Digitalisierung
10. Juni 2020 6:00  Uhr

Löst Corona einen digitalen Tsunami aus?

Bereits jetzt bemerken Systemhäuser eine erste interne Digitalisierungswelle in Unternehmen. Sie wünschen sich, dass dieser Schwung auch nach Überwindung der Coronakrise anhält.

Homeoffice auf breiter Basis: Werden Büros künftig leer bleiben? | Foto: Thomas Söllner – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. Der globale Webex-Traffic des Weltmarktführers für Videokonferenzen Cisco hat sich seit Jahresbeginn bis März 2020 von drei auf knapp 14 Milliarden Minuten erhöht. Hat das Corona-Beben einen Digitalisierungs-Tsunami ausgelöst, der auch die bayerische Wirtschaft erfassen wird? „Aktuell sind zwar viele größere IT-Infrastrukturmaßnahmen eingefroren. Doch Bereitstellungsthemen wie Homeoffice oder Cloudlösungen für operative Daten boomen gerade so sehr, dass wir Mitarbeiter aus dem Urlaub geholt haben, um die Anfragen abzuarbeiten.“ Für Markus Leitner, Niederlassungsleiter Regensburg bei der SWS Computersysteme AG, ist das ein Hinweis darauf, dass die Coronakrise im Grunde längst eine interne Digitalisierungswelle ausgelöst hat. Die Frage ist, ob dieser Schwung sich nach den Coronazeiten fortsetzen wird.

Dr. Jürgen Helmes, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim, bestätigt auf Nachfrage der Wirtschaftszeitung, an einen positiven Schub zu glauben: „Ich denke, gerade jetzt – in Zeiten, in denen von zu Hause arbeiten ein Stück Sicherheit bedeutet und Dienstreisen fast unmöglich sind – erkennen die Unternehmen, wie wichtig die branchenübergreifende Digitalisierung ist. Viele Firmen rüsten schon jetzt in Sachen digitale Infrastruktur in kürzester Zeit nach. Hier werden wir im Nachgang sicherlich die Auswirkungen und vor allem positiven Effekte für Unternehmen und Mitarbeiter spüren.“

Prozessumbau zunehmend als notwendig erkannt

Heiko Hinkofer, Geschäftsführer der Danubius AG in Straubing, die professionelles Web- und Shopdesign anbietet, wünscht sich, dass die Unternehmen schon jetzt die Zeit nutzen, um ihre eigene Digitalisierung voranzutreiben. Dabei könne man aktuelle Sonderangebote zum Beispiel von Shopware nutzen. „Ich bin mir sicher, dass es in Sachen Digitalisierungsgrad quer durch alle Branchen ein Umdenken geben wird“, sagt Hinkofer. Alle KMUs, die ihre Mitarbeiter ins Homeoffice schicken mussten oder ihre Besprechungen per Videokonferenz abhalten müssen, würden jetzt die Notwendigkeit verstehen, externe und interne Prozesse zu digitalisieren. Markus Leitner geht noch weiter. Schon jetzt arbeitet sein Unternehmen in vielen Fällen mit Fernwartung. Ein vielversprechender Ansatz ist eine Mixed-Reality-Brille, die dem Kunden zur Verfügung gestellt wird. Was der Kunde vor Ort sieht, wird dem Ingenieur in Echtzeit zu Hause am Monitor angezeigt, und er kann dem Kunden passende Informationen und Handlungsanweisungen für physische Handgriffe in die Brille projizieren. „Für die Zukunft heißt das also: Mit einer solchen Technologie könnten wir unzählige Reisekilometer von Servicemitarbeitern und Ingenieuren sparen. Unabhängig von der Unternehmensgröße gilt das zum Beispiel für Firmen, die ihre Produktionsmaschinen auf dem Globus verteilt haben.“

Gleiches gelte für eine neue Meeting-Kultur. Leitner geht es dabei nicht nur um das laufende Besprechungsgeschäft. Die SWS Computersysteme AG ist in Sachen digitale Philosophie sogar beim Recruiting Vorreiter: „Wir haben unsere Vorstellungsgespräche erfolgreich auf Videokonferenz umgestellt. Die Bereitschaft dazu von Seiten des Bewerbers zeigt gleich seine IT-Affinität.“

Daten und Mitarbeiter auslagern

Thomas Weinberger, Vertriebsleiter der Sitefusion GmbH, die ebenso wie Danubius zur nbsp GmbH gehört, sieht einen weiteren wichtigen Aspekt, den die Krise noch mehr verdeutlicht habe. Es geht um den Umgang mit operativen Daten. „Die Coronakrise hat gezeigt, wie kontraproduktiv es ist, diese Daten nur im eigenen Haus zu halten. Im Idealfall habe ich Arbeitsdaten in der Cloud bei einem zuverlässigen Provider, um ohne Restriktionen jederzeit sicher darauf zugreifen zu können.“ Weinberger sieht im Ausbau der Cloud-Dienstleistungen in den Zeiten nach Corona ein großes Potenzial für mittelständische Hosting-Provider. Site Fusion, das Verlagen Lösungen im Content Management und Workflow anbietet, registriert schon jetzt teilweise höhere Nachfragen: „Bei unseren Verlagskunden bemerken wir, dass signifikant mehr Neukundenanfragen kommen, weil die Zeit, in der man weniger auf Geschäftsreisen ist, für die strategische Neuausrichtung in Sachen Digitalisierung genutzt wird.“

Ab sofort gilt die Devise „digital first“

Umdenken müsste die Devise in praktisch allen Unternehmensbereichen und Branchen heißen. Weinberger rät dem Mittelstand, ab sofort „digital first“ zu handeln, nicht nur, was Onlineshoplösungen angeht. „Eine ähnliche Krise kann jederzeit wieder kommen und dann sollte man besser gerüstet sein“, betont er. Sein Kollege Heiko Hinkofer bekräftigt: „Mittel- und langfristig braucht es eine individuelle Digitalisierungsstrategie nicht nur im Kontakt mit dem Endkunden oder in den Vertriebswegen, sondern im Bereich Homeoffice-Potenziale und Konferenzphilosophie. Virtuelle Besprechungen sollten keine Notlösung sein, sondern können ein Impuls für nachhaltigere Geschäftspraktiken in der Zukunft sein.“

Markus Leitner stimmt dem vollumfänglich zu: „Ich würde mir wünschen, dass die jetzige Situation auch bei der Einstellung zum Thema Homeoffice etwas aus der Krise in die Zukunft mitträgt.“ Die momentane Situation beweise, dass Mitarbeiter im Homeoffice hochproduktiv arbeiten können. Twitter macht aktuell vor, wie die Zukunft des Arbeitens aussehen könnte. Das Unternehmen, das seine Büros noch bis Ende September geschlossen hält, stellt es seinen Mitarbeitern künftig zum großen Teil frei, ob sie überhaupt wieder ins Büro zurückkehren wollen. Für die Einrichtung des Homeoffice dürfen Twitter-Mitarbeiter außerdem bis zu 1000 Euro auf Unternehmenskosten ausgeben.