Mobilität
8. Juni 2020 8:29  Uhr

Ausbau von E-Ladesäulen muss schnell vorankommen

Die steigenden Zulassungszahlen von E-Autos sprechen dafür, dass die Elektromobilität allmählich auch in Deutschland ankommt. Nun muss das Tempo beim Ausbau der Ladeinfrastruktur deutlich erhöht werden.

Der Bedarf an Ladestellen wird deutlich steigen. Foto: André Havergo – stock.adobe.com

von Franz Rieger


Regensburg/Teisnach. Die Elektromobilität nimmt sichtbar Fahrt auf, auch die Autobauer haben das Potenzial erkannt. Laut dem Verband der Automobilindustrie (VDA) erreichten die Neuzulassungen von Elektroautos im März mit 19.775 Fahrzeugen trotz Coronakrise einen neuen Höchstwert. Einen entscheidenden Beitrag dazu leistete die Klarheit bezüglich des aufgestockten Umweltbonus. Das Förderinstrument stellte mit 12 365 Anträgen im März ebenfalls einen neuen Rekord auf – ein klares Signal für den Ausbau der Infrastruktur der Ladestellen. Hinzu kommt nun die Förderung der Elektromobilität im Rahmen des von der Bundesregierung beschlossenen Konjunkturpakets.

„Ostbayern verzeichnet bereits jetzt eine sehr hohe Dichte an Ladestationen. Bezogen auf 10.000 Einwohner sind das bis zu 6,7 Ladesäulen und damit die momentan höchste Dichte in ganz Deutschland. Hinzu kommt, dass in Ostbayern häufig bequem zu Hause geladen werden kann, sogar mit Ökostrom aus der eigenen Photovoltaikanlage“, so Lorenz Schagemann von der E-Wald GmbH in Teisnach. Auch die Rewag hat in den vergangenen Jahren die Ladeinfrastruktur in Regensburg und der Region ausgebaut. In der Stadt selbst sind es derzeit 202 offizielle Ladepunkte. „Regensburg ist damit in einem bundesweiten Vergleich sehr gut aufgestellt und liegt vor Metropolen wie Köln oder Frankfurt. Trotzdem, erst recht bei dem prognostizierten Wachstum in Sachen Elektrofahrzeuge, muss der Ausbau der Ladeinfrastruktur natürlich weitergehen“, sagt Stefan Sulzenbacher, Teamleiter Innovative Geschäftsmodelle der Rewag. Entsprechend werde der Ausbau weiter vorangetrieben. Für die beiden kommenden Jahre sind pro Jahr 100 neue Ladepunkte in Regensburg geplant.

E-Auto-Anteil von bis zu 40 Prozent in zehn Jahren

Das Laden am eigenen Wohnort wird ebenfalls deutlich an Bedeutung gewinnen. Das wird insbesondere dann der Fall sein, wenn sukzessive mehr Elektrofahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind. Damit steigt auch der Bedarf an Lademöglichkeiten im öffentlichen sowie im halböffentlichen Raum. Ziel sei es, bis 2030 in Deutschland eine Million Ladesäulen zu errichten, sagte Angela Merkel auf dem Autogipfel im November 2019. Nach Einschätzung der Expertengremien geht man laut Stefan Sulzenbacher aktuell davon aus, dass das Verhältnis zwischen Ladepunkten und Elektroautos etwa bei eins zu zehn liegen sollte.

Für Regensburg ergibt sich auf Basis dieser Annahme folgendes Bild: Aktuell sind hier etwa 100.000 Autos zugelassen, zudem gibt es täglich rund 70.000 Einpendler. Bei einem prognostizierten Wachstum von 13 Prozent bis 2030 wird sich die Zahl der Fahrzeuge mit den Einpendlern auf etwa 183.000 erhöhen. Der Anteil von Elektroautos wird – laut Prognose – in zehn Jahren zwischen 25 und 40 Prozent betragen. Eine Ladesäule bietet in der Regel zwei Ladepunkte. Daraus ergibt sich laut Stefan Sulzbacher folgende Modellrechnung: Bei 183.000 Fahrzeugen insgesamt entsprechen 25 Prozent 45.750 Elektroautos und 40 Prozent somit 73.200 Elektroautos. Daraus ergibt sich ein Bedarf von 2700 Ladesäulen bei 25 Prozent und 3600 Ladesäulen bei 40 Prozent.

