche Neubauviertel hier in Regensburg laufe, dann wundert es mich schon ein bisschen, wie da Nachhaltigkeit gedacht wird. Ich persönlich sehe das dort nicht realisiert. Eigentlich wäre es Aufgabe der Stadt, hier große Projekte anzustoßen – oder zumindest andere tatkräftig dabei zu unterstützen.

Urban Gardening, wie ich es begreife, geht in eine andere Richtung. Das richtet sich an Laiengärtner. Man muss nur Lust darauf haben.

Gibt es Städte, die es besser machen?

Das ist von außen schwierig zu beantworten. Das, was man sieht, spiegelt nicht unbedingt das Engagement einer Stadt wider. Aber in Paris gibt es ein ganz tolles Projekt. Das Dach des Expogebäudes – 14 000 Quadratmeter Betonfläche – wurde als großer Experimentiergarten gestaltet. Die erwarten an jedem Sommertag einen Output von einer Tonne an Obst und Gemüse.

Könnte sich eine Stadt angesichts solcher Zahlen auch selbst mit Nahrung versorgen?

Da fehlen mir ein bisschen die Daten, aber ich gehe davon aus, dass man einen nennenswerten Beitrag zur Ernährung beisteuern könnte. Der Schlüssel dazu liegt im Kleinen – im Blick auf Lebensmittel und im Wissen darum. Man muss wieder verinnerlichen, dass Lebensmittel nicht im Supermarkt wachsen.

Hat urbane Landwirtschaft auch unternehmerisches Potenzial? Oder sind die Flächen dann doch zu klein?

Es müssten schon sehr viele Kleinflächen sein, damit sich das für einen Landwirt lohnt. Mit Dachgärten und Vertical-Farming-Konzepten wäre einiges an Landwirtschaft in der Stadt möglich, aber das ist natürlich mit viel technischem Aufwand und hohen Investitionen verbunden. Urban Gardening, wie ich es begreife, geht in eine andere Richtung. Das richtet sich an Laiengärtner. Man muss nur Lust darauf haben.

Fazit

Die Vorteile einer urbanen Gärtnerei liegen auf der Hand: Sie dient dem Klima, dem tatsächlichen wie dem zwischenmenschlichen. Sie ermöglicht regionale Lebensmittelproduktion bis hin zur Selbstversorgung. Sie schärft den Blick auf Lebensmittel. Aber: Sie steckt – trotz aktuellem Hype – in einer Nische fest. Die vielen Initiativen aber zeigen: Selbst an unwirtlichen Stellen wächst was, wenn man nur will. Der Dialog mit Entscheidern stockt allerdings, wenn es um die konkrete Umsetzung von Projekten geht. Städte haben oft Drängenderes vor mit freigewordenem Raum: Wohnraum und Gewerbe. Die Zukunft städtischer Lebensmittelproduktion liegt deshalb wohl in absehbarer Zukunft weiter im Privaten. Doch allein da birgt Urban Gardening Potenzial – kein ökonomisches, dafür ökologisches. In Zukunft könnte sich politisches Denken schnell in eine andere Richtung drehen und den großen Bruder des Urban Gardenings, Urban Farming, zur Option werden lassen. Der EU-Gesetzesentwurf „Fit for 55“ gab erst vergangenen Monat einen Ausblick, welch drastischer Maßnahmen das 1,5-Grad-Klimaziel bedarf. Wenn in Deutschland bald keine Verbrenner mehr gebaut werden, warum sollten nicht bald Roboter Bohnen ernten, die am vierten Stock eines Bürogebäudes in den Himmel wachsen?