Interview
29. August 2020 6:02  Uhr

Es braucht Mut und Individualität

Elke Walthelm, Executive Vice President Content bei Sky Deutschland, brachte „Babylon Berlin“, „Das Boot“ und „Der Pass“ zu Sky Deutschland und bescherte damit dem in Unterföhring bei München ansässigen Medienkonzern international erfolgreiche und preisgekrönte deutsche Serien. Im Interview spricht sie über die neue deutsche Serienvielfalt und über künftige Serienpläne.

Elke Walthelm, Sky – Executive Vice President Content: „Wir haben mit unseren Sky Originals ein Millionenpublikum erreicht.“ © Sky/Philipp Rathmer

Von Stefan Ahrens

Frau Walthelm, Sky-Serienerfolge wie „Babylon Berlin“, „Das Boot“, „Der Pass“ und „4 Blocks“ stehen stellvertretend für eine neue Qualität von Serienformaten, die im deutschsprachigen Raum konzipiert und produziert werden. Wann gelangte Sky Deutschland zu der Überzeugung, neben der Übernahme hochwertiger Serien von US-Sendern selbst ambitionierte Serienprojekte auf den Weg zu bringen?

Elke Walthelm: Bereits vor sehr langer Zeit haben wir darüber nachgedacht, nicht nur die hochwertigen Serien von HBO, Showtime und anderen Lizenzgebern zu promoten, sondern auch eigene Inhalte zu produzieren, um uns zum einen unabhängiger von Dritten zu machen und um zum anderen unsere eigenen Geschichten zu erzählen, die perfekt zu unseren Kunden passen. Dabei steht immer die Qualität und Einzigartigkeit im Fokus, und dies in mehrerlei Hinsicht: Ist es eine Geschichte, in der man sich verlieren kann? Ist der Produktionsstandard entsprechend hoch? Kommt das „Look & Feel“ ans Kino heran? Bringt die Produktion das „Talent“, also die Menschen vor und hinter der Kamera mit, die unsere Kunden begeistern? Und wir achten auf die richtige Kombination der Themen.

Kommt bei Ihnen auch so etwas wie der berühmte und angeblich allwissende „Netflix-Algorithmus“ zum Einsatz, der scheinbar genau weiß, was die eigene Zielgruppe sehen möchte?

Wir wollen möglichst verschiedene Zielgruppen ansprechen. Dafür gibt es bei uns keinen Entscheidungsbaum und keinen Algorithmus. Das entscheiden immer Menschen, die ein Gespür und eine Leidenschaft für die Themen haben. Unsere Serien-Eigenproduktionen sollen Leuchttürme sein. Bislang funktioniert diese Strategie sehr gut. Wir haben mit unseren Sky Originals ein Millionenpublikum erreicht und eine Vielzahl an Preisen gewonnen, unter anderem für „Babylon Berlin“, „Das Boot“ und „Der Pass“. Last but not least haben wir es geschafft, für Gesprächsstoff zu sorgen und die Marke Sky im Entertainmentumfeld zu positionieren.

Gibt es bestimmte Merkmale, die deutsche Serien haben müssen, um international Aufmerksamkeit zu erregen? Genauer gefragt: Müssen deutsche Serien ausschließlich im Dritten Reich, der DDR oder in der Weimarer Republik spielen oder ist die Fixierung auf die vergangene deutsche Geschichte auch bezüglich des Seriencontents, der hierzulande erstellt und international angefragt wird, zunehmend Vergangenheit?

Nein, deutsche Serien müssen nicht zwangsläufig im Dritten Reich spielen, um im Ausland erfolgreich zu sein, auch wenn Geschichten vor dem Hintergrund der damaligen Zeit immer wieder auf großes Interesse stoßen. Wichtig ist eine universelle, aber gleichermaßen einzigartige Geschichte, die nicht nur den Nerv des deutschen, sondern auch des internationalen Publikums trifft. „Der Pass“ ist dafür ein gutes Beispiel. Die Serie ist eine rein deutsch-österreichische Produktion und wurde innerhalb Europas, nach Osteuropa, USA, Kanada, Australien sowie Asien und in 29 Länder in Ozeanien verkauft.

Steht durch den immer höheren Contentbedarf der ständig wachsenden Streaminganbieter auch in Deutschland ein goldenes Zeitalter für Produktionsfirmen und Kreative bevor?

Eigenproduktionen spielen im Wettbewerb um Publikum und Abonnenten eine zentrale Rolle, und dies wird auch so bleiben. Für Kreative vor und hinter der Kamera ist das der Ansporn, individuelle und mutige Projekte zu erarbeiten. An Vorschlägen der Kreativen mangelt es uns nicht, aber die Geschichten müssen perfekt auf unser Publikum passen. Allein in Deutschland werden wir die Anzahl unserer deutschen „Sky Originals“ in den kommenden drei Jahren verdoppeln. Und gemeinsam mit Sky Studios, unserem europäischen Entwicklungs- und Produktions-Hub, unter dem wir unsere Produktionsaktivitäten in den Sky-Territorien UK, Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz unter einem Dach bündeln, werden wir den gesamten Output in Zukunft kontinuierlich erhöhen. Wir wollen gemeinsam eine unverkennbare Strahlkraft entwickeln, um ein führender Player im europäischen Produktionsmarkt zu werden. Damit können und wollen wir uns natürlich in einem sich ausdifferenzierenden Markt absetzen.