Wirtschaftlichkeit ist aktuell noch nicht gegeben

„Derzeit stehen noch hohe Investitionskosten für die Errichtung von Ladepunkten einer teilweise schwachen Auslastung gegenüber. Das heißt, dass an vielen Stellen keine Wirtschaftlichkeit gegeben ist. Die bis dato aufgelegten Förderprogramme reichen an dieser Stelle leider längst nicht aus“, so Sulzenbacher. Erst wenn die Marktdurchdringung von Elektroautos einen zweistelligen Prozentsatz überschritten habe, werde sich auch der weitere Aufbau und der aufwändige Betrieb der Infrastruktur selbst tragen. Neben der Wirtschaftlichkeit würden auch häufig längere Genehmigungsverfahren ein Hemmnis für die Elektromobilität darstellen.

Bei der E-Wald GmbH möchte man das Thema von zwei Seiten angehen. Zum einen werden überall dort, wo die Fahrzeuge sowieso länger stehen, beispielsweise zu Hause, bei der Arbeit, während des Einkaufens oder beim Arzt, Ladeeinrichtungen benötigt, die die Fahrzeuge mit normalen Ladeleistungen aufladen. „Diese Ladestationen kosten nicht viel Geld und sind sehr netzverträglich“, so Lorenz Schagemann. Zudem werden an verkehrsreichen Strecken leistungsfähige Schnellladeeinrichtungen benötigt. Diese seien dann kostenintensiver, die Investition amortisiere sich jedoch durch die höheren Strommengen, die dort abgesetzt werden können. Das Unternehmen aus Teisnach errichtet im Rahmen seiner Projekte deutschlandweit Ladestationen für Unternehmen, Wohnungsbaugesellschaften, Kommunen und Stadtwerke. „Der große Renner sind die sogenannten High-Performance-Lader, die mit Leistungen von bis zu 300 Kilowatt Fahrzeugbatterien in kürzester Zeit für die Weiterfahrt aufladen“, sagt Schagemann.

Reichweite ist nur vorgeschobenes Problem

Die Elektromobilität ist inzwischen auch bei den deutschen Autobauern, die aktuell etwa 60 Modelle anbieten, und in der Gesellschaft angekommen. Trotz der Coronakrise sei im Zuge der Klimabewegung längst ein Umdenken im Gange. „Die Verkehrswende ist aber nur mit der Energiewende kombinierbar und umgekehrt. Dieses Bewusstsein prägt sich mehr und mehr ein. Dementsprechend ist es nur eine Frage der Zeit, ehe die neuen Formen der Fortbewegung noch stärker präsent sein werden“, sagt Stefan Sulzenbacher. „Viele Menschen tragen das Thema Reichweite vor sich her wie eine Monstranz – dabei ist es völlig egal, ob das Auto, das irgendwo in einer Garage oder auf einem Parkplatz steht, Sprit für 900 Kilometer Reichweite im Tank hat oder an einer einfachen Steckdose angesteckt wird. Bereits jetzt haben viele Hersteller Fahrzeugmodelle mit Batterien, die die üblichen täglichen Fahrstrecken locker bewältigen“, ergänzt Lorenz Schagemann.

Der größte Treiber der Elektromobilität ist laut Stefan Sulzenbacher gleichzeitig auch der wichtigste Absatzmarkt der deutschen Automobilindustrie: China. Hier herrscht vorrangig wegen der Luftverschmutzung eine enorme Dynamik in der Entwicklung in Richtung Elektromobilität vor. „In Europa kann man an dieser Stelle exemplarisch die skandinavischen Länder nennen. Gleiches gilt aber auch für die Niederlande oder Österreich. Hier gibt es bereits viel klarer definierte Wege in Richtung Elektromobilität als bei uns“, erklärt Sulzenbacher.