Businessclub
13. Februar 2020 12:00  Uhr

„Wir müssen die Löhne erhöhen“

Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Heiner Flassbeck referierte über eine durch neue volkswirtschaftliche Herausforderungen in Aufruhr versetzte Welt. Und er gab Antworten.

Foto: Tino Lex

Von Robert Torunsky

REGENSBURG. „Meine Damen und Herren, ich hoffe, Ihnen geht es gut. Ob das in 60 Minuten immer noch so ist, weiß ich nicht, denn Sie müssen heute einige Ihrer Vorurteile korrigieren oder zu Grabe tragen. Es wird also kein einfacher Abend.” So ungewöhnlich begrüßte der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Heiner Flassbeck die rund 100 Mitglieder und Gäste des Wirtschaftszeitung Businessclubs im Stammhaus der Hypovereinsbank in Regensburg. Der erste Keynote Speaker im neuen Businessclub-Jahr reihte sich nahtlos in die Riege der bisherigen Referenten ein: meinungsstark, unangepasst und auch ein Stück weit provokant. Das gab auch ausreichend Raum für die offene Fragerunde, die sich an den Vortrag anschloss, und Diskussionsstoff für das im Businessclub obligatorische Netzwerken. Gastgeber Rainer Ehbauer, Niederlassungsleiter Ostbayern im Firmenkundengeschäft des Businessclub-Sponsors Hypovereinsbank, hatte den Abend eröffnet und Wirtschaftszeitung-Redaktionsleiter Thorsten Retta erklärte, warum “der Gast sehr gut zur Veranstaltungslocation passt”.

Expertise und Erfahrung

Flassbeck, seit 2005 Honorarprofessor an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, hatte bereits 1987 zur Internationalen Währungsordnung promoviert, war unter anderem Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen sowie Chefvolkswirt der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD). Der Titel des Vortrags “Die Welt in Aufruhr – neue volkswirtschaftliche Herausforderungen und keine Antworten” bezog sich auf den Status quo der Weltwirtschaft und vor allem auf den Umgang der Politik mit der aktuellen Niedrigzinsphase. “Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten: Noch nie waren die Zinsen so niedrig”, gab Flassbeck Einblick in die Historie. “Japan hat seit 30 Jahren Nullzinsen und die Japaner haben 20 Jahre gebraucht, um zu kapieren, was da passiert ist.” Mit Blick auf die derzeitige Geld- und Fiskalpolitik prognostizierte der Volkswirt eine ähnliche Dauer in Europa. “Es sei denn, man ändert was – man könnte ja auch schneller begreifen”, schob Flassbeck seiner Aufforderung an die Politik nach. “Wir hatten zuletzt einen Aufschwung ohne Investitionsaufschwung, das nenne ich keinen Aufschwung”, kritisierte der 69-Jährige. “Dieses Europa funktioniert nicht mehr, der Brexit ist der beste Beleg”, sagte Flassbeck. Als Hauptschuldigen an der aktuellen Situation identifizierte er die Bundesrepublik. “Deutschland ist der größte Störenfried der Währungsunion. Ob Staat, Unternehmen oder Haushalte – wir sparen uns zu Tode und zwingen das den anderen Ländern auch noch auf.” Hier laufe etwas fundamental falsch, und zwar nicht nur in der Politik. “Die deutschen Ökonomen hängen 30 Jahre zurück”, kritisierte der Experte und verpasste auch dem Lehrwesen an den Hochschulen eine Breitseite – ebenso wie der Bundeskanzlerin. “Die Forderung von Angela Merkel, dass die Welt wettbewerbsfähiger werden müsse, ist volkswirtschaftlich Unsinn. Das ist schlichtweg nicht möglich und wäre genau so, als wenn ich sagen würde: Am Wochenende müssen in der Bundesliga alle Mannschaften gewinnen.”

Mutige Politiker gefordert

Flassbeck präsentierte auch Lösungsansätze. “Wir müssen die Löhne erhöhen, denn Lohnsenkung vernichtet Arbeitsplätze.” Dies müsse mit Maß und Ziel erfolgen. “Keine verrückte Erhöhung, sondern nur so hoch wie Produktivität plus einen Aufschlag in der Höhe des Inflationsziels.” Dies würde dazu führen, dass man das Produzierte selbst kaufen könne und der Leistungsbilanzüberschuss geringer ausfalle. Natürlich verstehe er Unternehmer, die sich gegen Lohnerhöhungen wehren würden, aber der Weg sei, so Flassbeck, alternativlos und müsse eben von der Politik vorgegeben werden. “Wir brauchen mutige Leute an der Spitze. Aber aller Mut nützt nichts, wenn nichts verstanden wurde. Deswegen benötigen wir endlich kompetente Politiker”, so Flassbeck.