Maschinenbau
1. April 2021 6:03  Uhr

Made in Germany reicht allein nicht mehr aus

Design Thinking gilt seit Jahren als Managementphilosophie, um Produkte vom Kundenbedarf her zu entwickeln. Doch der große Durchbruch steht bei Maschinen- und Anlagenbauern noch aus.

Nutzerzentrierte Problemlösungen statt sinnfreier Technikverliebtheit: Diese Perspektive ist das wichtigste Alleinstellungsmerkmal des Design Thinking. | Foto: masterzphotofo – stock.adobe.com

Von Thomas Tjiang

FRANKFURT AM MAIN/NÜRNBERG. Das Problem ist altbekannt und lässt sich im Consumerbereich mit der TV-Fernbedienung gut illustrieren. Die Bedienoptionen inklusive Steuerung einer wachsenden Anzahl von Zusatzgeräten wird immer komplexer und unübersichtlicher – die „User Experience“ tendenziell negativ. Diese Beobachtung macht auch Prof. Claus Oetter, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Software und Digitalisierung: „Auch im Maschinenbau sind die meisten Produkte nicht userzentriert.“

Auch für diesen Bereich hat Oetter ein einfaches, aber wirkungsvolles Beispiel parat: Technisch sei es kein Problem mehr, das Steuerungsdisplay einer großen Anlage auch auf eine mögliche Rot-Grün-Sehschwäche auszulegen oder gar individuell zu konfigurieren. Eine Nutzerzentrierung des Bedienfelds könne allerdings auch mitarbeiterindividuell ausgelegt werden. Jeder Mitarbeiter konfiguriert das Display nach seinen Präferenzen, das System speichert diese Einstellungen. Beim Schicht- oder Mitarbeiterwechsel kann jeweils die gespeicherte Voreinstellung aufgerufen werden. Oetter hält selbst Zusatzfeatures wie Gesichtserkennung oder Spracherkennung für denkbar, um das Nutzererlebnis zu steigern.

„Tolle technische Funktionen, die man nicht bedienen kann“

Für Oetter, der sich seit zehn Jahren in seinem Fachverband für Design Thinking stark macht, ist es allerdings noch ein langer Weg. Nach wie vor würden Maschinen und Anlagen nicht wirklich aus Anwendersicht entwickelt. Häufig ständen „tolle technische Funktionen im Vordergrund, die man nicht bedienen kann.“ Maschinenbau aus Nutzersicht ist allerdings alles andere als trivial. Es braucht die richtigen Entwickler mit dem entsprechenden Verständnis und den notwendigen Schulungen.

Tatsächlich wird die Rücksicht auf die User Experience immer wichtiger. Denn auch Maschinen und Anlagen werden immer schneller und leistungsfähiger. „Damit wird das Bedienen auch immer komplizierter“, warnt der Nürnberger Buchautor Felix Kranert, der bei Siemens das Marketing des Human-Machine-Interface-Portfolios verantwortet. Aus seiner Beraterpraxis wisse er, dass sich der Entwicklungsingenieur lieber auf die technischen Funktionen fokussiert. „Vermeintlich weiche Faktoren, also wie sich ein Gerät bei der Bedienung anfühlt, sind immer noch zu selten die Leitlinie“, erklärt er. Dabei stünden auch Maschinenbauer schon längst in einem beinharten Wettbewerb rund um den Globus, der Preise und Margen drückt. „Made in Germany reicht allein nicht mehr aus“, sagt Kranert. Design Thinking ist am Ende nicht nur ein zusätzlicher ästhetischer Aspekt. Vielmehr kann so eine nutzerzentrierte Innovation langfristig zu einem Alleinstellungsmerkmal auf dem Weltmarkt werden.

Hierfür sieht Kranert den klassischen Entwicklungsprozess am Ende. Der Innovationsprozess müsse von der Idee bis zum Prototyp kontinuierlich die Anwender beziehungsweise Bediener einer Anlage im Blick haben. Nur die Analyse und Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse führe letztlich zu einer positiven User Experience beim Betrieb einer Maschine. An dieser Entwicklung führe kaum ein Weg vorbei, so Kranert. Die allgegenwärtigen Smartphones sind der alltäglich gelernte „Maßstab für Nutzerfreundlichkeit“.

Zwei Nadelöhre für das Design Thinking

Das Nadelöhr mangelnder Usability im Maschinenbau sieht VDMA-Verbandsmann Oetter auf zwei Ebenen. Zum einen fehlt es häufig an der Einsicht der Geschäftsführung, welch großes Potenzial in Design Thinking steckt. Oder die Führung verweist auf die vorhandenen Entwicklungsexperten, die nicht weiter aufgestockt werden sollen. Zum anderen stoßen solche Initiativen auf der operativen Ebene gern auf Widerstände. Denn Design Thinking stellt bisher vertraute Prozesse der Produktentwicklung auf den Kopf. So ein Changeprozess ist nicht immer willkommen. Zumal „tief in die bestehende Organisationsstruktur eingegriffen“ werden muss, weiß Oetter. Hierarchische Leitungsfunktionen geraten in der modernen Entwicklung unter Druck und werden mithilfe der Scrum-Methode durch aufgabenbezogene Product Owner ersetzt.
Und es gibt noch einen weiteren Nachteil für Oetter: „Das strategische Invest in Design Thinking kommt nur langfristig zurück.“ Bei gleicher Funktionalität und Effizienz von Anlagen gebe immer weniger der Preis den entscheidenden Ausschlag, sondern die Usability. Für Einkäufer wird immer mehr die „Wahrnehmung beim Anwender“ das entscheidende Zünglein an der Waage.

Interview

Fokus auf Marktanforderung und Kundennutzen

Design Thinking steht für den Perspektivenwechsel, nicht das technisch Machbare, sondern den Kundenwunsch in den Mittelpunkt zu stellen. Im Interview erklärt Volker Markus Banholzer, Professor an der TH Nürnberg für Innovationskommunikation, die Grundlagen dieser Technik.

Hier geht’s zum Interview …