Serie: Arbeitswelt der Zukunft
7. April 2022 5:55  Uhr

Medizin über Glasfaser und Fische unterm Salat

Um Berufe der Zukunft zu sehen, braucht es keine Glaskugel. Es genügt, aktuelle Megatrends im Blick zu behalten. Zu ihnen zählt nicht nur die Digitalisierung: Auch die ökologische Transformation trägt zur Umformung der Arbeitswelt bei.

Ein spezialisierter Telechirurg könnte in Zukunft mit der Hilfe von virtueller Darstellung des OP-Tisches und ferngesteuerter Robotik Patienten operieren, die sich an einem anderen Ort befinden. Foto: Gorodenkoff – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

NÜRNBERG. Ein firmeneigener Klimawald als Magnet für Azubis und Fachkräfte: Für Dr. Florian Lehmer ist diese Nachhaltigkeitsstrategie eines Innenausbauers aus dem Schwarzwald ein gutes Beispiel dafür, wie man sich mit dem Megatrend Klimaschutz Fachkräfte für die Zukunft sichert. Laut dem Arbeitsmarktforscher am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und Ansprechpartner für das Kompetenzfeld „Arbeitsmarkt im Strukturwandel” wird immer klarer: Neue Berufsfelder werden nicht nur durch die digitale, sondern auch durch die ökologische Transformation von Gesellschaft und Arbeitswelt entstehen.

Noch in seiner Ende 2020 erschienenen Studie „Die Jobs der Zukunft Berufswelt 2035 – 5 Trends” bezog sich das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte ausschließlich darauf, wie digitale Technologie die Rolle des Menschen in der Arbeitswelt verändern wird. Demnach werden bis 2035 2,1 Millionen neue Arbeitsplätze in Berufen geschaffen, die nur schwer durch Technologien ersetzt werden können und überdurchschnittlich nachgefragt werden dürften. „Die Jobs der Zukunft erfordern Interaktion mit anderen Menschen sowie Empathie und sind nur gering automatisierbar”, heißt es dazu in der Studie. Als Schlüsseltechnologien für die neue Arbeitswelt sieht Deloitte Robotics und Data-Analytics. Nach Meinung der Forscher wird der Zuwachs neuer Jobs hauptsächlich in den Bereichen Medizin, Bildung und Management stattfinden – und den technologisch bedingten Arbeitsplatzverlust überkompensieren.

Auch Florian Lehmer ist überzeugt, dass Zukunftstrends viele neue Arbeitsplätze schaffen werden. Doch Digitalisierung ist nur einer der Megatrends, die den Arbeitsmarkt der Zukunft gestalten werden. „Eine aktuelle Projektion von Kollegen aus unserem Haus hat ermittelt, dass von den im Koalitionsvertrag vereinbarten umweltpolitischen Maßnahmen die beiden Sektoren Bau und Landwirtschaft arbeitsmarkttechnisch am meisten profitieren. Und dann darf man natürlich auch nicht vergessen, dass die Elektrifizierung des Mobilsektors viele neue interessante Stellen etwa für Mechatroniker in der Hochvolttechnik schafft.”

Leiser Wandel oder Science-Fiction

Der stete Wandel bereits heute bestehender Berufsbilder ist eine Sache. Neue Berufe, die noch nach Science-Fiction klingen, aber durchaus in einigen Jahren zum Alltag gehören könnten, listet dagegen die Studierenden-Plattform Unicum auf. Der Telechirurg etwa könnte künftig mithilfe virtueller Realität in Verbindung mit Roboterchirurgie von München aus einen Patienten im Bayerischen Wald operieren. Vor Ort müsste dazu der ausführende OP-Roboter stehen und ein Assistententeam die OP vorbereiten. Der Spezialist könnte so seine Fähigkeiten auch außerhalb der Ballungsräume einsetzen. Die zugrundeliegende Computer-assistierte Chirurgie (CAS) gibt es bereits. Damit sie irgendwann auch wirklich eingesetzt werden kann, braucht es allerdings ein flächendeckendes 5G-Netz, um die Datenübertragung in Echtzeit sichern zu können.

Thermomix-Abende waren gestern. Morgen kommt der Haushaltsroboter-Berater ins Haus. Der wird laut Unicum.de weniger Markenvertreter sein als unabhängiger Dienstleister, der zusammen mit dem Kunden analysiert, welcher Roboter zum individuellen Familienleben passt. Eine Technologie, die heute bereits in vielen Bereichen zum Alltag gehört, könnte einige klassische Berufe revolutionieren: der 3-D-Druck. In der Zahntechnik wird das Verfahren mit Sicherheit Fuß fassen, da es die auf den Patienten hoch individuell zugeschnittene Arbeit des Zahntechnikers beschleunigt und vereinfacht. Experten gehen sogar so weit, einen 3-D-Handwerker der Zukunft zu sehen. Der würde, wenn ihm beim Kundentermin vor Ort ein Werkzeug fehlt, nicht in die Werkstatt zurückfahren, sondern es vor Ort individuell ausdrucken. Wie schon Lehmer sagt, wird auch die Landwirtschaft von den klimarelevanten Umbrüchen profitieren. Der Aquaponik-Fischfarmer wird dann Fischzucht und den Anbau von Nutzpflanzen klimaschonend und effizient kombinieren. Sein „Kollege”, der Urban Farmer, züchtet Nutzpflanzen dagegen auf städtischen Dachflächen, schont so landwirtschaftliche Flächen auf dem Land, reduziert CO2 durch kurze Lieferwege zum Verbraucher und sorgt für ein kühleres Stadtklima.

Ausbildung bleibt eine wichtige Basis

Doch ob Analytiker für autonome Verkehrssysteme, Abfalldesigner oder Experience-Designer für Virtual Reality – Lehmer betont einen grundsätzlichen Punkt, der ziemlich traditionell daherkommt: „Ein enorm wichtiger Aspekt des Arbeitsmarkts der Zukunft ist die Qualität der zeitgemäßen Ausbildung. Ob in Berufsschulen, Weiterbildungsinstituten oder den Betrieben selbst: Wir brauchen Zukunftskompetenzen bei den Ausbildern. Beim technologischen Weltmarktführer wird der Azubi mit Sicherheit eher mit neuen Technologien in Berührung kommen als beim kleinen Handwerksausbildungsbetrieb auf dem Land. Aber auch diese Betriebe dürfen nicht das Gefühl bekommen, abgehängt zu werden.” Dazu passt die Deloitte-Erkenntnis, dass Bildung einer der Megatrends der Zukunft sein wird.

Interview

Der Markt schafft die Berufe der Zukunft

Dr. Florian Lehmer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sieht Flexibilität und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen als wichtige Komponenten der Arbeitswelt der Zukunft.

Hier geht’s zum Interview …