Können Streamingdienste für Kinos und TV-Sender auf lange Sicht das werden, was Amazon und Co. bereits jetzt für den stationären Handel sind: eine ernstzunehmende Bedrohung? Oder glauben Sie zumindest in Deutschland diesbezüglich an eine friedliche Co-Existenz?

Ich bin weiterhin der festen Überzeugung, dass es auch in fünf bis zehn Jahren noch lineare Fernsehsender geben wird. Auch mit Blick auf die Sehgewohnheiten unserer Sky-Kunden ist eindeutig festzustellen, dass selbst im Jahr 2020 der Großteil unserer Nutzung über lineare TV-Sender erfolgt – letztes Jahr lag der Anteil bei 80 Prozent. Das hängt natürlich auch mit unserem Livesport-Angebot zusammen. Aber natürlich beobachten wir auch eine stetig steigende Nachfrage nach On-Demand-Nutzung.

Und wie reagieren Sie auf die Nachfrage?

Diese Entwicklung gestalten wir mit unserem Streamingservice „Sky Ticket“ und unserem On-Demand-Angebot über unsere All-In-One-Plattform „Sky Q“ entscheidend mit. Ich gehe davon aus, dass diese Verschiebung in Richtung On-Demand-Nutzung weitergehen wird. Aber feststeht: Solange es eine Nachfrage für beide Darreichungsformen gibt, werden wir auch beide Welten bedienen.

Welche neuen Serieneigenproduktionen plant Sky Deutschland für die Zukunft?

Unser nächstes Highlight wird im Oktober die Ausstrahlung unseres Sky Originals „Hausen“ sein. Wie es der Name bereits andeutet, ist es eine „Haunted House“-Serie, eine Horrorserie, die Mystery und Drama in sich vereint und die es so im deutschen Fernsehen noch nicht zu sehen gab. Es ist eine Geschichte eines Vaters, gespielt von Charly Hübner, der als Hausmeister in einem maroden Gebäude eine neue Existenz für sich und seinen Sohn Juri, gespielt von Tristan Göbel, aufbauen will. Nach und nach entdeckt Juri, dass das Haus ein bösartiges Eigenleben hat und sich vom Leid seiner Bewohner, die es gefangen hält, ernährt. Das ist sehr atmosphärisch, düster und packend inszeniert von Lago Film, die den Roman „Tschick“ verfilmt haben.

Und wie sieht es mit weiteren internationalen Serieneinkäufen aus? Mitte August startete bei Sky die in den USA von der Kritik hochgelobte Science-Fiction-Miniserie „Devs“ von Starregisseur Alex Garland, dessen Filme „Ex Machina“ und „Auslöschung“ als moderne Science-Fiction-Klassiker gelten. Was ist für den Serienherbst zu erwarten?

Im Herbst präsentieren wir weitere exklusive Serien von HBO und Showtime, wie „The Undoing“ mit Nicole Kidman und Hugh Grant oder „Lovecraft Country“, ein Horror-Roadtrip durch das rassistische Amerika der 50er-Jahre sowie „The Comey Rule“, eine Miniserie, die auf dem Buch des Ex-FBI-Director James Comey basiert und die im Vorfeld der US-Wahlen sicherlich für Diskussionen sorgt. Und auch im Bereich der deutschen Sky Originals geht es weiter: Die Serien „Ich und die anderen“, „Der Pass 2“, „Astroland“ und „Souls“ sind nach der Coronapause wieder im Dreh beziehungsweise werden ihren Drehstart in den nächsten Monaten haben. Unsere Content-Pipeline ist gefüllt.

Zur Person

Elke Walthelm ist seit Februar 2016 Executive Vice President Content bei Sky Deutschland. In dieser Funktion ist Walthelm für die übergeordnete Programmstrategie von Sky Deutschland verantwortlich. Unter anderem zählen hierzu der Programmrechte-Erwerb, die Programmplanung sowie die Gestaltung des On-Demand-Angebots. Darüber hinaus fallen die Weiterentwicklung der Sky Film und Sky Entertainment Sender beziehungsweise Pakete sowie die Auswahl und Entwicklung von Eigenproduktionen in ihren Aufgabenbereich.
Walthelm ist bereits seit 2005 im Unternehmen und hat vor ihrer Berufung in das Executive Management Team als stellvertretende Programmchefin in erster Linie die Geschäftsbeziehungen zu allen Sky Partnersendern gesteuert. Vor ihrer Zeit bei Sky arbeitete sie bei der strategischen Unternehmensberatung BBDO Consulting.

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