Interview
7. April 2021 12:30  Uhr

Mehr Grün im Grau – und der Planet blüht auf

Felix Beer ist Transformationsforscher am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. Im Interview erklärt er, warum der Weg aus der Klimakrise nicht an den Städten vorbeiführen kann.

Klimafreundliche Maßnahmen in Städten könnten einen entscheidenden Teil zur Bewältigung der Klimakrise beitragen. | Foto: THINK b – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

Herr Beer, welche Rolle spielen unsere Städte in der Klimakrise?

Felix Beer: Urbane Räume sind Dreh- und Angelpunkt der Klimakrise. In ihrer jetzigen Form sind sie Treiber des Klimawandels. Gleichzeitig befinden sich in unseren Städten die wichtigsten Stellschrauben im Kampf gegen die Klimakrise. Klimafreundliche Maßnahmen in Städten könnten rund die Hälfte der weltweit benötigten CO2-Einsparungen ausmachen. Gebaute Umwelt ist allerdings auch betonierte Realität und nicht beliebig schnell veränderbar.

Wo sitzen diese Stellschrauben genau?

Der Individualverkehr muss erheblich reduziert werden. Wir brauchen gut vernetzte, emissionsarme Verkehrsinfrastrukturen. Funktioniert das, wird das Auto obsolet. Das Hauptproblem liegt in der pathologischen Abhängigkeit der Städte von fossilen Brennstoffen – im Verkehr wie bei Energiesystemen. Wir brauchen eine urbane Energiewende, die auf lokale und erneuerbare Energiequellen setzt. Auch Bauwerke sind ein wesentlicher Faktor. 40 Prozent der CO2-Emissionen gehen auf ihre Kosten. Unsere Art, zu bauen, ist nicht zukunftsfähig. Abreißen ist jedoch auch nicht die Lösung. Energetische Sanierungen sind oft viel energieeffizienter als Neubauten. Wir brauchen innovative Konzepte für die Erhaltung, Sanierung und Umnutzung von bestehenden Gebäuden.

Und die Digitalisierung?

Die Digitalisierung bietet einige Lösungen für Umwelt- und Klimaschutz, birgt jedoch auch Risiken, die oft ausgeblendet werden. Digitaler Wandel entsteht nicht im luftleeren Raum. Dahinter stehen konkrete Infrastrukturen wie Server, Rechenzentren oder Netzwerke mit umfangreichen Energie- und Ressourcenaufwänden. Der digitale Sektor ist aktuell für 4 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich – genauso viel wie der Flugverkehr. Ohne aktive politische Gestaltung wird die Digitalisierung zum Brandbeschleuniger der Klimakrise. Das Motto heißt: so viel Digitalisierung wie nötig, aber so wenig wie möglich.

Sind das Visionen oder tatsächliche Schritte, die wir in den kommenden Jahren erleben werden?

So, wie wir jetzt leben, können wir nicht mehr weiterleben. Wir haben noch fünf bis sechs Jahre, um die Weichen in der Klimakrise zu stellen. Die Aufgabe bedarf der Zuversicht, aber auch des politischen Willens und des Mutes zu Experimenten. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Aber ohne Fantasie, Vorstellungskraft und Wunschbilder gibt es auch keinen Fortschritt. Da können wir uns bei anderen Ländern noch etwas abschauen.

Sie meinen die skandinavischen Länder, oder? Deren Städte gelten ja als besonders nachhaltig. Warum hat der Norden da die Nase vorn?

Stimmt, dort wurden Städte sehr klug nachverdichtet und stadtplanerische Konzepte wie die 15-Minuten-Stadt eingeführt: In Großstädten werden dort Quartiere so umgestaltet, dass alle wichtigen Anlaufstellen innerhalb von 15 Gehminuten erreichbar sind. Das schafft nicht nur mehr Lebensqualität, sondern verkürzt auch Wege und reduziert Verkehr – und das ist natürlich nachhaltiger. In diesen Ländern gibt es mehr Experimentierfreude und Veränderungsbereitschaft. In Deutschland steht man dem Wandel eher skeptisch gegenüber.

Haben Sie eine Idee, warum das bei uns so ist?

Die deutsche Nachhaltigkeitsdebatte ist stark durch Katastrophennarrative und Verlustängste geprägt. Die Menschen sehen rot, wenn sie das Gefühl haben, ihnen wird etwas aufgedrückt oder weggenommen. Das ist jedoch nicht der Fall. Die Transformation ist auch eine Gelegenheit, Städte stärker auf die Bedürfnisse ihrer Einwohner auszurichten. Aber dafür braucht man den Mut, gemeinsam mit den Bürgern kontroverse Debatten zu führen.

Aber wie bindet man den Teil der Bevölkerung ein, der mit „Fuck you, Greta“-Aufklebern auf der Heckscheibe durch die Gegend fährt?

Wir brauchen eine Diskussion, die nicht nur den Verzicht hervorhebt. Wir müssen uns für das Klima nicht immer nur einschränken. Die Transformation birgt sehr viele Chancen. Wenn wir die Leute mitnehmen wollen, müssen wir positive Geschichten über die Zukunft unserer Städte erzählen. Kluge Transformationsstrategien reduzieren nicht nur Emissionen, sie schaffen neue Wirtschaftsfelder und Raum für Innovationen. Die nachhaltige Stadt ist ökonomisch erfolgreich, ökologisch verträglich, sozial gerecht – und damit ein lebenswerter Ort.

Dann schnell zu den schönen Geschichten: Wie grün – im tatsächlichen Sinn von Bäumen, Hecken und Parkanlagen – ist die Stadt der Zukunft?

Viel grüner als heute. Grünflächen binden nicht nur CO2-Emissionen, sie helfen gegen Luftverschmutzung und bei der Kompensation von Starkregen, regulieren die Temperatur und unterstützen erwiesenermaßen die mentale Gesundheit. Deshalb sollten wir künftig gezielt „grüne“ und „graue“ Infrastrukturen miteinander verweben. Kurzum: blühende Städte, blühender Planet.

Aber wo soll dafür Platz sein im Dicht-an-Dicht der Städte?

Dichte muss nicht zwangsläufig etwas Negatives sein. Durch kluge Nachverdichtung und Mischnutzung kann man kürzere Wege, lokale Wertschöpfung und hohe Diversität auf engem Raum schaffen. Das reduziert nicht nur Verkehr und Flächenversiegelung, sondern schafft auch mehr Platz für grünen und öffentlichen Raum. Nicht zuletzt entsteht dadurch auch mehr soziale Durchmischung und ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. Kompakte Siedlungsstrukturen können Umweltschutz mit Lebensqualität in Einklang bringen.

Fazit

Die nachhaltige Transformation unserer Städte läuft, muss angesichts der Klimaziele in den kommenden fünf bis sechs Jahren aber Fahrt aufnehmen. Die Vision: Kluge Nachverdichtung und autarke Stadtgebiete sorgen für kurze Wege und reduzieren den Individualverkehr. Vernetzte Mobilitätsangebote drängen das Auto ohnehin an den Stadtrand und schaffen Platz für Leben und Grünflächen. Die Digitalisierung ermöglicht nachhaltige Infrastrukturen, wird dabei aber mit Bedacht eingesetzt. Die Energiequellen in der Stadt von morgen sind lokal und erneuerbar. Bestehende Gebäude werden energetisch saniert und neuen Nutzungen zugeführt. Die Städte blühen (auf), die Wirtschaft floriert, die Lebensqualität steigt. Damit die Vision tatsächlich Realität wird, braucht es mehr Experimentierfreude, mehr Veränderungsbereitschaft, mehr politischen Willen und mehr Mut, kontroverse Debatten zu führen. Um möglichst viele Menschen ins Boot zu holen, müssen eher Chancen als der moralisierende Hinweis auf nötigen Verzicht den Diskurs ums Klima bestimmen.